Chronik | Österreich
30.10.2017

Personenschutz für Familien der Opfer

Zwei Tote in Stiwoll: Justiz stellte früheres Verfahren ein, Verdächtiger war nicht zurechnungsfähig.

"Kfz leer", twitterte die Polizei Montagnachmittag: Der weiße Kastenwagen von Friedrich F. wurde in einem Wald bei Stiwoll gefunden. Nur ein paar Kilometer von der kleinen Siedlung entfernt, in der der 66-Jährige Sonntagfrüh zwei Nachbarn erschossen und eine weitere Nachbarin schwer verletzt haben soll.

Das Motiv dürfte ein seit Jahren schwelender Disput um ein Wegerecht sein: Der schmale Zufahrtsweg zu mehreren Häusern oberhalb der Ortschaft gehört teilweise dem 66-Jährigen. Er soll seinen Nachbarn aufgelauert haben, als sie wegen einer vereinbarten Aussprache bei seinem Haus auf ihn warteten.

Auf der Flucht

Der Verdächtige selbst ist weiterhin auf der Flucht. Die Polizei rät deshalb, vorsichtig zu sein: Der Steirer könnte die Tatwaffe, ein Gewehr, noch bei sich haben. Woher sie stammt, ist unklar: Gegen F. besteht ein Waffenverbot. Die 700-Einwohner-Gemeinde Stiwoll am westlichen Zipfel des Bezirks Graz-Umgebung wird streng bewacht: An jeder Zufahrtsstraße stehen Cobra-Einheiten oder Polizisten, ein Hubschrauber kreist über dem Ort.

Bürgermeister Alfred Brettenthaler, ÖVP, ordnete an, Volksschule und Kindergarten vorerst nicht zu öffnen. "Wir schauen, dass wir die Leute beruhigen und hoffen, dass das bald vorbei ist", beschreibt Brettenthaler. Sollte es nötig sein, wird auch die Allerheiligenprozession am Feiertag abgesagt. "Natürlich hat hier jeder Angst, die Menschen sind besorgt", betont der Ortschef.

Diese Angst mischt sich in die Trauer der Familien der Todesopfer Heidi H., 55, und Gerhard E., 65: Ihre Angehörigen stehen unter Personenschutz und dürfen so lange nicht in ihre Häuser zurück, bis Friedrich F. gefasst ist. Das gilt auch für die Verwandten des mutmaßlichen Täters, für seine Frau sowie die Töchter. Auch sein Bruder darf Montag nur unter Polizeischutz kurz zu seinem Haus, um die Tiere zu versorgen, er ist direkter Nachbar des Verdächtigen.

Martina Z., 48, die die Schüsse aus dem Hinterhalt überlebte, steht im LKH Graz unter besonderem Schutz: Es herrscht sogar Auskunftssperre, damit der Verdächtige nicht aufgrund der Art ihrer Verletzungen folgern kann, auf welcher Abteilung Z. untergebracht wurde.

"Heil Hitler" am Auto

Friedrich F. ist für Polizei und Justiz kein Unbekannter, wie es im offiziellen Jargon heißt. Oder anders: Er fiel über Jahre mit seltsamen Aktionen auf. So soll er Flugblätter von den Besucherplätzen des Parlaments auf die Nationalratsabgeordneten geworfen haben. Er soll mit einem "Heil Hitler"-Schild am Wagen gefahren sein. Das brachte F. den Ruf als schwierig und eigensinnig ein. Ein Querulant eben, seine Handlungen abgetan als Spinnerei. Die Staatsanwaltschaft Graz etwa stellte ein Verfahren wegen NS-Wiederbetätigung gegen den Steirer ein: F. habe "deutlich gemacht, dass er nicht mit der NS-Zeit sympathisiere", begründet Sprecher Christian Kroschl.

