Österreich hat ein Alkoholproblem

Suchtkranke Kinder
Foto: APA/dpa/Alexander Heinl

370.000 Menschen sind hierzulande alkoholkrank, die Dunkelziffer liegt weit höher. In starken Dosierungen schädigt das Gift alle unsere Systeme und hat verheerende Auswirkungen auf Psyche und Sozialverhalten. Doch das größte Problem, ist zu erkennen, dass man ein Problem hat.

Das Telefon läutet. Es ist Gerd. Schon wieder.

Es ist das dritte Mal, dass er heute anruft. Dabei ist es erst elf Uhr vormittags. Er seufzt. Daniela soll ihm eine Palette Bier bringen, er schafft es nicht selbst heute. Schon wieder.

Gerd stürzt oft. Erst letztes Jahr ist er über die Teppichkante gestolpert und hat sich die Hüfte gebrochen. Die schwere Osteoporose macht seine Knochen weich. Hilflos und schwer betrunken lag er im Wohnzimmer. Rettung und Feuerwehr sind gekommen. Sie fanden Gerd mit heruntergezogenen Hosen, halbnackt am Boden liegen. Als die Sanitäter ihn mitnehmen wollten, wurde er aggressiv.

Gerd erzählt immer wieder dieselben traurigen Geschichten, die keiner mehr hören kann. „Immer wieder beginnt er von vorne, als wäre die Katastrophe erst gestern passiert“, sagt Daniela. Ständig fragt er sich, warum gerade ihm das alles widerfahren musste. „Er macht es damit nicht besser, er versinkt in seinem Elend.“

Früher war er glücklich

Daniela kennt ihren Onkel Gerd noch aus ganz anderen Zeiten. Sie kramt ein Hochzeitsfoto aus dem Jahr 1975 hervor. Ein junges attraktives Paar. Er blonde kurze Haare, sie lange prächtige Locken. Mit 17 haben sich die beiden kennengelernt, die große Liebe. Kinder konnten sie keine bekommen, doch das störte sie nicht. Dafür hatten sie für Nichten und Neffen immer viel Zeit und Aufmerksamkeit. Daniela war auf vielen Urlauben und Ausflügen dabei. „Onkel Gerd war immer fleißig arbeiten, sehr fürsorglich und hat immer geschaut, dass es allen gut geht“, sagt Daniela heute. Brauchte jemand ein offenes Ohr, hat er zugehört. Brauchte jemand Geld, hat er es zugesteckt - ohne Fragen zu stellen.

Daniela kramt ein anderes Hochzeitsfoto hervor. Eines aus dem Jahr 2015. Daniela war die Braut und Onkel Gerd zu Gast. Zuerst findet man ihn auf dem Bild nicht, erst wenn man ganz genau hinsieht, erkennt man Gerd 40 Jahre später. Da steht die lächelnde Hochzeitsgesellschaft und ganz am Rand ein hagerer, ungepflegter Mann. Das Haar noch immer ganz kurz, rote Flecken im Gesicht, unrasiert. Während alle anderen sich rausgesputzt haben, trägt er Jeans und eine Wollweste. „Mir war das sehr unangenehm, aber was sollte ich tun, ich wollte ihn dabei haben“, erzählt Daniela.

Bei einer Größe von 180 cm wiegt Gerd heute nur noch 60 Kilo. Er isst kaum. Er trinkt fast nur noch. Bier, Rum, Cognac. Seit zwei Jahren ist er im Ruhestand. Seit zwei Jahren ist es noch schlimmer geworden mit dem Alkohol. Und mit seinem körperlichen und geistigen Verfall.

„Die Österreicher trinken viel“

In Österreich sind 370.000 Menschen alkoholkrank. Die Dunkelziffer liegt noch weit höher. 14 Prozent weisen einen problematischen Alkoholkonsum auf. Das sind beträchtliche Zahlen im europäischen und auch internationalen Vergleich, wie auch erneut eine aktuelle Studie zeigt.

