Auf der Flucht

Eine junge Frau aus Pakistan lebt seit Jahren versteckt in Österreich – aus Angst vor ihrem Ehemann, den sie nie heiraten wollte.

Die junge Frau mit den langen, schwarzen Haaren lächelt viel. Doch oft steigen ihr auch die Tränen in die Augen. Nennen wir sie Leila. Ihr wahrer Name darf nicht veröffentlicht werden – denn ihr Ex-Mann ist noch immer auf der Suche nach ihr. Zwei Mal hat er sie schon gefunden. Nur durch Zufall entkam sie immer wieder. Und Leila weiß: Wenn er sie findet, hat sie ein Problem. Ein großes Problem.

Leila stammt aus Pakistan. Mit 23 Jahren wurde sie verheiratet – mit ihrem Cousin, der bereits in Europa lebte. „Dagegen konnte ich mich nicht wehren. Das ist einfach so. Frauen sind nichts wert. Und wenn sich eine Frau wehrt, ist sie automatisch eine Hure“, sagt Leila.

Die Hochzeit fand in der Heimat statt. Wochen danach holte sie ihr Ehemann in ihr neues Zuhause. „Ein fremdes Land, eine andere Kultur und eine Sprache, die ich nicht verstehe“, erinnert sich Leila.

Doch davon bekam sie nicht viel mit. Denn allein durfte sie nicht aus dem Haus. Die Sprache sollte sie nicht lernen. „Ich war den ganzen Tag daheim, habe geputzt und gekocht und sogar die Socken gebügelt.“ Im Fernsehen empfing man über Satellit die Sender der alten Heimat, Besuch gab es ausschließlich von Landsleuten.

Käfig

Sechs Jahre lang hielt Leila in dem Käfig durch, bekam zwei Kinder. Und ihr Mann wurde immer gewalttätiger. „Ich habe versucht, die Ehe zu retten“, erklärt sie. „Ich hätte sonst die Familienehre beschmutzt.“ Aber auch aus Angst, dass er die beiden Kinder entführen könnte.

Nachbarn bekamen die Gewaltausbrüche des Mannes mit. „Sie haben mich immer gefragt: ,Warum bist du noch hier? Geh doch weg.‘“ Doch Leila blieb. So lange, bis es zur „Explosion“ kam, wie sie selbst sagt. Die Polizei rückte an und brachte Leila mit den Kindern in ein Frauenhaus.

Doch zu Ende war ihre Odyssee damit noch lange nicht. Denn bei den Behörden stieß sie nicht immer auf offene Ohren. „Da war er immer der nette Mann. Und seine Freunde haben gesagt, ich bin die Stufen runtergefallen. Niemand hat mir geglaubt. Nicht einmal mein eigener Anwalt“, schildert sie. „Das war eine große psychische Belastung für mich.“

Und auch den Schutz vonseiten des Gesetzes vermisste sie. „Da gibt es viele Lücken. Egal, ob beim Jugendamt oder vor dem Familiengericht. Das muss sich ändern“, sagt die junge Frau.

Auf der Flucht vor ihrem Mann reiste sie durch ganz Österreich. Immer wieder holte er sie ein – auch mithilfe der Behörden, wie Leila sagt. „Durch die gerichtsanhängigen Sachen hat er immer wieder meine Adresse herausgefunden.“

Versteckt

Vier Jahre ist es mittlerweile her, dass Leila aus der Ehe ausbrach. Heute lebt sie irgendwo in Österreich, versteckt. Zu ihrer Familie hat sie keinen Kontakt mehr. „Ich will ein ruhiges, unbeschwertes Leben mit meinen Kindern führen. Und vielleicht auch beruflich etwas schaffen“, erklärt sie. Gerade macht sie ein Berufscoaching, um sich eine Zukunft aufbauen zu können.

Die jüngste Verlobte war erst elf Jahre alt

Zahlen gibt es keine. Zwangsehen werden nicht in der breiten Öffentlichkeit vollzogen. Und nur selten wagen es Frauen, aus diesen arrangierten Ehen auszubrechen. Doch die Dunkelziffer ist hoch. Auch in Österreich. Doch das Hilfsangebot ist beschränkt. Nur zwei Einrichtungen – eine in Wien und eine in Graz helfen betroffenen Mädchen und Frauen. Eigene Unterbringungen gibt es keine. „Das Problem verschwindet nicht, wenn man es ignoriert“, sagt Meltem Weiland von der Wiener Organisation Orient Express.

Im Vorjahr wandten sich 83 Frauen und Mädchen an die Einrichtung. „54 waren von einer Zwangsheirat bedroht, 29 davon betroffen“, sagt Weiland. Oft ist der Cousin der ausgewählte Ehemann. Und es wird nicht lange gefackelt. Ab 14 Jahren werden die Mädchen zumindest verlobt. „Im Vorjahr hatten wir eine Klientin, die war elf“, erzählt Weiland.

Die Familien stammen aus allen sozialen Schichten und aus vielen unterschiedlichen Herkunftsländern. „Derzeit betreuen wir viele tschetschenische Mädchen“, sagt Weiland. Aber auch Frauen aus Pakistan, Sri Lanka, Afghanistan, der Türkei und Bangladesch sind betroffen. Geheiratet wird in der Heimat. Wendet sich eine Betroffene an die Beratungsstelle, muss sie zuerst sicher untergebracht werden. Und da hapert es. Denn eigene Einrichtungen gibt es nicht. „Früher oder später kommt es zu einer Konfrontation mit der Familie.“ Die Konsequenz für viele, die sich wehren: „Sie können sich nicht mehr blicken lassen.“

Oder es kommt noch schlimmer: Emina Saric vom Grazer Caritas-Projekt Divan erinnert sich an einen Fall, als der Vater einer Frau anreiste, um die Ehre zu retten. „Er wollte seiner Tochter Säure ins Gesicht schütten.“ Die Frau wurde versteckt. Psychologen mussten sie betreuen, denn der Vater stellte klar: Findet er seine Tochter nicht, muss eben deren Schwester die Strafe bekommen. 74 Frauen wandten sich heuer an Divan. „Wir helfen bei der Wohnungssuche, bieten Hilfe bei psychischen, sozialen und juristischen Problemen“, erklärt Saric. Verpflichtende Deutsch-Kurse für Migranten hält sie übrigens für die beste Waffe. „Dadurch kommen die Frauen aus dem Haus. Sie lernen die Sprache. Und sie finden Anschluss.“ Anschluss, der aber nicht immer gewünscht ist.

( Kurier ) Erstellt am 01.01.2013