Schelte für fehlende Asyl-Quartiere für Flüchtlinge

Flüchtlingskoordinator der Erzdiözese Wien, Rainald Tippow geht mit säumigen Pfarren hart ins Gericht. © Bild: KURIER/Gilbert Novy

Bezug Anfang Oktober. Flüchtlings-Koordinator fordert von Pfarren mehr Solidarität.

"Es darf keine pastorale Einrichtung geben, die sagt: ‚Die Flüchtlingsproblematik geht uns nichts an.‘ Da gebe ich keine Ruhe." Mit dieser Kampfansage an die 660 Pfarren der Erzdiözese Wien präsentierte der kirchliche Flüchtlings-Koordinator Rainald Tippow den Fahrplan zur Aufnahme von 1000 Flüchtlingen.

Wie berichtet, hatte Kardinal Christoph Schönborn vor zwei Wochen angekündigt, für mindestens 1000 Asylwerber ein Obdach zu schaffen. Mit 1. Oktober werden die ersten Quartiere bezogen – auch in unmittelbarer Nähe des Stephansdomes.

In den ersten beiden Wochen konnten 120 Wohnmöglichkeiten in kirchlichen Einrichtungen oder in den von den Pfarren angemieteten Gebäuden geschaffen werden. "Die Kapazität dabei reicht von einem bis zu 20 Plätzen", erklärt der ehemalige Caritas-Manager Tippow. Vom erklärten Ziel, 600 dauerhafte Quartiere zur Verfügung zu stellen, ist die Erzdiözese noch weit entfernt. Der Koordinator geht daher mit den säumigen Pfarren in der Erzdiözese hart ins Gericht: "Es gibt Pfarren, denen man das Evangelium im christlichen Zusammenhang buchstabieren muss."

Echte Integration

Tippow spricht damit das fehlende Engagement der Kirchengemeinschaft an. Denn bei den Unterbringungs-Plätzen soll Nachhaltigkeit garantiert sein. Das bedeutet, dass Kindergarten-, Schul- und Ausbildungsplätze geschaffen werden müssen. Auch intensive Deutschkurse sind unumgänglich. Denn jenen Asylwerbern, die von der römisch-katholischen Kirche betreut werden, soll echte Integration ermöglicht werden.

Ein Grund für die Defensive mancher Pfarren könnte die nichtchristliche Glaubensrichtung vieler Flüchtlinge sein. Toni Faber, Dompfarrer zu St. Stephan betonte im KURIER-Interview, dass "der Glauben keine Rolle spielen darf".

Tippow relativierte auch die zurückhaltende Position einiger Klöster: "Es macht keinen Sinn, Flüchtlinge in Klöstern unterzubringen, wo seit hundert Jahren kein Mönch mehr gewohnt hat." Nachsatz: "In solchen Fällen erwarte ich, dass Räumlichkeiten in den Gemeinden angemietet werden."

Bleibt die Frage nach der Finanzierung der 1000 angepeilten Flüchtlingsplätze in der Erzdiözese. "Betreffend der Dauerunterbringungen gibt es Gespräche. Das muss man sich anschauen. Denn die Rahmenbedingungen sind komplexer als bei der jetzigen Unterbringung für ein oder zwei Tage."

Damit sprach der Koordinator die aktuelle Lage an. Alleine in der Nacht auf Dienstag bot die Erzdiözese direkt neben dem Stephansdom 50 Flüchtlingen in einem Lehrsaal ein Nachtquartier. Danach zogen die Migranten zum Westbahnhof und fuhren nach Deutschland. Über Wien verteilt, versorgte die Kirche in der Nacht auf Dienstag 440 Flüchtlinge. In den vergangenen Wochen stellten Pfarren, Klöster und die Caritas über 2000 Notschlafplätze zur Verfügung. Das ist knapp ein Viertel der Gesamtkapazität im Raum Wien.

Vorbildwirkung

Setzt sich die Politik der Verteilung von Asylwerbern auf EU-Mitgliedsstaaten durch, dann ist auch Österreich gefordert, mehr Menschen in Asylverfahren aufzunehmen. "Europa kann das mit Solidarität schaffen. Menschen in der Grundversorgung brauchen Perspektiven." Ob die Erzdiözese Wien ein Vorbild für andere Diözesen sein wird, bleibt offen. Zwar bieten die neun Diözesen Notschlafstellen an, der Ausbau von Quartieren für Asylwerber – zusätzlich zu den bereits bestehenden Plätzen – ist mit wenigen Ausnahmen aber nicht geplant.

( kurier.at ) Erstellt am 23.09.2015