Institut für Sozialästetik, Professor Musalek, und… Foto: KURIER/Gerhard Deutsch „Die Österreicher trinken insgesamt relativ viel“, sagt Michael Musalek (Foto), seit 2004 ärztlicher Leiter Europas größter Suchtklinik, dem Anton-Proksch-Institut. Im Volksmund ist die Klinik auch als „Kalksburg“ bekannt. Österreich habe, so der Psychiater, schlichtweg keine Trinkkultur, auch wenn wir gerne so täten. Das „viel trinken“ sei bei uns sehr anerkannt. „Es gibt ein erstes körperliches Anzeichen, die so genannte Toleranzwirkung. Man braucht immer mehr von einem Suchtmittel, um die gleiche Wirkung zu erzielen. Der Hintergrund ist, dass sich die Blut-Hirn-Schranke etwas verschließt, um die Nervenzellen zu schützen und man spürt die Wirkung des Alkohols nicht so stark“, sagt Musalek. Genau das aber gelte in Österreich noch immer als ein Zeichen von Stärke, denn diese Person vertrage scheinbar viel Alkohol. „Dabei ist es nichts anderes als ein Zeichen dafür, dass dieser Mensch bis jetzt immer zu viel getrunken hat.“

Euphorie macht süchtig

Doch nicht jeder, der viel trinkt oder einen problematischen Alkoholkonsum aufweist, muss auch alkoholsüchtig werden. „Es gibt Menschen, die Alkohol schlecht vertragen. Diese können kaum alkoholkrank werden. Dann gibt es eine Gruppe, und das scheint nach allen Untersuchungen genetisch bedingt zu sein, die Alkohol sehr gut verträgt. Und von dieser Gruppe gibt es wieder zwei unterschiedliche Ausprägungen. Die einen merken, dass das Trinken so viele Nachteile bringt, dass es sich nicht auszahlt. Die anderen profitieren davon. Und das sind die Gefährdeten“, erzählt Musalek. Profitieren heißt beispielsweise: Sich lockerer zu fühlen, Angst zu lösen, Euphorie zu steigern, besser soziale Kontakte knüpfen zu können oder auch besser einzuschlafen.

Wenn solchen Menschen später einmal eine private oder berufliche Katastrophe passiert, können sie oft den ohnehin schon erhöhten Konsum nicht mehr steuern. Das sei der Weg in die Sucht.

Gerds private Katastrophe

Gerd wird diesen Tag vor fünf Jahren nie vergessen. Seine Frau erhält eine zermürbende Diagnose: Kieferkrebs. Zuerst sah es nach guten Heilungschancen aus. Der Tumor wurde wegoperiert, das entstellte Gesicht durch etliche Operationen wieder versucht zu rekonstruieren. Sie war am Ende am ganzen Körper aufgeschnitten: Hüftknochen, Darm- und Brustgewebe sollten das Gesicht wieder aufbauen. Gleichzeitig Bestrahlung. Zu Weihnachten wurde sie nach Hause entlassen. Krebsfrei, aber komplett deformiert. „Sie konnte kaum reden, hatte irrsinnige Schmerzen und ein Loch unter dem Kehlkopf“, erzählt Daniela. Kurze Zeit später finden die Ärzte einen weiteren Tumor. So groß wie ein Golfball. Er sitzt im Hirnstamm und ist inoperabel. Ein paar Wochen später ist sie tot.

Fünf Jahre ist es nun her, dass Gerd seine Frau begraben musste. In der gemeinsamen Wohnung in Hernals, in der er immer noch lebt, sieht es aus, als wäre sie erst seit fünf Minuten weg. Ihre schmale Lesebrille liegt auf der Kommode, das Schminkzeug stapelt sich vor dem Spiegel, das Erdbeer-Shampoo steht in der Duschkabine, die Zahnbürste steckt im Becher. Nur jene Dinge, die mit der Krankheit zu tun hatten, die hat Gerd schnell weggebracht: Kanülen, Windeln, Katheter, das Absauggerät für die Atemwegsekrete.

Das Problem ist nicht der Alkohol

Gerd hat immer schon gerne getrunken, sagt er. „Aber nur abends oder am Wochenende, wenn wir etwas mit Freunden unternommen haben.“ Ein Foto von sich möchte er nicht in der Zeitung sehen, er weiß, dass er schon einmal besser ausgesehen hat. Aber ein Alkoholproblem, das habe er nicht. Das Problem sei der Tod seiner Frau, nicht das Trinken. Von dieser Meinung weicht er nicht ab.

