Chronik | Österreich
18.11.2017

Sölden will Tunnel unter dem Dorf

Pläne für Ortsumfahrung in Tourismusmetropole treffen auf Widerstand.

Den Charakter eines Bergdorfs hat Sölden bereits vor Jahrzehnten eingebüßt. Mit zwei Millionen Nächtigungen im Winter ist die Ötztaler Gemeinde der Inbegriff des Massen-Skitourismus in Österreich. Hotels, Bars, Geschäfte und Liftanlagen stehen im Ort dicht gedrängt nebeneinander. Die touristische Infrastruktur ist zwischen Bergflanken hineingezwängt. Der gesamte Verkehr rollt über eine einzige Straße durch den Ort.

Nun nimmt ein Projekt wieder Fahrt auf, dass das Zentrum in Fußgänger- und Begegnungszonen verwandeln soll. „Der Verkehr verhindert es, Sölden in Richtung Qualität weiterzuentwickeln. Will man den Ort verschönern, ist es unabdingbar, ihn autofrei zu machen“, sagt Oliver Schwarz, Tourismusdirektor des Ötztals.

Pläne der Gemeinde sehen den Bau von zwei Tunneln für eine Ortsumfahrung vor. Eine der Röhren soll dabei im Osten des Dorfs nicht nur durch den Berg, sondern Richtung Süden auch unter Feldern, Häusern und dem Bach hindurchführen.

Sieben Varianten

Vergangene Woche wurde das Vorhaben betroffenen Grundstückseigentümern vorgestellt. Pläne für eine Ortsumfahrung werden in Sölden bereits seit den 1990er-Jahren gewälzt. Sieben Varianten gab es bereits – sie mussten allesamt verworfen werden. 2016 scheiterte die Idee, zwei Tunnelröhren im Westen zu bauen, an der dortigen Geologie.

Die jetzige Trasse war im Wesentlichen bereits vor mehr als 20 Jahren ein Thema. Schon damals gab es Widerstand aus der Bevölkerung. Und er ist auch nun wieder vorprogrammiert. Einer der Tunnel würde ausgerechnet unter dem Haus eines Ötztaler Bauern hindurchführen, der als besonders streitbar gilt. Auf der Trasse liegt das Grundstück des Polit-Bloggers Markus Wilhelm (dietiwag.org). „Auf meinem Grund beziehungsweise darunter wird es keine Umfahrung geben, das garantiere ich. Ablöse hin oder her. Der Grund gehört einem nach österreichischem Recht bis zum Erdmittelpunkt“, sagt Wilhelm, der den ruhigen Teil von Sölden von Zerstörung bedroht sieht.

38 Millionen Euro

Neben ihm gibt es noch zwei Dutzend weitere Grundstücksbesitzer, mit denen sich die Gemeinde einigen müsste. „Ich halte das für ein Zukunftsprojekt, das für Sölden notwendig ist“, sagt Bürgermeister Ernst Schöpf (ÖVP), der weiß, dass die Umfahrung nicht nur Freunde im Dorf hat. „Wir müssen jetzt in Detailverhandlungen treten“, sagt der Ortschef, der parallel dazu auch mit dem Land über die Finanzierung der Tunnel verhandeln will. Die Kosten beziffert Schöpf mit 37 bis 38 Millionen Euro.

Der für Straßenbau zuständige Landesrat Josef Geisler (ÖVP) hält die jetzige Variante zumindest für „technisch bewältigbar“. Es gibt freilich noch ein Problem. Die Trasse würde durch ein Schutzgebiet – das Ruhegebiet Stubaier Alpen – führen. Eine Grenzverschiebung bräuchte die Zustimmung der schwarz-grünen Landesregierung.