Großer Hilfseinsatz für den verletzten Höhlenforscher Marek G.: Die Kosten dafür werden erst zusammengerechnet, dürften aber wenigstens 100.000 Euro betragen

© APA/NEUMAYR/MMV

Salzburg
08/19/2014

Nach Rettung aus Höhle: Bangen um Einsatzkosten

Summe steht noch nicht fest, doch Hilfskräfte rechnen damit, nicht alles bezahlt zu bekommen.

Marek G.s Rettung aus der Jack-Daniel’s-Höhle in Abtenau soll kolportierte 100.000 bis 500.000 Euro gekostet haben: Bestätigt werden diese Summen derzeit aber von keiner beteiligten Institution, das Zusammenrechnen hat gerade erst begonnen.

Der 27-Jährige wurde am Wochenende aus der Salzburger Höhle geborgen, die er nach einem Absturz nicht mehr alleine verlassen konnte. Der Einsatz dauerte zwei Tage, 180 Helfer rückten an.

Sie befürchten jedoch, draufzuzahlen: G. soll zwar versichert sein, doch laut Bergrettung seien Versicherungssummen oft mit 20.000 Euro gedeckelt. "Das Schöne in Österreich ist aber, erst wird geholfen und später über Kosten geredet", betont Estolf Müller, Leiter der Bergrettung Salzburg. "Bei so einem großem Einsatz wird man wahrscheinlich auf etwas verzichten müssen." Größeres Problem seien ohnehin Wanderer, die schlecht ausgerüstet und bei jedem Wetter losgingen, dann aber fest hingen. "Da bleiben wir oft auf den Kosten sitzen."

Der Einsatz in der Höhle in Abtenau erinnerte an jenen in der Riesending-Höhle in Berchtesgaden: Im Juni wurde Forscher Johann Westhauser nach elf Tagen gerettet. Fast 700 Menschen halfen dabei mit. Eine Abrechnung über die Kosten liegt auch zwei Monate danach nicht vor. "Das ist nicht geklärt, wir haben noch keine Rechnung gelegt", heißt es von der Bergwacht Bayern.

Höhlenforscher geht es "überraschend gut"

Mit dem Verlauf der Genesung des schwer verletzten polnischen Höhlenforschers Marek Gizowsky (27) sind die Ärzte des Uniklinikums Salzburg sehr zufrieden. "Heute geht es ihm eigentlich überraschend gut", sagte der Vorstand der Unfallchirurgie, Primar Herbert Resch, am Sonntag bei einer Pressekonferenz. "Alle Verletzungen sind ausheilbar", stellte der Mediziner eine optimistische Prognose.

Der Pole war am vergangenen Donnerstag in rund 250 Metern Tiefe in der Jack Daniel's Höhle in Abtenau im Salzburger Tennengebirge beim Umhängen einer Seilsicherung ausgerutscht und acht Meter senkrecht in die Tiefe gefallen. Mit der linken Körperseite stürzte er auf eine Steinplatte, die laut Höhlenrettungsarzt Jacob Krammer mit emporwachsenden Tropfsteinen (Stalagmiten, Anm.) gespickt war. Nach einer aufwendigenRettungsaktionwurde der Verletzte 48 Stunden nach seinem Unfall am Samstag um 2.18 Uhr aus der Höhle geborgen und von einem Hubschrauber des Bundesheers noch in der Nacht in das Spital in die Stadt Salzburg gebracht.

Glück im Unglück

Gizowsky erlitt eine stabile Beckenringverletzung, wobei es zu einem Bruch des Kreuzbeines und des Schambeinastes gekommen ist, wie Primar Resch erläuterte. Der Beckenbruch müsse aber nicht operiert werden. Der Unfall hätte noch dramatischer Folgen nehmen können: Denn nicht jeder überlebe Acht-Meter-Abstürze, gab Krammer zu bedenken.

Bei dem Absturz zog sich der Pole auch ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma, zahlreiche Prellungen und Blutergüsse sowie eine Rippenfraktur zu. "Wichtig ist, dass die Lunge nicht verletzt ist. Er hat keine Atemprobleme. Der massive Bluterguss am linken Oberschenkel schmerzt ihn aber noch sehr. Und er fühlt sich noch etwas geschwächt. An den Unfallhergang kann er sich grob erinnern", schilderte Resch. Mit einer Physiotherapie soll bereits am Montag begonnen werden. "Wir werden ihn in den nächsten Tagen langsam mobilisieren", sagte Resch. Derzeit kann der Verletzte noch nicht aufstehen.

