Chronik | Österreich
18.05.2017

Schüler streiken für ihre Schule

Zwei AHS in Leoben sollen ab Herbst fusioniert werden. Im "Alten Gymnasium" wird demonstriert.

"1 + 1 = 1?" steht auf dem Zettel, den ein Schüler in die Höhe hält. Er selbst hat einen weißen Papiersack über dem Kopf, nur eine Ziffer unterscheidet ihn von seinen Freunden: "Wir werden zu Nummern gemacht", begründet Schülervertreter Hannes Schmidt. "Unsere Identität geht verloren."

Rund 400 Schüler des BG/BRG Leoben I, in der Montanstadt meist als "Altes Gymnasium" bezeichnet, treten Mittwoch in Streik. Mit ihren nummerierten Papiersackerln über den Köpfen formen sie ein stummes, aber deutliches "No". Gestreikt wird ab 13 Uhr; außerdem im Innenhof der Schule, weil es keine angemeldete Veranstaltung ist. Dennoch wird die Aktion von zwei Polizeibeamten beäugt, sicherheitshalber bei der Menge an Kindern und Jugendlichen: Die Schüler demonstrieren , weil sie ihre Schule behalten wollen. Das "alte Gymnasium" soll nämlich ab Herbst mit dem BG/BRG Leoben neu zusammengelegt werden.

Größere Klassen

"Das ist über unsere Köpfe entschieden worden", ärgert sich Carolin Kogler, die den Streik mit ihren Mitstreitern aus der Schülervertretung organisiert und damit auch für erstaunliches Medienecho gesorgt hat. "Wir wollen, dass unsere Schule eigenständig bleibt." 654 Schüler hat das "Alte Gymnasium" jetzt; wird es mit der anderen Schule fusioniert, steigt die Anzahl auf 1100.

Die Jugendlichen sorgen sich um ihre kleinen Klassen und Bildungsmöglichkeiten: Ihr Haus habe unter anderem einen musischen Schwerpunkt, in der Oberstufe säßen bloß zwischen 15 und 20 Schülern im Unterricht. Eine Anzahl, die steigen werde, befürchtet Hannes Schmidt. "Wir werden zu einer Nummer."

Allerdings ist die Situation in Leoben eine ungewöhnliche. Die beiden AHS sind Nachbarn und durch einen neuen Verbindungstrakt und Bibliothek auch bald räumlich verbunden. Einer der Gründe, weshalb die Zusammenlegung beschlossen worden sei, heißt es im Unterrichtsministerium. "Es gibt Synergieeffekte, der Nutzen überwiegt", betont eine Sprecherin.

Ein Direktor in Pension

Schüler, aber auch Elternvertreter bewerten das anders. Der Direktor des "Alten Gymnasiums" geht im September in Pension, der Landesschulrat beantragte wie üblich, seinen Job neu auszuschreiben doch das Ministerium verweigerte. Statt dessen wurde die Fusion ab dem kommenden Schuljahr angeordnet, unter der Leitung der Direktorin des BG/BRG Leoben neu.

Der Schulgemeinschaftsausschuss bat Unterrichtsministerin Sonja Hammerschmid in einem Brief, die Entscheidung zu überdenken. Eine Pressekonferenz im Anschluss an den Streik der Schüler wurde aber abgesagt. Im Ministerium wird jedoch beteuert, dass es nicht um Einsparungen gehe. Es sollten bloß vorhandene Strukturen besser genützt werden. Würde Geld eingespart, bliebe es am Standort.

Die Schüler des "Alten Gymnasiums" hoffen unterdessen weiter. "Wir warten jetzt einmal auf das Echo unseres Streiks", überlegt Carolin Kogler. In einer Resolution fordern die Schülervertreter, beide Institutionen weiterzuführen. Zusammenarbeit sei gerne gesehen, eine Zusammenlegung aber nicht: "Es ist nicht unser Ziel, einen Konkurrenzkampf zwischen den beiden Gymnasien zu starten", betonen sie. "Aber wie will man den Bildungsstandard anheben, wenn man gleichzeitig aus Spargründen Stellen streicht?"