Semmering: Zehn Jahre ohne Tageslicht

Der KURIER besuchte die größte Baustelle Österreichs. 900 Meter weit haben sich die Arbeiter beim Bau des Semmering-Basistunnel bereits in das Berginnere vorgesprengt.

Bohren der Löcher für den Sprengstoff Die Männer hantieren mit dem Sprengstoff Zehn Jahre lang wird an dem Tunnel gebaut

Kein Tageslicht, nur Schutt, Staub und hochexplosive Materialien: Nicht gerade eine einladende Beschreibung für einen Arbeitsplatz in den kommenden zehn Jahren. Jakob Strobl-Mayer macht das nichts aus. Der Arbeiter aus Zell am See ist "Partieführer" auf der derzeit größten Baustelle Österreichs, dem Semmering-Basistunnel.

Seit 1985 arbeitet er fast ausschließlich im Untertagebau. "Wegen der besseren Bezahlung", sagt Strobl-Mayer. Zehn Tage schuften er und seine Kollegen im Schichtbetrieb am Tunnelvortrieb, danach geht es für vier Tage nach Hause zu den Familien. Rund 1200 Personen sind insgesamt am Semmering beschäftigt.

Dass der Tunnel überhaupt gebaut wird, grenzt fast an ein Wunder. Über 30 Jahre lang hat das drei Milliarden Euro teure Projekt die Politik, Bürgerinitiativen, Umweltschutzorganisationen und Anrainer gespalten. Bis zuletzt gab es massiven Widerstand der Gegner, die von einer mutwilligen Umweltzerstörung sprechen.

Davon will ÖBB-Projektleiter Gerhard Gobiet nichts mehr hören. "Wir sind die best geprüfte Baustelle des Landes. Nicht nur im Vorfeld mit 13 verschiedenen Bescheiden, sondern auch jetzt während des Baus". Kontrollorgane der Ministerien überwachen jeden Schritt. Besonderes Augenmerk wird auf Umweltbeeinträchtigungen gelegt. Sämtliches Wasser, das durch die Bauarbeiten aus dem Berg austritt, wird in Gloggnitz in riesigen Becken gesammelt, gereinigt und durch ein ständiges Monitoring kontrolliert. "Bevor das Wasser in die Schwarza geleitet wird, darf es aus ökologischen Gründen maximal eineinhalb Grad Temperaturunterschied zum Fluss haben", erklärt Gobiet. Für den Fall, dass im Berginneren Trinkwasser anfällt, wird dafür eine Leitung mit eingebaut.

Bevor der KURIER zusammen mit den Ingenieuren ins Berginnere vordringen darf, gibt es eine Sicherheitsunterweisung. "Jeder im Tunnel trägt eine elektronische Karte. Damit kann der Standort jeder Person im Notfall genau geortet werden", erklärt Thomas Koller von der Bauaufsicht. Die Fahrt mit dem Baustellenfahrzeug geht vom Portal in Gloggnitz, NÖ, aus fast 900 Meter weit in eine der beiden Tunnelröhren. Gebaut wird in diesem Bereich wegen der geologischen Bedingungen im Bagger- und Sprengvortrieb. Partieführer Strobl-Mayer und seine Männer bohren mit einer mächtigen Maschine eineinhalb Meter tiefe Löcher ins Gestein. Darin versenken sie lange Stangen, die an eine Knackwurst erinnern. Knackwurst, die es in sich hat. "Das sind 27 Kilo Emulsionssprengstoff", erklärt einer der Arbeiter.

Zeit ist im Tunnelbau Geld. Daher gilt es, rasch 100 Meter hinter die Sicherheitsmarkierung zurückzugehen. Für ein wenig "Sprenggeld" (nach Brauch eine Kiste Bier oder Körberlgeld) darf der KURIER-Reporter die Sprengung vornehmen. Mit einem lauten Knall und einer spürbaren Druckwelle wurden gut zwei Meter Gestein aus das Bergmassiv gesprengt. Jetzt liegt es am Bagger, das Material wegzuschaffen, damit die Tunnelwände mit Eisenmatten ausgekleidet und Spritzbeton überzogen werden können. Pro Tag schaffen die Männer etwa fünf Meter Vortrieb.

Nothaltestelle

Fertig gebaut sind bereits die beiden 400 Meter tiefen Versorgungsschächte auf steirischer Seite im Fröschnitzgraben. Tief im Berg entsteht hier auf halber Strecke zwischen Gloggnitz und Mürzzuschlag die Nothaltestelle. Von diesem Punkt aus wird mit Vortriebsmaschinen in Richtung Gloggnitz entgegengearbeitet. "Das ist beachtliche Ingenieurskunst. Auf einer Länge von sieben Kilometern weichen die Röhren maximal zehn Zentimeter von einander ab", sagt Gobiet.

Chronologie

Politik streitet seit 30 Jahren um den Tunnel

Die Fahrzeit mit dem Zug von Wien nach Graz verkürzt sich um eine halbe Stunde.

Bereits seit mehr als 30 Jahren wird um den Bau des Semmering-Basistunnels heftigst gestritten. In den 1980er-Jahren begannen die Vorplanungen der ÖBB für einen Eisenbahntunnel zwischen Gloggnitz in Niederösterreich und Mürzzuschlag in der Steiermark. 1991 wurden Planung und Bau des Tunnels an die Hochleistungs AG (HL AG) vergeben und 1994 folgte der Baubeginn für den Sondierstollen.

Zum Paukenschlag kam es 1998, als das Land Niederösterreich mit einem negativen Naturschutzbescheid das Projekt zu Fall brachte. Als die HL AG dagegen beim Verfassungsgerichtshof mit einer Beschwerde ankämpfte, erließ das Land NÖ einen neuen Naturschutzbescheid, der das Projekt weiter verschleppte. Einer der Gründe für die Ablehnung war der massive Wasserverlust durch den Röhrenbau.

Das Projekt wurde schließlich überarbeitet. 2008 stimmte das Land NÖ dem "Semmering-Basistunnel neu" zu. Die Tunnelgegner kritisierten, dass der Wasserverlust beim neuen Projekt ein Vielfaches ausmache.

Der zweiröhrige Tunnel schlängelt sich unterirdisch von Gloggnitz nach Mürzzuschlag – allerdings nicht auf direktem Wege sondern in einer Kurve durch den Pfaffensattel. Die Variante wurde aufgrund von Bergwasser-Vorkommen und problematischer Gesteinsschichten gewählt. Die Röhren sollen 2026 fertig sein und mit dem Fahrplanwechsel 2027 in Betrieb gehen. Bahnfahrer profitieren von 30 Minuten Zeitersparnis auf der Strecke zwischen Wien und Graz. Die Fahrzeit zwischen den beiden Städten wird auf der neuen Strecke etwas mehr als zwei Stunden betragen. Personenzüge können in dem Bereich 230 km/h schnell unterwegs sein. Die Gesamtkosten für das Projekt werden mit 3,3 Milliarden Euro beziffert. Bereits zwei Milliarden Euro davon sind laut ÖBB an Aufträgen bereits vergeben und damit gebunden.

(kurier) Erstellt am
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