Samuel Koch

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Buch
10/18/2015

Samuel Koch: "Bin nie in tiefes Loch gefallen"

Sein Unfall bei "Wetten, dass...?" jährt sich bald zum fünften Mal. Nun schrieb Koch ein Buch über Glück.

von Ida Metzger

KURIER: Herr Koch, fünf Jahre nach Ihrem Unfall haben Sie nun ein Buch geschrieben, wie Sie mit Ihrer Querschnittslähmung glücklich durchs Leben kommen. Sie halten der Gesellschaft aber auch einen Spiegel vor die Augen und zeigen, dass wir trotz großem Wohlstands Probleme haben, glücklich zu sein. Warum ist das so?

Samuel Koch: Es war nicht meine Absicht, ein gesellschaftskritisches Buch zu schreiben. Meine Initialzündungen für das Buch sind meine Erfahrungen und die Fragen, die ich mir in den letzten Jahren gestellt habe. Alles, was mich einmal ausgemacht hat, war mit einem Schlag weg. Da steht man vor der Frage: Werde ich jemals noch glücklich sein, weil die Voraussetzungen nicht mehr ideal sind?

Und wie haben Sie das Glück wieder gefunden?

Anfangs dachte ich: Ich kann nie wieder glücklich sein. Ich werde wenig Freude haben. Dann entdeckte ich, dass es einfache Glücksmomente schon sehr früh nach dem Unfall gab. Es verging kein Tag ohne Lachen. Nachhaltiges Glück ist ein Prozess, der andauert und den man auch behüten muss. Es gibt keinen Vertrag mit dem Glück, man muss sich dafür entscheiden. Ich könnte den ganzen Tag wütend sein und mich fallen lassen. Aber ich konzentriere mich einfach auf das, was ich kann – und nicht auf meine Defizite.

Im Buch schildern Sie Ihren ersten Blick in den Spiegel nach dem Unfall. Damals befiel Sie ein Gefühl von Wertlosigkeit. Wie baut man trotz des Handicaps das Selbstwertgefühl auf?

Ich unterscheide zwischen Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl. Früher wurde ich gerne Muskelprotz geschimpft. Von klein auf hatte ich meinen Körper hochgezüchtet. Als ich dann im Rollstuhl zum ersten Mal in den Spiegel blickte, begann ich mich zu hinterfragen: Was bin ich noch wert? Wozu bin ich noch nützlich? In unserer Gesellschaft ist sehr stark die Meinung verankert: Man ist nur etwas wert, wenn man nützlich ist. Ja, okay, dadurch, dass ich vier Angestellte und zwei Teilzeitkräfte beschäftige, schaffe ich mit meiner Behinderung Arbeitsplätze.

Aber es bleibt die Frage: Was nütze ich als Mensch?Zu welcher Antwort sind Sie gekommen?

Wenn man mich im Dschungel aussetzen würde, wäre ich nach zwei Tagen futsch. Auch hätte ich den Unfall vor 20 Jahren nicht überlebt. Also bin ich kein "natürlicher" Mensch mehr. Aber meine Eltern haben mich schon als Kind so geprägt, dass ich allein deshalb wertvoll bin, weil ich bin. Ohne Leistung, ohne Sporttrophäen. Die meisten Menschen leben nach dem Prinzip: Tun-Haben-Sein. Also erst, wenn man etwas erreicht hat, ist man jemand. Ich habe festgestellt, dass man glücklicher ist, wenn man dieses Prinzip umdreht in: Sein-Haben-Tun. Durch unser Sein, haben wir einen Wert und können etwas tun.

Sie geben viele Einblicke, wie anstrengend nun Ihr Alltag ist. Allein Ihr Morgenritual dauert zwei Stunden. Wie schaffen Sie es, keinen Frust zu empfinden?

Ich schaffe es auch nicht jeden Tag, bei diesem Ritual geduldig zu sein. Manchmal zähle ich die Lebenszeit, die mir dadurch abgezogen wird. Aber im Prinzip ist das alles eine Angelegenheit der Perspektive. Lege ich meinen Fokus auf die Dinge, die mich nerven oder die mir Freude machen? Ich manipuliere mich selbst und suche mir Dinge, wofür ich dankbar sein kann.

