Chronik | Österreich
08/03/2016

Polizisten greifen viel seltener zur Schusswaffe

Halb so oft wie vor zehn Jahren. Ein Grund ist der vermehrte Einsatz des Tasers.

Ein Supermarkt-Räuber erschießt in Wien einen Polizisten und verwundet einen zweiten Beamten schwer, ehe er selbst von Polizisten erschossen wird. Wenige Tage später erschießt die Polizei in einem Stiegenhaus in Ottakring einen mit Messern bewaffneten Mann.

Wann immer die Polizei zur Dienstwaffe greift und die Angelegenheit blutig endet, brechen kritische Fragen von Menschenrechtsorganisationen und NGOs auf die Exekutive herein. War der Waffeneinsatz gerechtfertigt? Wieso wurde der Täter gleich von Dutzenden Kugeln getroffen? Haben die Polizisten über das Ziel hinaus geschossen?

Mehr als halbiert

Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung greift die Exekutive in Österreich immer seltener zur Dienstwaffe. Wie ein Blick in die Statistik zeigt (siehe Grafik unten), sind die Schusswaffeneinsätze in den vergangenen 15 Jahren von annähernd 200 pro Jahr auf mittlerweile 60 bis 70 deutlich zurückgegangen.

"Zum überwiegenden Teil handelt es sich um Schreckschüsse. Beispielsweise wenn ein Täter die Flucht ergreift und die Polizei zur Warnung in die Luft oder das weiche Erdreich schießt", erklärt der Sprecher des Innenministeriums, Karl-Heinz Grundböck. Drei bis acht Mal pro Jahr kommt es laut Grundböck zu Schussabgaben auf Personen.

"Bei mehr als einer Million jährlicher Amtshandlungen ist das sehr wenig", sagt Detlef Polay, Sprecher der Sondereinheit Cobra. Bei der Cobra laufen nach Schusswaffeneinsätzen der Exekutive alle Daten zusammen. Die Geschehnisse werden analysiert, damit die Ergebnisse in die Ausbildung einfließen können.

Taser-Einsatz

Auch die Einführung des Tasers hat zur Reduktion der Schusswaffeneinsätze beigetragen. Seit 2012 wird die Elektroschock-Pistole bei einigen Einheiten der Polizei verwendet – gegen den Protest zahlreicher NGOs. Die Kritiker warnen vor Missbrauchsgefahr und dem Risiko tödlicher Komplikationen. "Auch wenn immer wieder dagegen protestiert wird, ist der Taser ein gutes Mittel, um nicht von der Dienstwaffe Gebrauch machen zu müssen", sagt Cobra-Ausbildungsleiter Christoph Scherz (Bild).

Während bei Einsätzen gegen Amokläufer, bei denen der Täter ein Messer trägt, früher nur die Glock-Pistole zur Verfügung stand, greift die Cobra heute in den meisten derartigen Fällen zum Taser.

"Das Risiko, auch für unbeteiligte Personen, ist dadurch wesentlich geringer. Bei Schüssen kann es immer zu Querschlägern kommen." Durchschnittlich zehn Mal pro Jahr wendet die Cobra den Taser an. "Auch für den Täter endet der Einsatz damit ohne Verletzung. Nach ein paar Sekunden ist die Wirkung des Elektroschocks vorbei und die Gefahr gebannt", sagt Scherz.

Der Taser ist bei den Sondereinheiten obligatorisch, im Regelbetrieb wird er erst teilweise eingesetzt. Da Taser den gleichen rechtlichen Bestimmungen wie Schusswaffen unterliegen, werde er auch nicht leichtfertiger eingesetzt, heißt es bei der Polizei.

So läuft das Schießtraining bei der Cobra

Mit Zehn-Kilo-Schutzweste und Kevlar-Helm geht es die Treppen rauf und runter. Dann verlangt der Scharfschützen-Ausbilder der Cobra noch zehn Kniebeugen. Der Schweiß läuft mir in die Augen, der Puls ist auf 180, als ich die Waffe ziehen und aus zehn Metern Entfernung mit der Glock die Handtellergroßen Ziele treffen soll. Nur einer von vier Schüssen trifft.

Welche Gratwanderung der Waffengebrauch für Polizeibeamte darstellt, zeigt das Einsatztraining in der Cobra-Zentrale in Wiener Neustadt. Der KURIER absolvierte mit dem führenden Schieß- und Scharfschützen-Ausbilder ein Training für Polizeibeamte.

Das Wichtigste vorweg: Trotz Erfahrung mit Schusswaffen habe ich kaum eine der simulierten Gefahrensituationen ohne Blutvergießen und Opfer gemeistert. "Ein Schusswaffengebrauch entwickelt sich immer aus einer hochdynamischen Situation – im Kampf, aus der Bewegung, auf der Flucht. Durch Wahrnehmungstraining lernen die Beamten, ihre Sinne zu schärfen. Man sollte in Bruchteilen erkennen, was der Täter in der Hand hat. Allerdings ereignen sich zwei Drittel aller Schusswaffeneinsätze bei Dunkelheit", erklärt der Ausbilder.

Im Schießsaal darf ich selbst versuchen, eine Amok-Lage zu bewältigen. "Wenn geht, ohne Opfer", so der Nachsatz. Während ich mit geladener Waffe in der Mitte des Raumes stehe, läuft auf der Leinwand ein Szenario ab. Ich befinde mich im Vorraum einer Wohnung, als aus dem Nebenzimmer ein laut schreiender Mann stürmt und eine (vermeintliche) Waffe hinter seinem Rücken hervorzieht. Instinktiv drücke ich zwei Mal ab. Ein Schuss trifft den Mann; er geht zu Boden.

Es gab keinerlei Chance, zu erkennen, ob die Waffe des Angreifers echt, geladen, oder gar nur ein harmloses Spielzeug war. "Genau das ist das Problem. Der Polizist muss in Sekundenbruchteilen entscheiden, ob er einen Schuss abgibt, oder nur zum Taser greift. Wenn sich später herausstellt, dass es eine täuschend echt aussehende Spielzeugpistole war und der Täter liegt tot am Boden, dann bricht die übliche Kritik herein", sagt Cobra-Sprecher, Detlef Polay.

Während ein Cobra-Beamter bereits während seiner sechsmonatigen Grundausbildung etwa 10.000 Schuss zu Trainingszwecken abgibt, hat ein Streifenpolizist weit weniger Möglichkeiten. Pro Jahr sind zwanzig Stunden Einsatztraining mit der Waffe verpflichtend.

Munitionsfrage

Jeder Schusswaffengebrauch heizt auch die Debatte um die Zweckmäßigkeit der Polizei-Munition an. 2013 hat das Innenministerium eine entsprechende Untersuchung in Auftrag gegeben; im September soll das Ergebnis vorliegen. Die Polizei erwartet sich Aufschluss darüber, ob sie im Streifendienst weiterhin ihre "Soft-Munition" (Teilmantel-Flachkopf-Geschoß, die vergleichsweise wenig Schaden anrichten) verwendet, oder auf "mannstoppende" Deformationsgeschoße umsteigt, mit denen meist ein Treffer reicht, um Täter außer Gefecht zu setzen. Die Spezialeinheiten verfügen über beide Typen.