Chronik | Österreich
24.02.2018

Rekord-Häftling winkt die Freiheit

48 Jahre hinter Gitter: Raubmörder, Ausbrecher und Geiselnehmer auf Probe-Ausgang zum Pizzaessen in Graz.

Aus der Sicht des Rekord-Häftlings nennt es der stellvertretende Leiter der Justizanstalt Graz-Karlau, Gerhard Derler, ein "Licht am Ende des Tunnels." In diesem Tunnel sitzt der Raubmörder, Häfenausbrecher und Geiselnehmer Juan Carlos Chmelir seit 48 Jahren, die letzten 40 Jahre durchgehend. Jetzt hat der "längstdienende" Häftling Österreichs erstmals eine echte Chance, entlassen zu werden.

Der 68-Jährige, der sich selbst als "Gefängnis-Fossil" bezeichnet und bisher als paranoider "Hochrisiko-Täter" eingestuft worden war, durfte kürzlich erstmals die Luft der Freiheit atmen. Gemeinsam mit einem Justizwachebeamten in Zivil gab es Ausgänge nach Graz ins Kaffeehaus und zum Pizzaessen. Die Lockerungen im Häfenalltag dienen zur Erprobung seines Verhaltens in Freiheit, wie das von Gutachtern vorgeschlagen wurde, und sind Stationen auf dem Weg zur vorzeitigen bedingten Entlassung.

Im Schnitt 21 Jahre

Über 600 Mörder wurden in den vergangenen 17 Jahren bedingt aus der Strafhaft entlassen, viele von ihnen aus lebenslangem Freiheitsentzug. Nach frühestens 15 Jahren können zur Höchststrafe Verurteilte auf Bewährung entlassen werden. Jeder Dritte stirbt hinter Gittern, im Schnitt dauert Lebenslang 21 Jahre. Laut dem ehemaligen Gefängnischef und langjährigen Leiter der Strafvollzugsakademie, Wolfgang Gratz, wirkt die Aussicht auf bedingte Entlassung als Motivation zu Deliktaufarbeitung und Teilnahme an Therapien. Hätten Gefangene absolut keine Chance, jemals wieder in Freiheit zu kommen, wäre die Gewaltbereitschaft im Gefängnis nicht mehr beherrschbar und der Zweck des Strafvollzuges – Resozialisierung – zunichte gemacht.

Juan Carlos Chmelir (damals hieß er noch Bresofsky) verbrachte Kindheit und Jugend in Heimen, wo er mehrfach missbraucht wurde, und im Gefängnis. Er sei "innerlich erheblich erstickt", sagt Chmelir über diese Zeit. Mit 29 Jahren fährt er lebenslang ins Gefängnis ein, nachdem er einen Postbeamten erschossen hat.

Nach zehn Jahren in den Justizanstalten Garsten und Karlau bricht Chmelir aus, nimmt die Frau eines steirischen Regierungsbeamten als Geisel, vergewaltigt die fünffache Mutter und wird zum meist gesuchten Verbrecher Österreichs, zum "Staatsfeind Nr. 1". Nach zwölf Tagen endet die Flucht, zum Lebenslang kommen noch weitere 18 Jahre Haft hinzu.

Amtshaftungsprozess

Chmelir nutzt die Zeit im Gefängnis dafür, auf die prekären Haftbedingungen aufmerksam zu machen. Er führt gegen die Justiz ein Amtshaftungsverfahren, weil man ihn "Jahrzehnte lang nur billigst verwaltet weggelegt" habe, statt mit ihm "Alltagsbewältigung nach der Haft" zu trainieren – und verliert es. Von Schuldeinsicht bezüglich seiner Verbrechen ist zunächst wenig zu merken, Chmelir behauptet, die sexuellen Aktivitäten mit seiner Geisel hätten im Einvernehmen stattgefunden. Die Frau widerspricht vehement, hält aber in einem Brief ans Gericht fest, dass sie keinen Groll mehr hegt und keine Einwände gegen eine Entlassung ihres Geiselnehmers hätte.

Inzwischen attestieren Gutachter ein Abklingen der Persönlichkeitsstörung und eine positive Entwicklung. Demnächst darf Chmelir mit seiner Partnerin mehrere Stunden in der Grazer Innenstadt verbringen, zunächst in Begleitung eines Sozialarbeiters, dann ohne Aufsicht.

Das Tor zur Freiheit hat sich ein Stück geöffnet.

Gefängnislaufbahn

1949 wird Juan Carlos Chmelir in Uruguay geboren und wandert als 13-Jähriger mit seiner Familie nach Österreich aus. Mit 15 wird er erstmals zu vier Monaten strengem Arrest verdonnert, mit 19 fasst er wegen Raubüberfällen zwölf Jahre aus, von denen er nur acht absitzen muss. 1983 sorgt Chmelir damit für Schlagzeilen, dass er aus der Justizanstalt Garsten ausbricht, mit einem Mithäftling auf das Kirchendach klettert und vor den Augen von Schaulustigen 33 Stunden lang gegen die Haftbedingungen protestiert.

Pensionen: Liste Pilz fordert Verbesserungen für Strafgefangene

Dass Strafgefangene keine Beitragszeiten für die gesetzlichen Pensionsversicherungsanstalten erwerben, obwohl die meisten in Haft oder als Freigänger einer Arbeit nachgehen, ist der Liste Pilz ein Dorn im Auge. Am Montag bringt Mandatar Alfred Noll deshalb zwei parlamentarische Anfragen an Justiz- und Sozialministerium ein.

„Durch den Entgang von Beitragsmonaten erreichen länger einsitzende Strafgefangene die Mindestanzahl von Monaten nicht, fallen so aus dem Pensionssystem und müssen per Mindestsicherung abgefangen werden“, heißt es in der Anfrage. Und: „Andere Strafgefangene, welche die Mindestanzahl an Beitragsmonaten erreichen, müssen empfindliche Einbußen bei der Pensionshöhe hinnehmen, da ihnen Monate und Beiträge fehlen. So werden verurteilte Straftäter ein zweites Mal bestraft.“

Keine Reform geplant

Nach Ansicht der Liste Pilz wäre es „wahrscheinlich ohne Mehrkosten möglich, die Ungleichbehandlung der Arbeit im Strafvollzug zu beenden“. Davon abgesehen will Noll vom Justizministerium wissen, ob Strafgefangene bei Haftantritt über die Möglichkeit der freiwilligen Weiterversicherung bei der Pensionsversicherung informiert werden.

Auf KURIER-Nachfrage erklärt eine Ministeriumssprecherin, dass im aktuellen Regierungsprogramm keine Reformen in diesem Bereich geplant seien. Zumal der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die österreichische Praxis bereits bestätigt habe. Über die freiwillige Weiterversicherung werde bei Haftantritt informiert.