Mittlerweile trinkt Gerd acht Dosen Bier am Tag. Dazu noch ein oder zwei Tee mit Rum, auch gerne Cognac am Abend. Er wacht frühmorgens auf, macht sich eine Kleinigkeit zu essen, wenn etwas im Kühlschrank ist. Kurz danach trinkt er das erste Mal. Dann setzt er sich auf die Couch vor den Fernseher. Das einzige Programm, das er sich ansieht, ist ORF1. Auf die anderen Knöpfe der Fernbedienung traut er sich schon lange nicht mehr zu drücken, er hat Angst etwas zu verstellen. Das einzige, was er noch regelmäßig tut, ist die Tageszeitung zu lesen. „Damit die Zeit vergeht“, sagt er. Ab und zu geht Gerd noch selbst einkaufen, aber immer öfter bittet er Daniela darum, ihr das Wichtigste zu besorgen. Gerd verliert oft Geld, ist sehr vergesslich geworden, aggressiv, abwertend anderen gegenüber, unverlässlich und hat kaum soziale Kontakte. Er findet immer öfter Ausreden, warum er zu Feierlichkeiten nicht erscheinen kann. „Und wenn er kommt, dann bleibt er nur solange es Bier gibt“, erzählt Daniela. „Er hat seine alte Persönlichkeit komplett verloren.“

Alkohol ist ein Gift

Die Menschen, die Michael Musalek in der Entzugsklinik gegenüber sitzen, haben erkannt, dass sie ein Problem haben. „Wir behandeln im Jahr rund 12.000 Patienten. 2000 davon auch stationär“, sagt der Arzt. Ob es sich bei seinen Neuankömmlingen tatsächlich um Alkoholsüchtige handelt, findet er in einem Gespräch heraus. Die Diagnose sei relativ einfach. Es gebe sechs Ausprägungen, die abgefragt werden. Treffen drei davon zu, ist der Mensch alkoholkrank: Toleranzentwicklung, Craving (Drang nach Alkohol), Kontrollverlust, Entzugssyndrom (Körper reagiert, wenn man nicht trinkt), Alkoholsteigerung trotz Schaden, Alkohol im Zentrum des Lebens.  

Anton-Proksch-Institut… Foto: /Anton-Proksch-Institut Zuerst werde der Patient zur Behandlung motiviert, denn ohne den eigenen Willen funktioniere der Entzug nicht. Im nächsten Schritt folgt die körperliche Entzugsbehandlung, wenn sie notwendig ist.

Verheerende Auswirkungen

„Es gibt keinen Alkoholkranken, der nur alkoholkrank ist und sonst nichts hat“, erklärt Musalek. Es gebe eine Fülle von körperlichen Folgeerkrankungen. Alkohol ist ein Gift, das in hoher Dosierung alle Systeme unserer Körpers schädigt. Den Verdauungstrakt, die Leber und die Bauchspeicheldrüse. Hautkolorit und hormonelle Veränderungen sind Folgen. Aber auch das Herz-Kreislauf-System und das Nervensystem werden geschädigt. Schwere Konzentrationsstörungen bis hin zur so genannten Korsakow-Demenz. Wenn schwangere Frauen viel trinken, kann es zu schweren Missbildungen des Babies kommen. Hinzu kämen die massiven psychischen Auswirkungen des Alkoholmissbrauchs. Am häufigsten seien es Depressionen und Angststörungen, auch die psychosozialen Probleme seien massiv. All das müsse stabilisiert werden, bevor man sich der eigentlichen Behandlung zuwendet.

„Danach geht es in erster Linie um die Neugestaltung des Lebens“, so Musalek. Denn lebt man so weiter wie bisher, nur ohne Alkohol, dann sei es praktisch nicht machbar. Eine langfristige ambulante Nachbehandlung sei unerlässlich.

Behandlung muss sein

Die Zahlen, die wir über Alkoholkranke haben, seien Hochrechnungen. Und leider gebe es viele, die keine Hilfe suchen. „Alkoholkranke haben eine hervorragende Prognose, wenn man in Behandlung geht. 80 Prozent der Patienten sind symptomfrei über viele Jahre, wenn sie regelmäßig kommen.“ Die schlechte Nachricht sei aber: Wenn man nicht in Behandlung geht, sinkt dieser Prozentsatz auf 10.

