Österreichisches Spezifikum: Dr., Mag., BSc, MA und andere akademische Titel sollen vermitteln, wie kompetent ein Geschäftspartner ist.

© KURIER/Gilbert Weisbier

Musterprozess
09/18/2016

So titelgläubig ist Österreich wirklich

Optiker darf seinen britischen "Dr."-Titel nicht nützen. Grund: Verwechslungsgefahr mit Arzt.

von Jürgen Zahrl, Gilbert Weisbier

Dass viele Österreicher in einem nahezu unvernünftigen Maß "titelgläubig" sind, ist jetzt amtlich. Anlass ist der Fall eines Wiener Optikers, der eine ehrlich erworbene Doktorwürde auf seine Visitenkarte drucken wollte. Das hat ihm jetzt der Oberste Gerichtshof – nach einer Klage der Wiener Ärztekammer – in einer einstweiligen Verfügung untersagt, weil die Bezeichnung "Doktor" oder das Kürzel "Dr." im Zusammenhang mit einer medizinischen Berufstätigkeit zur Annahme führen könnte, dass es sich um einen Arzt handelt.

Das Höchstgericht geht in seinem Spruch davon aus, dass Österreicher mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Denkfehler machen, wenn sie mit einem Doktortitel konfrontiert sind: Nämlich, dass niemand außer einem Arzt diesen Titel trägt. Was viele für absurd halten. Denn natürlich sind auch Wissenschaftler außerhalb der Medizin berechtigt, diesen Titel zu erwerben und zu führen.

Im Spruch des Höchstgerichts ist zu lesen: "Der Doktortitel dürfe jedenfalls nicht in einer Art und Weise geführt werden, die – zumal im titelgläubigen Österreich – den Eindruck einer ärztlichen Qualifikation erwecke."

"Somit widerspricht das Höchstgericht der Ansicht des Wissenschaftsministeriums, das die Berechtigung, den Titel zu führen, schriftlich bestätigt hat", sagt Optiker-Innungsmeister Anton Koller, auf den der Fall ebenso zutrifft. Auch er hat in Großbritannien die anerkannte Ausbildung zum "Optometrist" (Laut Wikipedia die Lehre der Messungen und Bewertungen von Sehfunktionen, Anm.) absolviert. "Die Ausbildung, um die es geht, ist im Bologna-Vertrag (das Ziel war etwa die europaweite Harmonisierung von Studienabschlüssen, Anm.)", sagt Koller.

Irreführung

Thomas Holzgruber, Kammeramtsdirektor der Ärztekammer Wien, kontert: "Das Ministerium hat nur mitgeteilt, wie der Titel zu führen ist. So wie ihn der Optiker genützt hat, ist es zu einer Irreführung im Wettbewerb gekommen." Holzgruber argumentiert den Grund für den Musterprozess: "Es geht uns darum, die Kunden vor einer Verwechslung zu schützen."

Der Ärztevertreter geht jetzt davon aus, dass "die einstweilige Verfügung des Höchstgerichts auch im Hauptverfahren halten wird." Eigentlich müsste ein britischer Akademikertitel "hinter dem Namen geführt werden", sagt Holzgruber. Das Voranstellen habe die Verwechslung geradezu herausgefordert.

Heinz Kasparosky, der ein Fachmann für internationales Hochschulrecht und Anerkennungsfragen im Wissenschaftsministerium ist, ortet nach wie vor eine anhaltend starke "Titelaffinität" in Österreich. Die neue Vielfalt – auch durch eine Reihe verschiedenster Master-Studienlehrgänge – mache den Überblick zusehends schwierig. Insgesamt soll es in Österreich fast 900 Titel geben.

Laut einer Untersuchung von Marketagent.com halten "61,8 Prozent der Befragten Personen mit einem Titel für erfolgreicher, 58 Prozent für selbstbewusster und 54,2 Prozent für zielstrebiger als andere." Zumindest die Hälfte der Titelträger hatte den Eindruck, dass der einen spürbaren Vorteil bringt.

„International werden Titel seltener genannt“

„So gierig auf akademische Titel wie Österreich ist kaum ein Land.“ Davon ist Charlotte Eblinger, Geschäftsführerin des gleichnamigen Wiener Personalberater-Unternehmens, überzeugt. Seit der Monarchie sind Bürger quasi darauf trainiert, Amts-, Berufs- und akademische Titel zu sammeln, um sich in der Gesellschaft einen Stellwert zu erarbeiten. Die damaligen Herrscher sparten Geld, in dem sie lieber Berufstitel vergaben anstatt Gehaltserhöhungen zu zahlen. Während international Titel auf Visitenkarten immer seltener werden, wimmelt es auf österreichischen Geschäftskarten nur so vor Titeln verschiedenster Art. „Unsere deutschen Nachbarn schmunzeln deswegen über uns“, sagt Eblinger.

Jobangebote

IhreTeammitglieder sind Branchenkenner und nützen Prozesse und Methoden, um für spezielle Jobangebote die richtigen Kandidaten zu finden. „Akademische Titel spielen eine wesentliche Rolle. In Unternehmen, die österreichisch geprägt sind, müssen die Bewerber unbedingt einen Titel haben, um in gehobenen Positionen anerkannt zu werden“, weiß Eblinger. So soll erkennbar sein, dass sich ein Mitarbeiter in seinem Spezialfach theoretisch auskennt. Aus ihrer Sicht ist nachvollziehbar, dass Ärzte in Österreich nach dem Studium ausschließlich den „Dr.“-Titel tragen. „Ein Doktor will seinem Patienten ja vermitteln, dass er medizinisch bestens ausgebildet ist“, schildert Eblinger.

Dass ein heimischer Busunternehmer mit einem „Dr.“-Titel wirbt, sei gar nicht notwendig, weil beim Personentransport keine akademische Qualifikation Voraussetzung ist, „es wirkt aber elitär“, meint die Personalberaterin.

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