Zwei Jahre nach der Einführung der Rettungsgasse wird die Kritik immer lauter.

© APA/DPA/Marc Müller

Kritik
12/05/2013

Rettungsgasse: Ruf nach Reform

Automobilclubs, FPÖ und Grüne wollen Änderungen. Evaluierung bereits fast ein Jahr verspätet.

von Michael Berger, Dominik Schreiber

Wir sind einem Schmäh auf den Leim gegangen“, sagt die Grüne Gabriela Moser selbstkritisch.

„So weitertun wie bisher, das ist nichts. Auch wir dürfen klüger werden. Momentan gibt es einen Mischzustand und das ist nicht ideal“, meint Gerhard Deimek, Verkehrssprecher der FPÖ.

Eigentlich waren noch alle Parlamentsparteien im Jahr 2011 für die Einführung der Rettungsgasse, deshalb wurde der Vorschlag im Parlament einstimmig beschlossen. Doch langsam gärt es nicht nur innerhalb der Opposition, auch die Verkehrsexperten sehen dringenden Änderungsbedarf: „Es gibt genügend Verbesserungspotenzial“, sagt Thomas Woitsch vom ARBÖ. „Auf der Tangente, der meistbefahrenen Straße funktioniert es oft überhaupt nicht.“

Warten auf Evaluierung

Wo die Rettungsgasse wirklich klappt und wo nicht, weiß niemand genau. Alles wartet auf die längst überfällige Evaluierung durch das Kuratorium für Verkehrssicherheit (KfV). „Bisher wurde nur eine Telefonumfrage veröffentlicht“, ätzt Woitsch. Eigentlich hätte der rund 60.000 Euro teure Bericht bereits vor einem Jahr fertig vorliegen sollen. Doch zunächst machten zu wenige Einsatzfahrer mit, um verwertbare Zahlen zu bekommen. Deshalb hieß es, ein Ergebnis würde im September vorliegen. In diesem Monat wurde eine hochkarätige Runde im Verkehrsministerium einberufen. Doch mangels einer fertigen Evaluierung gab es dann nur eine Diskussion, wie man mit lästigen Journalistenfragen zu dem Thema umgehen könne.

Die Evaluierung sollte anschließend im November vom KfV an das Verkehrsministerium übergeben werden – doch auch dieser Termin platzte. Einen Grund dafür kann man beim Kuratorium nicht nennen. „Der Bericht wird gerade finalisiert“, lautet die lapidare Auskunft. Genau die gleiche gab es auch schon im September.

Vorbild Deutschland?

Hinter den Kulissen versuchen zahlreiche Experten im Verkehrsministerium für Änderungen zu werben, vor allem der ÖAMTC ist besonders aktiv. Auch das Innenministerium mischt mit. Favorisiert wird derzeit eine Lösung wie in Deutschland. Dort muss die Rettungsgasse erst gebildet werden, wenn Blaulichtfahrzeuge auftauchen. Funktionieren tut dies allerdings genauso wenig. Das größte Internet-Portal für Einsatzkräfte in Deutschland titelte erst vor einem Monat groß einen Bericht: „Die Rettungsgasse – Immer noch ein Problem auf unseren Straßen“.

„Ich habe der Rettungsgasse zugestimmt unter der Voraussetzung, dass es eine Dokumentation gibt, dass es in Deutschland funktioniert“, sagt Gabriela Moser. Bis heute habe sie nichts erhalten, auch die immer wieder angekündigten vier Minuten Ersparnis bei der Fahrt zum Unfallort konnte bisher nicht belegt werden. Inoffiziell wurde bei Notruf 144 in Niederösterreich ein Vergleich angestellt – dabei kam heraus, dass die Anfahrtszeit praktisch gleich ist wie vor Einführung der Rettungsgasse.

„Nun erhebt sich die Frage, ob es nicht besser ist, wenn man alles rückgängig macht“, meint Moser. Auch Deimböck zieht als Fazit: „Die Idee hat sich nicht schlecht angehört, das Marketing war gut und sehr teuer. Aber die inhaltliche Idee hat sich offensichtlich nicht durchgesetzt.“

Fakten

Start: Seit 1. Jänner 2012 gilt die Rettungsgasse in Österreich. Es gibt sie auch in Deutschland, der Schweiz und Tschechien – aber jedes Land hat eigene Regelungen.

Wirkung: Laut Zwischenbericht der Evaluierung funktionieren 38 % der Rettungsgassen. Dass Einsatzkräfte schneller sind, ist weder widerlegt noch bewiesen. Innerhalb der Einsatz-Organisationen sind die Meinungen
geteilt.