Beim so genannten banalen Entzugssyndrom kommt es zu zittern, schwitzen, Angstzuständen, Schlafstörungen, Übelkeit und Erbrechen. Tritt es zu stark auf oder behandelt man es nicht, kann es in ein Delirium Tremens übergehen. In diesem Zustand erreichen die Betroffenen eine psychomotorische Unruhe, Desorientierung und Halluzinationen. „Ist dieses Delirium einmal erreicht, wird es sehr gefährlich. Noch immer, trotz intensiver medizinischer Maßnahmen, kommt zu einer völligen Entgleisung des Säure-Basen-Haushaltes, des Elektrolytstoffwechsels, also zu einer schweren Hirnfunktionsstörung“, so Musalek. Ungefähr ein Drittel der Alkoholkranken würden heute immer noch daran sterben. Immer wieder begeben sich Menschen in den riskanten „kalten Entzug“, wo es sehr leicht zu diesem Delirium kommt. „Sie sterben beim Entzug“, so der Arzt. Das Entscheidende sei also, den Süchtigen dazu zu bewegen, sich kontrolliert behandeln zu lassen. „Das ist aber das Allerschwierigste.“

Gerd will nichts von Entzug hören. Das Problem ist doch nicht der Alkohol, sondern der Tod seiner Frau. Das betont er immer wieder. Daniela hat aufgegeben. Und sie ist wütend auf ihren Onkel. „Was ganz natürlich ist, dennoch ist es eine Krankheit“, betont Musalek. Aber in der Bevölkerung habe sie immer noch den Nimbus der Selbstverschuldung. „Es gibt keinen einzigen Alkoholkranken, der mit diesem Ziel ins Rennen gegangen ist.“

Die Frauen holen auf

Tendenziell sind es eher die Männer, die alkoholkrank werden. Doch die Frauen holen auf. Vor 20 Jahren lag das Verhältnis bei 4:1. Heute liegt es bei 3,5:1. „Bei den unter 16-Jähigen liegt es sogar schon bei  2:1, das ist alarmierend“, sagt Musalek. Hinzu käme, dass das Alkohol-Einstiegsalter aktuell bei elf bis zwölf Jahren festgehalten wurde. Und insgesamt werden die Menschen älter. Aus all diesen Entwicklungen erklärt sich der Anstieg der Betroffenen.

Dieser Tage findet erstmals die so genannte „Dialogwoche Alkohol“ statt. Initiiert wurde die österreichweite Veranstaltungsreihe von der ARGE Suchtvorbeugung in Kooperation mit dem Bundesministerium für Gesundheit und Frauen, dem Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger und dem Fonds Gesundes Österreich. "Aus Sicht der Gesundheitsförderung geht es um einen bewussten Umgang mit dem Genuss- und Suchtmittel Alkohol", sagt Klaus Ropin, Leiter des Fonds Gesundes Österreich. Politik und Medizin haben die Brisanz erkannt. "Wir wollen den Informationsstand der Bevölkerung verbessern", sagt Gesundheitsministerin Pamela Rendi-Wagner zu den Zielen der Aktion. "Viele Menschen wissen nicht, ab wann Alkoholkonsum zur gesundheitlichen Gefahr wird oder wohin sie sich für Beratung wenden können."

Abstinenz ist nicht attraktiv

Alkoholismus sei in der Gesellschaft eine minderwertige Krankheit. „Man ist stigmatisiert, es handelt sich zudem um eine äußerst intime Störung. Diese Menschen schämen sich dafür, sprechen nicht gerne darüber“, sagt Musalek. Die wenigsten würden über ausreichendes Wissen verfügen, was die Behandlung betrifft. Das ängstige noch mehr. „Es gibt zwei Motivatoren im Leben, die alles andere ausstechen: Eine Sache muss attraktiv sein. Und sie muss erreichbar sein.“

Doch für einen Alkoholiker sei die Abstinenz nicht attraktiv. „Für Verzicht sind wir offenbar nicht auf die Welt gekommen“, sagt Musalek. „Wir können den Menschen hier immer nur eine sehr gute Chance geben. Die Chance, dass er das richtige tut. Ob er es tut, ist seine Angelegenheit. Man kann und soll niemandem zu etwas zwingen.“

Schnell wieder weg

Gerd belastet mit seinem Verhalten die ganze Familie. Wenn das Telefon läutet, dann weiß Daniela meist, was er möchte. Eine Palette Bier, weil er es gerade selbst nicht schafft, einkaufen zu gehen. Sie stellt den Alkohol dann nur schnell ab, öffnet das Plastik, damit er sich die Dose nur noch nehmen muss. Dann will sie schnell wieder weg. Er will doch wieder nur über den Tod seiner Frau reden und warum gerade ihm das alles passieren musste.  

(kurier) Erstellt am
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