Bis die Verletzungen ausheilen, werden laut den Ärzten ungefähr sechs Wochen vergehen. Wegen des Beckenbruches an der linken Seite dürfe Gizowsky sechs Wochen lang das linke Bein nicht belasten, erklärte Resch. "Er muss auf Krücken gehen, und es bedarf einer ständigen Röntgenkontrolle."

Überstellung nach Polen nächste Woche geplant

Noch am Sonntag soll der Patient von der Anästhesie-Intensiv-Wachstation auf die Normalstation verlegt werden. Geplant ist, dass er bis Ende der kommenden Woche mit einem Rettungswagen in sein Heimatkrankenhaus nach Polen zur weiteren pflegerischen Betreuung überstellt wird. Das Datum des Transportes hänge von dem Allgemeinzustand des Patienten ab, erklärte Resch.

Der Primar zeichnete ein optimistisches Bild, was die gesundheitliche Zukunft seines Patienten betrifft: "Meines Erachtens wird er wieder extremsportfähig werden. Er ist sehr athletisch." Die psychische Seite spiele dabei aber eine Rolle. Gizowsky werde in der Unfallchirurgie deshalb auch psychologisch betreut. "Er hat ein Schockerlebnis, das er jetzt zu verarbeiten beginnt." Bisher war der Patient noch nicht sehr gesprächig.

Dem Polen sei der ganze Aufwand unangenehm, den er durch seinen Absturz ausgelöst habe, erklärte Krammer, weshalb der Patient Fernsehaufnahmen und Interviews am Krankenbett bisher ablehnte. Gizowsky sei auch noch sehr ruhebedürftig. Sein Körper brauche Zeit, um sich zu regenerieren, sagte Krammer.

Macht "fitten Eindruck"

Der Verletzte hatte bereits telefonischen Kontakt zu seiner Familie in Polen und wurde von seinen Höhlenforscher-Kollegen besucht. "Er ist froh, dass er hier behandelt wird und dass er aus der Höhle heraußen ist", sagte Krammer. "Er macht einen fitten Eindruck für das, was er durchgemacht hat."

Weil der Patient kein Wort Deutsch und nur wenige Wörter Englisch spricht, hilft ein polnischer Kamerad am Telefon als Dolmetscher aus. "Er kommt auch manchmal vorbei", erzählte Resch. Lobend erwähnte er, dass die Einsatzkräfte und die Höhlenärzte eine wahre Leistung vollbracht hätten. "Wir haben den Patienten in einem relativ guten Zustand vorgefunden. Der Kreislauf des Verletzten war stabil, und er war ansprechbar."

Die Bergezeit des verletzten Polen in der Höhle dauerte rund 40 Stunden. 182 Einsatzkräfte, davon 79 Höhlenretter, beteiligten sich an der aufwendigen Rettungsaktion.

Höhlenforscher gerettet: „Zitterpartie bis zum Schluss“

48 Stunden sind zwischen dem Unfall des 27-jährigen Marek Gizowski in der Jack-Daniel’s-Höhle im Tennengebirge und seiner erfolgreichen Bergung vergangen. „Es war bis zum Schluss eine Zitterpartie. Wir haben fast nonstop durchgearbeitet, und das unter widrigsten Bedingungen“, sagt Einsatzleiter Wolfgang Gadermayr, der in den vergangenen zwei Tagen kein Auge zugemacht hat. 182 Einsatzkräfte waren seit Donnerstagfrüh bei der Rettungsaktion am Bleikogel bei Abtenau (Tennengau) beteiligt, 79 davon stiegen in die Jack-Daniel’s-Höhle. Am Samstag um 2.18 Uhr war der Verletzte wieder an der frischen Luft. „Uns Höhlenrettern ist sprichwörtlich ein Stein vom Herzen gefallen“, sagt Gadermayr und lacht.

Keine OP nötig

Auf den letzten Metern in der Höhle wurde der Verletzte von Jacob Krammer, Notfallmediziner aus Salzburg, betreut. „Der Patient ist durchtrainiert und auch psychisch sehr belastbar. Wir haben bei der Bergung kaum Pausen gebraucht“, sagt er. Krammer war im Juni auch an der spektakulären Rettung des Höhlenforschers Johann Westhauser in Berchtesgaden beteiligt. „Die Erfahrungen aus dieser Aktion waren im aktuellen Fall natürlich sehr hilfreich“, sagt er.

Zum Vergleich: Die Bergung Westhausers aus der 1000 Meter tiefen Riesending-Höhle dauerte elf Tage, im Einsatz waren mehr als 700 Kräfte aus fünf Nationen. Der 54-Jährige erholt sich gerade in einer deutschen Reha-Klinik von seinem schweren Schädel-Hirn-Trauma.