Warnung: Ein internes Papier hatte im Verkehrsministerium vor chaotischen Zuständen gewarnt, wenn die Rettungsgasse kommt. Es wurde ignoriert.

Geisterfahrer in der Rettungsgasse

Zahl der Autobahn-Drängler steigt rasant

Sie brettern in normalem Tempo auf der Autobahn dahin. Plötzlich taucht im Rückspiegel, gefühlte zwei Meter hinter ihnen, ein Auto auf und blinkt wild mit der Lichthupe. Eine Szene wie diese ist sicher jedem auf der Autobahn schon einmal passiert. Jeder fünfte Unfall auf Autobahnen und Schnellstraßen ist auf zu dichtes Auffahren zurückzuführen. Drei Menschen sind im Vorjahr dabei gestorben, 439 wurden verletzt. Laut einer Umfrage der Asfinag, die am Mittwoch präsentiert wurde, fühlt sich jeder zweite Autofahrer von Dränglern stark bedroht (siehe Grafik unten). Acht von zehn Lenkern haben bereits negative Erfahrungen gemacht.

„Drängeln ist gefährlich und nicht zuletzt auch tödlich“, sagte Asfinag-Vorstand Alois Schedl. 500 Autobahnnutzer wurden im Oktober 2013 vom IFES-Institut zu Drängeln auf Autobahnen befragt. „Das Ergebnis ist eindeutig: 60 Prozent fühlen sich von Dränglern abgelenkt“, sagt Schedl. Lenker, die von hinten bedroht werden, werden nervös, können sich nicht mehr auf den übrigen Verkehr konzentrieren, fahren schneller als gewollt. Mehr als ein Drittel der Autobahnnutzer ist dadurch schon in eine gefährliche Situation geraten. Im Schnitt blickten die Befragen auf sieben Drängel-Vorfälle innerhalb des vergangenen Halbjahres zurück.

Anzeigen steigen sprunghaft

Die Anzeigen wegen zu geringem Sicherheitsabstand sind in den vergangenen Jahren sprunghaft angestiegen. „Zwischen 2005 und 2012 stieg die Zahl der Übertretungen um 61 Prozent“, sagte Gottfried Macher vom Landespolizeikommando Niederösterreich. Im Vorjahr wurden 54.779 Anzeigen erstattet. Die Polizei überwacht derzeit mit 48 mobilen Abstandsmessgeräten den Sicherheitsabstand, in den vergangen drei Jahren kamen elf stationäre Geräte dazu.

Jung und männlich

Fast doppelt so viele Männer (41 Prozent) wie Frauen (21 Prozent) gaben in der Umfrage an, schon einmal gedrängelt zu haben. Bei jungen Männern bis 34 Jahren gab sogar jeder zweite zu, manchmal zu dicht aufzufahren (siehe Grafik). „Der typische Drängler ist männlich, jung und rasant unterwegs“, sagte Schedl.

„Das Risiko wird von uns Autofahrern unterschätzt“, sagte Othmar Thann, Direktor des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KFV). „Typische Drängler glauben, mit ihrer Fahrerfahrung das erhöhte Risiko eines geringen Abstandes kompensieren zu können“. Doch „der ideale Sicherheitsabstand bei 100 km/h beträgt 60 Meter oder die Zwei-Sekunden-Regelung“, so Thann. Hierbei wird ein Punkt am Fahrbahnrand fixiert, sobald das vorausfahrende Auto diesen passiert, wird zu zählen begonnen (21, 22). Erst dann darf man selbst den angepeilten Punkt erreichen.

Raue Sitten

Auch der „Umgangston auf Autobahnen" sei manchmal sehr rau, sagte Schedl. Sieben von zehn Befragten gaben an, selbst bereits jemanden angehupt bzw. angeblinkt zu haben, drei von zehn haben anderen Verkehrsteilnehmern mit Handzeichen und Gesten gedroht. Ein Viertel missachtet das Rechtsfahrgebot auf Autobahnen und Schnellstraßen. Thann erinnerte daran, dass dies auch auf Stadtautobahnen wie beispielsweise der Wiener Südost-Tangente (A23) gilt. Fährt ein anderes Fahrzeug zu dicht auf, dann gilt: „Ruhe bewahren und sich rechts halten“, erklärte Thann.

Die Asfinag hat im Dezember eine bewusstseinsbildenende Kampagne unter dem Namen „Drängeln tötet“ gestartet, um verstärkt auf das Thema aufmerksam zu machen. Die Kosten dafür betragen 525.000 Euro. In einigen Tunnelanlagen, wie beispielsweise auf der Südautobahn (A2) in Kärnten, gibt es Warnsysteme, die auf einen zu geringen Sicherheitsabstand hinweisen.

n=500, Angaben in Prozent

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