Chronik | Österreich
16.04.2017

Russische Freundschaft

Am Sonntag feiern auch die orthodoxen Russen. Österreich lieben sie wegen der Kultur und der Sicherheit.

Eigentlich ist Vera Aleksenko nicht sonderlich religiös. "Aber Ostern ist der einzige Anlass im Jahr, an dem ich in die Kirche gehe", erzählt die Inhaberin der gleichnamigen Wiener Tanz und Balletschule. Es ist ein seltenes Ereignis, dass – wie am Sonntag – orthodoxe und katholische Christen am selben Tag das Osterfest feiern. Das "Pasha" gilt vielen Russen als das größte und schönste religiöse Ereignis im Jahr. Der Kirchenbesuch ist fast ein Muss.

Wien und Moskau hatten schon immer eine besondere Beziehung. Politisch,aber auch geschäftlich und kulturell. Zahlreiche Russen zog es in den vergangenen Jahren nach Österreich. Nicht nur Oligarchen wie Rashid Sardarov, der sich mit dem nö. Gut Brunntal einen noblen Zweitwohnsitz gekauft hat, sondern auch die wohlhabendere Mittelschicht.

Zwar sei nach den Russland-Sanktionen die russische Nachfrage nach Immobilien gesunken, doch nun gebe es wieder einen Aufwärtstrend, erklärt Luxus-Immobilienexperte Thomas Hopfgartner, Geschäftsführer der auf Luxusimmobilien spezialisierte Maklerfirma Living De Luxe. In Wien sind vor allem die Innere Stadt sowie Döbling als Wohnviertel gefragt. Im 1. Bezirk brauche man für Kultur und Shopping kein Auto, der 19. biete die Natur, sagt der Experte. In den Bundesländern zählen Kitzbühel und die Wörthersee-Region zu den Top-Destinationen.

Millionen-Investition

Dabei greifen die Russen durchaus tief in die Tasche. Interessant seien Wohnungen ab zwei Millionen Euro, die dann aber auch 200 Quadratmeter haben sollten, berichtet Hopfgartner. Auch Premium-Häuser um zehn Millionen Euro würden gekauft.

Laut Experten Horst Schwarzenberg von JP Immobilien würden viele Russen bedingt durch die Wirtschaftskrise mittlerweile aber vorsichtiger investieren – und sich bescheidener geben. "120 Quadratmeter etwa, wurden früher nicht gekauft", erklärt er. Derzeit seien rund 15 Prozent der Immobilien-Käufer im 1. Bezirk Russen.

Doch was zieht sie nach Österreich? "Die Lebensqualität", erklärt Natalia Sidorenko, während ihre Tochter im Studio von Aleksenko fleißig an der Ballettstange übt. Die russische Konzertpianistin ist vor sechseinhalb Jahren nach Österreich gezogen, ihr Mann ist von hier. Nun pendelt die Familie zwischen den Ländern. "Wien ist eine sehr kulturelle Stadt mit dem Musikverein, der Oper und Theatern", erklärt Ballet-Chefin Aleksenko die Liebe ihrer Landsleute zur Bundeshauptstadt. Ihre Community ist den Russen, bei aller Liebe und Freundschaft zu Hiesigen, aber dennoch wichtig. Es gibt russische Vereine, Clubs, Supermärkte, Bälle und sogar eine Zeitung in Österreich. Vor acht Jahren hat Aleksenko die Ballettschule für Kinder in der Wiener Innenstadt eröffnet. 80 Prozent ihrer Schüler sprechen Russisch. Warum? Sie unterrichtet nach der "russischen Methode". Die sei weniger spielerisch, erklärt Aleksenko, und komme daher gut an. Ihre Kunden können durchaus als wohlhabend bezeichnet werden.

Keine Bodyguards

"Die Russen schätzen die Sicherheit, dass sie ohne Bodyguards auf die Straße gehen können", erklärt Anna Pabel, die in Klagenfurt und Wien auch ein Concierge-Service für russische Bewohner und Besucher führt. Zudem spielen Faktoren wie Ausbildungsmöglichkeiten oder die medizinische Versorgung laut Experten eine Rolle. Die Kundschaft in Pabels Liga bleibt lieber unter sich. Die Kinder besuchen internationale Schulen, Deutsch wird kaum fließend gesprochen. Namen möchte sie keine Namen nennen. Verleger, Leute aus dem Show-Business und Industrielle gehören dazu. Neben Freizeitaktivitäten oder Arztbesuchen organisiert sie bei Bedarf auch Bodyguards. "Der dient aber eher als Hilfestellung für tägliche Kleinigkeiten", sagt die studierte Betriebswirtin, die vor 15 Jahren von Russland nach Österreich gezogen ist. Das Service würden sich die Kunden durchaus 500 Euro pro Tag kosten lassen.

Deripaskas Kapelle

Laut Insidern sollen fünf bis sechs der 20 reichsten Russen Liegenschaften in Österreich haben. Die wenigsten dieser Oligarchen zeigen sich jedoch öffentlich oder beteiligen sich am Ortsgeschehen ihres Zweitwohnsitzes.

Wer einmal einen Blick auf sie erhaschen wollte, wäre jedoch in Laa/Thaya, NÖ, gut aufgehoben. Dort lässt einer der reichsten Männer Russlands, Milliardär Oleg Deripaska, eine 17 Meter hohe orthodoxe Kapelle im Andenken an seinen im zweiten Weltkrieg gefallenen Großvater errichten. Der liegt am angrenzenden Soldatenfriedhof begraben. Im Ort stört sich niemand an dem prominenten Bauherren. "Die Kapelle ist sehenswert", sagt Herbert Reisinger. Der Stuck etwa werde per Hand gemeißelt. Deripaska selbst sei bereits einmal mit dem Hubschrauber eingeflogen und am Parkplatz des Friedhofs gelandet. Auch an die landesüblichen Höflichkeiten halte er sich. "Er hatte so viel Feingespür, dass sie kleiner ist, als unsere Kapelle", sagt Ortschefin Brigitte Ribisch.