Rainer Adlhart wohnt in London unweit der berühmten Tower Bridge

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Fernweh
03/05/2017

Sie sind dann mal weg: Warum es Österreicher ins Ausland zieht

565.000 Österreicher leben im Ausland. Der KURIER hat vier davon getroffen.

von Michaela Reibenwein, Johanna Kreid, Karl Oberascher

Es gibt viele Gründe, dem Heimatland den Rücken zu kehren. Die Liebe, den Job, einen Neustart. Laut Außenamt gibt es aktuell 565.000 Auslands-Österreicher – Tendenz steigend. Die meisten Österreicher zieht es ins deutschsprachige Ausland. Rund 254.000 leben in Deutschland, speziell in Bayern und Baden-Württemberg.

Auf Platz zwei der beliebtesten Auswanderungsländer steht die Schweiz mit 64.000 österreichischen Auswanderern. Dann folgen die USA (35.000), Großbritannien (25.000) und Australien (25.000). Bemerkenswert: auch in Argentinien gibt es eine Österreicher-Community. 17.000 Auslandsösterreicher leben dort – speziell Ältere, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg ansiedelten und ihre Nachkommen.

Vier Auswanderer haben dem KURIER ihre Geschichte erzählt.

Anwalt macht den Öxit

Zum Beispiel Rainer Adlhart. Den 30-Jährigen zog es vor vier Jahren nach England. Nicht das Fernweh war es, das ihn dorthin brachte. Es war der Job, ganz simpel. Der gebürtige Salzburger arbeitet in der Londoner City als Wirtschaftsanwalt in einer der fünf größten Kanzleien ihrer Art. "Es ist eine ganz eigene Welt", sagt Adlhart. Lange, dafür flexible Arbeitszeiten, ein internationales Team und natürlich: hervorragende Karriere-Aussichten. "Man könnte auch Parallelwelt dazu sagen", meint Adlhart. Abseits von den sozialen Problemen Englands, abseits von Abstiegsängsten – und Brexit. Wobei die Entscheidung der Briten, aus der EU austreten zu wollen, insbesondere in Adlharts Branche für Schnappatmung sorgt. "Man merkt schon, dass hier jeder die Luft anhält und erst einmal abwartet, wie sich die Kapitalmärkte entwickeln." Viele Kollegen hätten sich schon neu orientiert, ziehen demnächst nach Paris oder Frankfurt.

Wohin es ihn in Zukunft verschlägt? "Das wird sich weisen. Es ist wichtig, flexibel zu bleiben. London ist eine sehr schnelllebige Stadt", sagt Adlhart, der auch die (relative) Nähe zu seiner Familie in Salzburg zu schätzen weiß. Nach Studienaufenthalten in New York und Sydney sei das mit ein Grund gewesen hierher, und nicht etwa nach Singapur, das asiatische Finanzzentrum, zu ziehen. Den Kontakt zu seiner Heimat, den will er nämlich auch als "Auswanderer" nicht missen.

Wie zur Erinnerung hat er deshalb eine Österreich-Flagge auf der Dachterasse seiner Wohnung gehisst. Mitten in der Londoner City – unweit der St. Paul’s Cathedral – weht sie nun da vor den Augen der Banker, die in den benachbarten Gebäuden oft bis spät in die Nacht arbeiten. Auch dann noch, wenn der Wirtschaftsanwalt aus Salzburg schon längst im Pub steht, "gelegentlich auch in der Lederhose."

Back die Badehose ein

Der Weg von Christoph Felber war eigentlich vorgezeichnet. Aufgewachsen im großen Familienbetrieb, lernte er Bäcker. Doch das ging im eigenen Unternehmen nicht ohne Reibereien. Felber ging, verkaufte Fenster. Und suchte schließlich einen Platz zum Kitesurfen. Er landete in Costa Rica.
Wieder als Bäcker. „Der Beruf hier ist völlig anders. Du hast andere Zutaten, andere Öfen. Du lernst alles neu“, erzählt der heute 41-Jährige. Doch auch diesmal hielt er es nicht lange aus. Er zog in den Touristenort El Arenal, eröffnete eine Pizzeria und eine Bäckerei. Dann kam die Finanzkrise, die Gäste blieben aus.
Felber fing noch einmal neu an. Diesmal in Nosara, im Westen Costa Ricas. Und hier ist er heute noch. Er managt die Finca Austria, demnächst kommt ein Apartment-Projekt in Samara dazu.
Zum Kitesurfen bleibt keine Zeit. „Wenn die Saison vorbei ist, sind hier auch keine Wellen.“ Urlaub macht er deshalb in Brasilien. Was er vermisst, sind Speckjause mit Schwarzbrot und Käsekrainer. „Das Klima geht mir nicht ab“, lacht er. Was man von den Einheimischen lernen kann? „Glücklich zu sein und im Heute zu leben.“

Ein "sehr langer jonge"

„In Österreich hat man Wetten abgeschlossen, wie schnell ich zurück sein werde“, erzählt Eva Lehrbaum. Das war 1993. Damals zog die Niederösterreicherin in die Niederlande – wo sie immer noch lebt. Und zwar in Uitgeest, einem Dorf nordwestlichen von Amsterdam. „Sie haben alle in ihre Wette verloren“, scherzt sie.
Die Reise nach Holland begann eigentlich auf der griechischen Insel Kos. Dort sah Lehrbaum in einer Diskothek einen „sehr langen jongen“ – einen großen Burschen – wie sie in einer charmanten Mischung aus Deutsch und Holländisch schildert. „Da ich 1,85 Meter groß bin, musste ich den kennenlernen.“ Kurz darauf zog sie zu ihm in die Niederlande.
Die Sprache beherrschte sie rasch, auch die Lockerheit der Niederländer lernte sie zu schätzen: „Man duzt alle, auch den Chef.“ Mittlerweile lebt sie mit einem anderen Mann zusammen. „Nach 13 Jahren habe ich mich neu verliebt.“ Sie und ihr Mann sind selbstständig, sie betreuen die Buchhaltung mehrerer Firmen. Ob sie nach Österreich zurückkehren möchte? „Sag niemals nie“, erwidert sie. „Auch wenn ich es mir nicht vorstellen kann. Die Umstellung wäre sehr groß.“

Strand-Liebe

„Was mich wirklich überrascht hat: Ich habe schon nach kurzer Zeit auf Englisch geträumt“, erzählt die Niederösterreicherin Rafaela Salzer, die 2003 nach Australien ausgewandert ist. Stichwort Traum: Für viele lebt sie in ihrer neuen Heimat wohl einen solchen. Sie wohnt in Sydney in unmittelbarer Nähe vom bekannten Bondi Beach. Was sie dort am meisten liebt? „Den Strand, die Sonne, die Kleinstadt-Atmosphäre in der Großstadt.“
Nach Australien verschlug es sie wegen ihres australischen Ex-Mannes. „Als die Ehe nach einigen Jahren im Guten auseinander ging, freute sich meine Familie auf meinen Umzug nach Österreich. Für mich war aber klar, dass Sydney meine Stadt ist und ich bleibe“, sagt Salzer.
Mittlerweile ist sie selbstständig und exportiert australische Bademode nach Europa (www.beachlifeaustralia.at). „So kann ich Austria und Australia verbinden“, scherzt sie. Ob sie zurückkehren möchte? „Im Winter ist es hier relativ kalt und die Häuser sind für den Sommer gebaut“, erwidert sie. „Mein Traum wäre, Frühling und Sommer auf der Südhalbkugel, und dann Frühling und Sommer auf der Nordhalbkugel zu verbringen.“
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