Chronik | Österreich
12.11.2016

Problembären sollen Schutz verlieren

Weiteres Jungtier sucht die Nähe der Menschen, einige Experten fordern jetzt strenge Maßnahmen.

Sie sind im besten Teenageralter, männlich, aufmüpfig, abenteuerlustig und kennen keine Berührungsängste – die Rede ist von zwei männlichen Braunbären, die im Grenzgebiet zwischen Italien und Kärnten durch Dörfer, Gemeinden und Städte streunen. Weil ihnen die Scheu vor Menschen fehlt, werden Stimmen laut, wonach eine Aufweichung des Schutzstatus erforderlich sei.

Bisher sorgte nur der drei Jahre alte "Rudolf" für Schlagzeigen. Dem Jungbären, der sich im Sommer sogar bis nach Villach vorgewagt hatte, werden in Kärnten bereits ein Dutzend Schafsrisse zur Last gelegt. Zuletzt trat er vor drei Wochen in Erscheinung, als in der Gemeinde Nötsch (Bezirk Villach Land) 18 Siloballen aufgerissen wurden.

Ein zweiter Bär – er ist deutlich größer als "Rudolf" – wird in den vergangenen Wochen stets zwischen Malborghetto in Italien und Feistritz im Gailtal (Villach Land) gesichtet. In der Nacht auf Mittwoch trottete er sogar seelenruhig durch Tarvis, dieses skurrile Bild dokumentiert eine Überwachungskamera. "In Malborghetto kam er Menschen sehr nahe, wurde er an der Hauptstraße von mehreren Autofahrern gesehen", berichtet Paolo Molinari, Wildbiologe aus Italien.

In Feistritz ist das keine Seltenheit. "Jede Woche wird das Wildtier hier gesichtet", erzählt Bürgermeister Dieter Mörtl (ÖVP). Als Jäger beobachte er das Verhalten der Bären seit 20 Jahren. "Die von Menschen gezüchteten Tiere gehen im Gegensatz zu früher bis zu den Häusern. Die Leute leben in Angst, wir müssen die Bären aus den besiedelten Gebieten entfernen", fordert Mörtl.

Resolution an EU

Josef Obweger, Obmann der Kärntner Almbauern, stößt ins selbe Horn: "Es muss wohl erst eine Attacke auf Menschen erfolgen, damit der Schutzstatus aufgehoben wird." Gemeinsam mit anderen Almwirtschaftsverbänden im Alpen-Adria-Raum unterstützen seine 1400 Almbauern eine Resolution aus Slowenien, die die Aufhebung des Schutzstatus für Bär, Luchs und Wolf auf EU-Ebene zum Ziel hat.

Aber auch beim Land Kärnten läuten die Alarmglocken. "Dass diese Tiere unbekümmerter werden, ist besorgniserregend. Eine strenge Beobachtung ist erforderlich", sagt der Kärntner Wildbiologe Thomas Huber. Gegebenenfalls müsse man "Maßnahmen wie bei Bruno andenken." (Der Braunbär, der von Italien aus bis nach Bayern wanderte und dort Siedlungen immer wieder heimsuchte, wurde 2006 zum Abschuss freigegeben).

Von derartigen Überlegungen ist Umweltlandesrat Rolf Holub (Grüne) weit entfernt. "Wir werden ein verstärktes Bären-Monitoring durchführen, aber kein Tier abschießen. Wenn Individuen zurückkehren, ist das erfreulich, auch wenn es kleinere Probleme gibt", betont er.

Christian Pichler, Bärenexperte des World Wide Fund For Nature (WWF) meint: "Die Flinte löst keine Probleme." Vielmehr sollte der Mensch das Zusammenleben mit dem Wildtier lernen, das Futter verwahren, Bienenstöcke und Schafsherden sichern, ergänzt er.

Schäden: kein Anstieg

Vermehrte Schäden durch Bären hat die Kärntner Jägerschaft heuer übrigens nicht verzeichnet. Die Zahlen – sechs zerstörte Bienenstöcke, 26 Schafs- und fünf Lammrisse – würden jenen des Vorjahren entsprechen, heißt es. Die Einbußen von 7920 Euro begleicht die Versicherung. Jene Schäden, die nicht zwingend dem Bären zugeschrieben werden, aber auf dem Kulanzweg vom Land beglichen werden können, wurden noch nicht erhoben.