Gizowski wird auf der Anästhesie-Intensiv-Wachstation des Landeskrankenhauses Salzburg behandelt. Bei seinem Unfall hatte er Becken- und Rippenbrüche, zahlreiche Blutergüsse und Schwellungen erlitten. Operiert werden musste er nicht. „Er braucht jetzt nur sehr viel Ruhe. Er ist sichtlich geschwächt, aber in gutem Allgemeinzustand“, sagt Unfallchirurg Herbert Resch.

Ausgerutscht

Mittlerweile ist auch bekannt, wie es zu dem folgenschweren Unfall in 250 Meter Tiefe gekommen ist: Gizowski war mit sechs polnischen Kollegen unterwegs, um die unterirdischen Grundwasserreserven zu dokumentieren. Gegen 2 Uhr Früh rutschte er bei der Querung eines Schachtes aus. Und das genau in dem Moment, erklärt Alpinpolizist Herbert Burian, als er die Seilsicherung für das Umhängen ausgehängt hatte. Er stürzte etwa sieben Meter ab.

Die Rechnung für die Rettungsaktion wird nun von der Gemeinde Abtenau zusammengestellt. Den Großteil wird die Versicherung des polnischen Alpinverbandes übernehmen, ein kleiner Teil bleibt bei der Gemeinde, sagt Bürgermeister Johann Schnitzhofer.

Video über die Jack-Daniel's-Höhle:

Die Jack Daniel's-Höhle im Tennengebirge

Die Jack Daniel's-Höhle im Salzburger Tennengebirge, in der ein polnischer Forscher bei einem Absturz in etwa 250 Metern Tiefe schwer verletzt wurde, gehört zu den längsten Höhlen in Österreich. Sie reiht sich mit ihren bisher 10,22 erforschten Kilometern ungefähr als 30. längste Höhle des Landes ein, wie Johannes Mattes vom Verband Österreichischer Höhlenforscher (VÖH) berichtete.

Der Eingang zur Höhle befindet sich nordöstlich des Bleikogel auf einer Seehöhe von 2.120 Metern. Der Einstiegsteil verläuft schachtartig rund 300 Meter in die Tiefe, erläuterte der Salzburger Höhlenforscher Walter Klappacher. Forscher aus Polen würden sich seit mehreren Jahren mir der Höhle beschäftigen.

Klappacher selbst kennt lediglich den Eingangsbereich aus eigener Erfahrung. Mit seinen 72 Jahren wage er sich nicht weiter in die Tiefe der vor circa fünf bis sieben Jahren entdeckten Jack Daniel's-Höhle, sagte er. Nach dem "canyonartigen Einstieg" verlaufe die Höhle allerdings nicht nur vertikal sondern auch horizontal. Es handle sich jedenfalls um ein großes System mit "beeindruckenden tropfsteinartigen Gebilden".

Von der nächsten Hütte ist die Höhle laut Klappacher in etwa zwei Stunden zu erreichen. Am Freitag sei auf dieser Höhe allerdings Schneefall möglich. Die Höhle gilt aufgrund ihrer senkrechten Schächte als "Wasserschlinger". Im Moment dürfte es lediglich etwas feucht im Inneren sein, erklärte der Forscher. Je nach den letzten Regenmengen könne aber auch mehr Wasser durchfließen.

Nach dem schachartigen Einstieg mit waagrechten Zwischenstufen gabelt sich die Höhle in etwa 200 Metern Tiefe, heißt es in der Fachzeitschrift "DIE HÖHLE - Zeitschrift für Karst und Höhlenkunde" (60. Jg./Heft 1-4/2009) zu früheren Expeditionen in das verzweigte System. Der Ostteil setzt sich demnach als trockener Canyon bis in 615 Meter Tiefe fort und endet in einer unpassierbaren Spalte.

Der Südteil führt laut der Publikation in einem breiten Gang zunächst auf eine Verzweigung in 240 Meter Tiefe zu mehreren weiter nach unten führenden Schächten. In 260 bis 380 Metern Tiefe befinden sich dort sogenannte Karkonoskie Teile. "Die Gänge werden von zauberhaften Tropfsteinbildungen geschmückt" und der abschließende "Weiße Saal mit seinen reinweißen Sinterformen und Kristallseen" erinnere an die berühmten Diamantenreiche 1 und 2 in der Eisriesenwelt in Werfen (Pongau), schrieben polnische Forscher in dem Fachblatt.

Zur Entstehung des Namens der Jack Daniel's Höhle wusste Klappacher nichts Genaueres. Es sei aber durchaus möglich, dass die Forscher in der Anfangszeit der Entdeckung eine Flasche mit hochprozentigem Alkohol beim Eingang getrunken hätten und die Bezeichnung daher komme, berichtete der 72-Jährige von ähnlichen Namensgebungen.

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