Chronik | Österreich
11.02.2017

Österreich ist "Schlaraffenland" für Wölfe

David Gerke bemüht sich in der Schweiz um ein Zusammenleben mit Wölfen. Jagdliche Probleme in Österreich erscheinen ihm selbst gemacht.

Österreich muss sich auf die weitere Ausbreitung von Wölfen im Bundesgebiet einstellen. So lautet die Einschätzung von David Gerke. Er ist Präsident der "Gruppe Wolf Schweiz", die sich seit Jahren für den Schutz und die Rückkehr der Wölfe einsetzt, solange sie nicht ausgesetzt werden.

Dabei vereint Gerke in seiner Person drei Funktionen, die miteinander schwer vereinbar erscheinen: Der Wolfsschützer ist nämlich auch Jäger und Schafhirte in der Schweiz, wo die Wölfe bereits 2012 begonnen haben, Rudel zu bilden. Derzeit gibt es drei Gruppen und ein wanderndes Pärchen. Dadurch ist man Österreich an Erfahrungen voraus. Bei uns hat sich, wie berichtet, erst 2016 ein Rudel im Waldviertel niedergelassen.

KURIER: Kennen Sie die Lage in Österreich?

Gerke: Ich beobachte die Situation in Österreich mit Aufmerksamkeit.

Glauben Sie, dass die Zahl der Wölfe in Österreich weiter zunimmt?

Ja. Die durch viel zu viel Fütterung hochgehaltenen Rotwildbestände schaffen in Österreich ein wahres Schlaraffenland für Wölfe. Mit dieser Form des Rotwild-Managements zeichnen sich schwere Konflikte ab.

Was macht die Schweiz hier anders?

In der Schweiz darf Rotwild nur noch in Ausnahmefällen überhaupt gefüttert werden, in Österreich ist das vielfach die Regel.

Kennen Sie die aktuellen Rotwildbestände?

Die Rotwildpopulation in den an die Schweiz angrenzenden österreichischen Bundesländern Tirol und Vorarlberg sind auf derselben Fläche rund 30 Prozent höher als im Kanton Graubünden, wo 15.000 Stück Rotwild bereits nahe an der Obergrenze angesiedelt sind.

Im Österreich treibt man Rotwild in sogenannte Wintergatter. Wären das Wolfs-Futterplätze?

Ja. Die gibt es bei uns überhaupt nicht.

Mit welchen Änderungen muss die Jägerschaft rechnen?

Natürlich wird die Anwesenheit des Wolfes die Jagd erschweren und vielfach aufwendiger machen. Das Wild wird sein Verhalten dem Wolf anpassen und aufmerksamer werden. Jäger werden sich umstellen müssen.

Nennen Sie ein Beispiel?

Dass Hirsche und Rehe zu bestimmten Zeiten oder an bestimmten Plätzen anzutreffen sind, wird eben unwahrscheinlicher. Das Rotwild verlagert beispielsweise seine Brunftplätze und ist im Berggebiet nicht mehr in so großen Gruppen anzutreffen wie bisher.

Bringt der Wolf auch Vorteile?

Er trägt dazu bei, Auswüchse in der Hege des Wildes zu mindern und für gesunde Bestände zu sorgen. Er kann beispielsweise die Schwierigkeiten mit an TBC erkranktem Rotwild in Vorarlberg lösen helfen. Denn der Wolf erfüllt seine Funktion zur positiven Selektion im Wildtiermanagement ganz hervorragend.

Nimmt die Zahl der Rehe und Hirsche nicht stark ab?

Bei uns sind nirgends die Wildtiere verschwunden. Sie sind höchstens gesünder. Gämsen kehren wieder in die Hochlagen zurück, für die sie gemacht sind. Ein genereller Rückgang der Bestände kann aber nicht festgestellt werden.

Wie wird das in Ostösterreich aussehen?

Die Umstellung im Flachland Österreichs wird zumindest für die Tierhalter nicht so schwierig werden wie in den Alpen. Herden in Gebirgslagen zu schützen, ist ausgesprochen aufwendig und personalintensiv. Frei weidende Nutztiere gibt es in Ostösterreich nur in geringem Ausmaß. Hier können die bereits bestehenden Zäune oft relativ einfach wolfssicher aufgerüstet werden.

Jäger nicht haftbar, wenn der Wolf ein Schaf reißt

Dieses neue Angebot könnte manchen Jäger, dem Landwirte mit Wildschadensforderungen zusetzen, reizen: Seit 1. Jänner gibt es – nach deutschem Vorbild – auch in Österreich eine Wildschadenversicherung. Die haftet, wenn Wildschweine Maisfelder verwüsten, oder Hirsche Waldbäume entrinden. Sie umfasst auch noch Sachschäden, die Großraubtiere verursachen.

Was der Innsbrucker Entwickler des Angebots, der Jäger und Versicherungsspezialist Thomas Tiefenbrunner, als originelles Werbezuckerl gedacht hatte, könnte in naher Zukunft häufiger schlagend werden, als ihm selbst lieb ist: "Wir haben das zu Beginn nur als Gag gemacht und mit so wenigen Fällen gerechnet, dass wird das kaum spüren", sagt Tiefenbacher. Denn als er das Modell www.wildschadenversicherung.at vor fast zwei Jahren zu entwickeln begann, war noch keine Rede von einer fixen Ansiedlung der Wölfe in Österreich. Die Bären waren weitgehend aus den Wäldern verschwunden.

Der Landesjagdverband Niederösterreich hält das Modell allerdings nicht für zielführend: "Jäger sind für Sachschäden, die Großraubtiere verursachen, grundsätzlich gar nicht haftbar", erklärt Alois Gansterer. Der Jagdverband habe sich allerdings entschlossen, freiwillig über die Jagdhaftpflicht gemeinschaftlich für solche Sachschäden aufzukommen. Ob sich der Hauptbereich – die Wildschadensabdeckung – finanziert, muss sich erst zeigen: "Versichern werden sich hauptsächlich Jäger mit hohen Schäden", vermutet Gansterer.