Politik bremst Pkw-Lenker weiter ein

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Foto: georg gesellmann Streit um Tempo 100

Erneut Luft-Hunderter in Kärnten geplant / Pendler in Rage / Kritik von Autofahrerklubs.


Die Gemeinden Krumpendorf, Pörtschach, Techelsberg und Velden haben viele Gemeinsamkeiten: Sie liegen am Wörthersee-Nordufer, setzten jeweils auf den Tourismus und werden vom Verkehrslärm der nahen Südautobahn geplagt.

… Der jahrzehntelange Kampf der betroffenen Bürgermeister um eine Tempobeschränkung auf der A2 scheint allerdings nun gewonnen, denn das Land plant eine Geschwindigkeitsbeschränkung nach dem Immissionsschutzgesetz Luft (IG-L) zwischen Klagenfurt und Villach/Wernberg. Damit wächst das österreichische Luft-Hunderter-Netz um weitere 30 Kilometer. Auf den österreichweit rund 1700 Autobahn-Kilometern gilt derzeit bereits auf mehr als 230 ein solches Limit.

Kärntens Umweltlandesrat Rolf Holub (Grüne)hat ein Gutachten in Auftrag gegeben, das die Lärm- und Schadstoffreduktion im Fall der Einführung des 100ers belegen soll. Aber alleine dieses Vorhaben hat bereits die Autofahrerklubs auf den Plan gerufen. "Viele Pendler, viele Urlauber haben sich gemeldet und ihren Ärger formuliert – zumal ausgerechnet auf diesem Abschnitt um viel Geld Lärmschutzmaßnahmen getroffen wurden", sagt ARBÖ-Sprecher Thomas Jank. Und weiter: "Für Autobahnen werden erst viele Millionen ausgegeben, aber dann wird der Lenker immer wieder auf Tempo 100 heruntergebremst."

Kritisch äußert sich auch ÖAMTC-Chefjurist Martin Hoffer: "Die IG-L-Tempobremse ist eine durch EU-Vorschriften geschaffene Modeerscheinung, die von den Bundesländern inzwischen allzu gerne in Anspruch genommen wird. Oft geschieht das nach dem Motto: nützt’s nichts, schadet’s nichts." Politik spiele bei der verordneten Tempo-Bremse eine große Rolle. Hoffer: "Die Länder haben ein Werkzeug in die Hand bekommen, das sie beliebig nutzen, um am Verkehrsminister vorbei agieren zu können."

"Keine Vignetten"

In Kärnten hat man damit schon ein Thema für die Landtagswahl 2018 gefunden. Umweltlandesrat Holub gegen Verkehrsreferent Gerhard Köfer (Team Kärnten) lautet das Duell. Holub argumentiert, dass viel Lärm um eine Maßnahme gemacht wird, die den Pkw-Lenkern auf diesem Abschnitt 1:15 Minuten Fahrtzeit koste. Köfer droht mit Unterschriftenaktionen, fordert die Aufhebung der Vignettenpflicht für die IG-L-Strecke und behauptet, diese Umwelt-Maßnahme würde sowieso ins Leere gehen.

Dem widerspricht das Umweltbundesamt. Weniger Schadstoffe, weniger Treibstoffverbrauch, weniger Lärm und mehr Verkehrssicherheit bringe die Verordnung. "Pro gefahrenem Kilometer emittiert ein Pkw bei Tempo 100 statt Tempo 130 im Schnitt um 25 Prozent weniger Stickoxide und um 20 Prozent weniger Feinstaub. Zusätzlich reduziert man durch die niedrigere Geschwindigkeit die CO2-Emissionen um 16 Prozent und spart damit ebenso viel Treibstoff", heißt es in einer Stellungnahme.

So viel zur Theorie: Geschwindigkeitsmessungen ergaben aber, dass die tatsächliche Differenz geringer ist, weil sich die Lenker in den 100er-Bereichen ungern an die Verordnungen halten.

Noch niedrigere Limits für den Schwerverkehr wären laut Umweltbundesamt kontraproduktiv. Die LKW-Motoren seien auf die bisher vorgesehene Geschwindigkeitsbegrenzung von 80 km/h abgestimmt; bei 60 km/h würden LKW mehr Stickoxide emittieren als bei Tempo 80.

Studien

Akzeptanz für Tempolimits, nur Deutsche scheren aus

Wie Untersuchungen beweisen, werden Tempolimits von der Bevölkerung nicht zwingend negativ bewertet. Laut einer Eurobarometer-Umfrage aus dem Jahr 2011 befürworten 68 Prozent der EU-Bürger niedrigere Fahrgeschwindigkeiten zur Reduktion von Emissionen. Zum selben Ergebnis kommt eine repräsentative Umfrage in sechs europäischen Ländern. Demnach sind 59 Prozent der Pkw-Lenker mit den Geschwindigkeitsbegrenzungen auf Autobahnen und Schnellstraßen zufrieden.

Umfragen aus der Schweiz zeigen, dass die Akzeptanz von Tempolimits mit den Jahren steigt. Seit 1985 gilt dort Tempo 80 auf Freilandstraßen. Im Jahr 1987 sprachen sich 40 Prozent der Autofahrer gegen das Tempolimit aus. Zwanzig Jahre später, in einer Umfrage aus dem Jahr 2005, waren er nur mehr 14 Prozent.

Bei deutschen Pkw-Lenkern hätte hingegen nicht einmal eine Geschwindigkeitsbeschränkung auf 130 km/h eine Chance. 56 Prozent lehnen laut einer repräsentativen Studie des Meinungsforschungsinstituts YouGov Tempo 130 ab – sowohl Männer (62 Prozent) als auch Frauen (52 Prozent) wären dagegen. Eine Begrenzung auf 100 Stundenkilometer würde bei insgesamt 86 Prozent der Befragten auf Ablehnung stoßen. Nur elf Prozent wären dafür.

(kurier) Erstellt am
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