Erreichten Sie in den vergangen fünf Jahren nie einen Punkt, wo Sie aufgeben wollten?

Selbstverständlich gab es auch viel Frust. Ich kollabierte täglich, nur wenn der Kopfteil meines Bettes aufgerichtet wurde. Drei Monate nach meinem Unfall konnte ich nur mithilfe von Schmerzmitteln in meinem Rollstuhl sitzen. Es gab Situationen, wo ich weinte oder zu meiner Mutter sarkastisch meinte: "Mama, hol den Tierarzt, damit er Schluss macht." Das war allerdings nie ernst gemeint. Ich bin nie in ein tiefes Loch gefallen – wo ich nicht mehr wollte.

Sie haben sich mit der Schauspielerin Sarah Timpe verlobt. Hatten Sie Zweifel, ob Sie bereit für die große Liebe sind?

Natürlich habe ich mir vorher Fragen gestellt, man hat ja eine Verantwortung sich selbst und dem anderen gegenüber. Dass ich lieben kann, war mir schon länger klar, weil ich mich wieder selbst lieben konnte. Aber der zweite Zugang war: Bin ich bereit, mich lieben zu lassen? Da ich nicht mehr in der Lage bin, meine Liebe körperlich vollumfänglich zu zeigen. Irgendwie hatte ich immer im Hinterkopf, dass es jemanden geben wird, der für mich perfekt ist – aber ich hätte nicht gewagt zu träumen, dass es wahr wird. Als es dann soweit war, konnte und wollte ich mich dem nicht mehr entziehen.

Es gibt eine Liste in Ihrem Buch, in der Sie aufzählen, was Sie noch alles können. Darauf steht auch: fortpflanzen. Wollen Sie auch Kinder haben?

Ich freue mich, diesen Punkt offen lassen zu dürfen und dieses Thema nicht als unmöglich abhaken zu müssen.

Sie haben Ihren Traum von der Schauspielerei verwirklicht. Eine Form der Bühnenperformance ist, dass Sie an einem Kollegen angeklebt werden und sich so bewegen können. Wie fühlt es sich für Sie an, plötzlich gehen zu können?

Das ist eine erfreuliche Hormonausschüttung für mich – und jede Menge Körpersäfte kommen in Wallung. Es ist einfach toll, endlich wieder die Welt aus der Perspektive des Fußgängers sehen zu können.

Ihre Abschlussarbeit heißt "Die Entdeckung der Schönheit in der Reduktion". Wie definieren Sie Schönheit?

Ich finde mehr Schönheit, als ich jemals noch zu hoffen gewagt hätte. Bei meiner Freundin finde ich Schönheit im Überfluss. Das ist die offensichtliche, aber es gibt auch die nicht offensichtliche Schönheit. Ich bin gerne in der Natur und schaue mir etwa die Maserung der Baumrinde an. Durch den Unfall habe ich eine neue Form der Faszination Körper kennengelernt. Auch eine neue Schönheit der Bewegung fand ich. Hände und Finger etwa sind ein Kunstwerk. Solche Dinge entdecke ich erst, seitdem ich mich nicht mehr so bewegen kann wie früher.

Ein Mann, der keine Grenzen kennt

Samuel Koch (28).

Wer kann sich an den tragischen seinen Unfall bei Wetten, dass...? im Jahr Jahr 2010 nicht erinnern? Koch sitzt seither vom Hals abwärts gelähmt im Rollstuhl. Trotz vieler Qualen hat er sein Glück gefunden. Seit September 2014 ist er im Staatstheater Darmstadt Mitglied des Ensembles. Seit wenigen Monaten ist Koch verlobt. In seinem Buch „Rolle vorwärts“ (Adeo-Verlag um 19,90 Euro) erzählt er, wie man mit Handicap Selbstwertgefühl und Glück findet.