Chronik | Österreich
15.03.2018

Olympia: "Das Fenster ist weit offen"

Schwarz-Blau hat mit den NEOS die Bewerbung für die Winterspiele 2026 auf Schiene gebracht.

Der Olympia-Zug ist aus dem Bahnhof gefahren. Donnerstagnachmittag gaben ÖVP, FPÖ und der einzige Mandatar der NEOS im Grazer Gemeinderat die Strecke frei. Zunächst einmal nur für die Absichtserklärung, dem berühmten "Letter of Intent". Das Schreiben ist knapp drei Seiten lang, im Original auf Englisch verfasst und setzt eine Kettenreaktion in Gang: Es ermächtigt das Österreichische Olympische Komitee, dem Internationalen Olympische Komitee ( IOC) "Austria 2026" vorzuschlagen.

Wohlgemerkt "Austria 2026", nicht "Styria". Denn obwohl Graz und Schladming als Verfechter Olympischer Winterspiele auftreten respektive deren ÖVP-Bürgermeister , firmiert die Bewerbung unter Österreich. Auch wenn der Bund bezüglich einer Mit-Finanzierung bisher noch ein bisschen vage blieb.

ÖVP wirbt

Aber so weit ist es ohnedies noch nicht. In der Gemeinderatssitzung am Donnerstag stiegen nur die schwarz-blaue Koalition und der NEOS-Mandatar in den Olympia-Zug ein. Aber das reicht, die Mehrheit zählt. KPÖ (zweitstärkste Fraktion in Graz), Grüne und SPÖ halten nichts von der Idee, seit sie die Bürgermeister Siegfried Nagl und Jürgen Winter, Schladming, geboren haben. Da mag die ÖVP noch so sehr um Unterstützung werben. "Der Letter of Intent heißt ja nicht, die Spiele müssen stattfinden", versicherte Gemeinderat Thomas Rajakovics, bekannt auch als Pressesprecher Bürgermeister Nagls. "Wir werden erst nach Gesprächen mit dem IOC wissen, ob sie ihre Beschlüsse ernst nehmen oder doch die Zweifler Recht behalten."

Damit spielte Rajakovics auf die "Agenda 2020" des IOC an, die Mitte Februar beschlossen wurde (siehe auch Zusatzbericht). Kurz gefasst, gelobt das von Korruptionsvorwürfen gebeutelte Gremium darin eine Abmagerungskur in finanziellen wie organisatorischen Belangen.

Beschluss ernst nehmen

"Das macht es möglich, aus Sicht der Stadt Graz und etlicher Gemeinden, in Erwägung zu ziehen, sich zu bewerben", betont Rajakovics. Das IOC selbst habe das Schlagwort von "Spielen ohne Gigantomanie und Bombast" geprägt. Da sei eine Chance für die Steiermark und darüber hinaus. "Wir glauben, das Fenster ist weit offen. Das IOC muss beweisen, dass es seine Beschlüsse ernst nimmt. Jetzt ist es die richtige Zeit für uns."

Die Zeit ist knapp, vermutlich wirkt die Grazer Bewerbung deshalb so überhastet. Bis Monatsende muss die Absichtserklärung beim IOC sein, bis Juni eine Machbarkeitsstudie vorliegen. Delegierte des IOC inspizieren die Bewerber mehrmals vor Ort, ehe sie im Herbst entscheiden, wer sich Kandidat nennen darf oder nicht.

Billig ist allein die Phase bis dahin schon nicht, neun Millionen Euro soll das kosten. Geld, das die Opposition lieber nichtausgeben würde. "Ersparen wir uns gleich den Letter of Intent und weiteres Geld", fordert SPÖ-Stadtparteiobmann Michael Ehmann. "Wacht’s auf, Risiko und Haftungen sind bei der Stadt Graz." Die Stadt werde dazu zahlen müssen, denn in der Kalkulation von 1,2 Milliarden Euro für die Spiele 2026 seien die Kosten für Sicherheitsmaßnahmen nicht inkludiert. "Das das sind 250 bis 300 Millionen Euro, mindestens", warnt Ehmann.

KPÖ-Klubobmann Manfred Eber witzelt in Replik auf dass "offene Fenster" der ÖVP, dass man "nicht aus jedem offenen Fenster springen muss". Er traue dem neuen "Nachhaltigkeitsgebot" des IOC nicht. "Ich glaube nicht, dass das IOC reformierbar ist. Multinationale Konzerne bestimmen dort, wo es lang geht."

Warum die Außenseiter in den Mittelpunkt rutschen können

Wie war das mit dem Song Contest? Dass er 2015 in Wien über die Bühne ging, überraschte und kam unerwartet. Legendär war auch der verblüffte Sager des ORF-Moderators im Jahr zuvor, nachdem Conchita Wurst Erste wurde. Direkt auf Sendung und unverblümt sagte er: "Jetzt hat die uns den Schas gewonnen!"

Österreich war überwältigt – angesichts der Riesenveranstaltung mit Millionenpublikum - aber auch ein bisschen überrumpelt. Das könnte sich heuer im Herbst wiederholen, denn: Forciert das Internationale Olympische Komitee (IOC) tatsächlich Kandidaten aus Europa, wäre Graz-Schladming voraussichtlich der einzige europäische Bewerber. Zwar will auch die Politik des Schweizer Sion mitspielen, aber dort ist im Juni eine Volksbefragung angesetzt. Bisherige Umfragen in der Schweiz lassen ein Nein vermuten.

Auch in Stockholm wurde mit Winterspielen geliebäugelt, doch die Stadt sagte aus finanziellen Gründen ab. Die Südtiroler Landesregierung lehnte ebenfalls wegen der Finanzierung ab.

Einzige Europäer

Somit bliebe mit der Grazer Bewerbung nur noch Österreich als europäischer Austragungsort, das bereits zwei Mal Winterspiele ausgerichtet hat, 1964 und 1976 in Innsbruck. Viel logische Konkurrenz um die Kandidatur gäbe es für 2026 zudem auch nicht vorausgesetzt, das IOC hält sich an seine eigene, neu aufgestellte Vorgabe der schlanken Spiele in klassischen Wintersportorten. Almaty in Kasachstan fiele kaum unter diese Beschreibung. Sapporo in Japan dürfte wiederum wenig Chancen haben, weil Tokio die Sommerspiele 2020 veranstaltet.

Ein klassischer Wintersportort liegt freilich gut im Rennen: Calgary in Kanada. Die Bewohner sind laut Umfragen dafür, allerdings will Kanada auch die Fußball-WM 2026 haben. Somit könnte die Hoffnung der steirischen " Olympia 2026"-Befürworter auf ein "weit offenes Fenster" erfüllt werden.