Allerdings gab es noch weitere Verfahren gegen den mutmaßlichen Schützen. Unter anderem eines wegen des Verdachts der gefährlichen Drohung: So soll F. Richter schriftlich bedroht haben, Juristen des Landesgerichtes und auch des Oberlandesgerichtes, ebenso Rechtsanwälte.

F. betrieb eine Homepage, auf die er Videos stellte und Verschwörungstheorien über die angeblich ungerechte Justiz verbreitete. Weil er auf seiner Liste auch Politiker gehabt haben soll, wurden am Montag auch die Grazer Burg (Amtssitz des Landeshauptmannes), das Landhaus und Gerichtsgebäude speziell gesichert.

Nicht schuldfähig

Doch geahndet wurden all diese Vorkommnisse nicht: Die Staatsanwaltschaft Graz trat das Verfahren an die Kollegen Leoben ab, weil sie selbst befangen war doch die Leobener Behörde stellte es Ende 2016 ein. Basis dafür war ein Gutachten eines psychiatrischen Sachverständigen: Der Verdächtige sei paranoid, daher nicht schuld- oder zurechnungsfähig, der Akt wurde geschlossen. Anzeichen von Gefährlichkeit konnte der Sachverständige übrigens keine erkennen. Im Grazer Straflandesgericht war man dennoch vorsichtig: F. durfte das Gebäude nicht mehr betreten, er hatte Hausverbot.

Polizei ist besser für Bedrohungslagen gerüstet

Als die Spezialeinheit Cobra im September 2013 auf das Anwesen des Wilderers von Annaberg (NÖ) zufuhr, durchdrangen die Projektile des Schützen beinahe den gepanzerten BMW X5 der Beamten. Das Bundesheer musste daraufhin mit einem Panzerfahrzeug aushelfen.

Mittlerweile ist die heimische Polizei besser ausgerüstet. Nicht zuletzt wegen der Lehren von Annaberg und des Anti-Terror-Pakets hat das Innenministerium den Ausrüstungsstandard der Polizei deutlich erhöht. 90 Millionen Euro wurden und werden dafür insgesamt investiert.

Nach der Bluttat mit zwei Toten in Stiwoll (Bericht oben) hat die Cobra erstmals ihre neuen Panzerfahrzeuge im Ernstfall im Einsatz. Mit den beiden "Survivor II" wird die Umgebung des Tatortes seit Sonntag nach dem mutmaßlichen Todesschützen abgesucht. "Die Panzerung hält schwerem Beschuss stand. Das Fahrzeug kann Teams in Gruppenstärke von bis zu zehn Mann sicher zu jedem Tatort bringen, auch im Gelände", sagt der Chef der Sondereinheiten im Innenministerium, Bernhard Treibenreif. Er war von Sonntag auf Montag selbst Einsatzleiter in Stiwoll. Vor allem entlegene Gehöfte rund um den Tatort galt es nach dem brandgefährlichen Täter abzusuchen. "Die Ausrüstung ermöglicht den Einsatzkräften eine sichere Annäherung", erklärt Treibenreif.

Bei dem Einsatz konnten die Cobra-Beamten auch auf neu beschaffte Nachtsichtgeräte zurück greifen. Auch diese standen nach dem Amoklauf von Annaberg auf der Agenda des Innenministeriums. Angekauft wurde auch eine deutlich leichtere Schutzausrüstung mit Splitterschutzwesten, Schilden und ballistischen Einsatzhelmen.

Auch in Sachen Bewaffnung tut sich bei der Polizei einiges. Für die Spezialeinheiten läuft der Beschaffungsprozess für neue Langwaffen (derzeit Steyr AUG) mit einem stärkeren Kaliber als bisher. Auch die klassische Polizeimunition für die Glock-Pistole der "Streifenpolizisten" hat bald ausgedient. An Stelle der kaum mannstoppenden Vollmantelgeschosse läuft, wie berichtet, ein europäisches Ausschreibungsverfahren für Teilmantelgeschoss-Projektile. Diese Munition bleibt im Körper stecken.