Chronik | Österreich
30.09.2017

Pflegeskandal: Verdächtige alleine im Nachtdienst

Wiener Heim setzte selbst nach Bekanntwerden der Vorwürfe keine Konsequenzen gegen Pfleger.

Es sind viele Fragen, die rund um den Pflegeskandal von Kirchstetten in Niederösterreich derzeit für teils wütende Reaktionen sorgen. Wie konnte es sein, dass zwei der fünf Verdächtigen wieder einen Job als Pfleger in einem Heim in fanden, obwohl gegen sie noch ermittelt wird? Wiens Pflegeanwältin ortet schwere Versäumnisse.

Glaubt man der Darstellung der Heimleitung des "Haus Pater Jordan" in Wien, dann sei man bei der Einstellung des Mannes und der Frau nicht vom laufenden Strafverfahren informiert gewesen. Außerdem sei nicht bekannt gewesen, dass die beiden zuvor in Kirchstetten beschäftigt waren. Als man im Wiener Heim durch Zufall im Sommer davon erfuhr, sei eine sofortige Entlassung geprüft worden – aber aus arbeitsrechtlichen Gründen gescheitert.

Der St. Pöltener Anwalt Stefan Gloß, der die Beschuldigten vertritt, hat starke Zweifel an diesen Aussagen. Dem KURIER liegt das Einvernahmeprotokoll der Heimleiterin vor. Daraus geht hervor, dass eine schriftliche Bewerbung und ein Aufnahmegespräch ausreichten, um den Job zu bekommen. Arbeitszeugnisse und weitere Unterlagen wurden erst gar nicht verlangt (siehe Faksimile). Und auch davon, dass im Sommer eine sofortige Entlassung geprüft worden sei, ist im Vernehmungsprotokoll nichts zu lesen. Im Gegenteil: Als im Sommer der Verdacht gegen den Mann und die Frau aufkam, wurden sie zwar mehrmals "hinsichtlich der Dienstverrichtung" kontrolliert, es seien aber keine Verfehlungen festgestellt worden. In weiterer Folge stellten die Beschuldigten der Heimleitung sämtliche Unterlagen des Strafverfahrens zur Einsicht bereit. Die Konsequenz: keine. Sie durften weiter als Pfleger tätig sein, "weil sie in unserem Betrieb (...) korrekt gearbeitet haben".

Angehörige bestürzt

Die Angelegenheit sei viel dramatischer, als man gedacht habe, sagt die Wiener Pflegeanwältin Sigrid Pilz, nachdem sie am Freitag einen sofortigen Sprechtag im "Haus Pater Jordan" einberufen hatte. "Viele Angehörige sind gekommen und sie sind sehr besorgt, verständlicherweise. Die Bewohner des Heims können sich nicht artikulieren und daher ist die Situation sehr schwierig", erklärte Pilz.

Sie ist fassungslos, wie derart sorglos mit schutzbedürftigen Menschen umgegangen worden sei. Von der Heimleitung hat Pilz am Freitag erfahren, dass es auch nach Bekanntwerden der Ermittlungen keine Konsequenzen gegen das Duo gegeben habe.

"Man hat ihnen einfach geglaubt und ist nicht in die Tiefe gegangen. Die beiden haben sogar zusammen gearbeitet. Sie waren auch ohne Überwachung und Kontrolle zusammen im Nachtdienst", ist Pilz schockiert.

Mittlerweile wurde die zuständige Pflegedienstleiterin vom Rechtsträger des "Haus Pater Jordan" als Konsequenz gekündigt. "Und die Geschäftsführerin fühlt sich für diese Belange nicht zuständig. Das Gespräch mit mir wurde am Freitag einfach abgebrochen", verlangt Pilz eine detaillierte Aufarbeitung der Affäre.

Der Anwalt der beiden Verdächtigen gibt sich kämpferisch. Er geht mit rechtlichen Schritten gegen ihre Entlassung vom 25. September vor. Auch gegen die Weisung des Landesgerichts St. Pölten, dass die Tatverdächtigen bis auf Weiteres nicht als Pfleger arbeiten dürfen, legt Stefan Gloß Rechtsmittel ein.