Der Wirtschaftsforscher Matthias Sutter beweist mit Studien: Geduld ist gleich viel Wert wie Talent

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Ausdauer schlägt Talent
03/02/2014

Ökonom Sutter: "Nur wer geduldig ist, hat Erfolg"

Der Ökonom Matthias Sutter fordert in seinem Buch das Comeback der Geduld.

von Ida Metzger

In Deutschland zählt Matthias Sutter zu den renommiertesten Wirtschaftsforschern. Das deutsche Handelsblatt wählte Sutter im Vorjahr auf Platz zwei der besten deutschen Ökonomen. Hierzulande ist der gebürtige Vorarlberger noch ein unbeschriebenes Blatt. Das wird sich möglicherweise bald ändern. In seinem neuen Buch "Die Entdeckung der Geduld. Ausdauer schlägt Talent", erschienen im ecowin-Verlag (168 Seiten, 22,95 €), präsentiert er erstaunliche Studien, die zeigen: Erfolg hat nur der, der auch Geduld besitzt. Im KURIER-Interview erklärt der Ökonom, warum wir der vergessenen Qualität Geduld wieder zu einem Comeback verhelfen sollten:

KURIER: Herr Sutter, Sie behaupten in Ihrem neuen Buch, dass Ausdauer Talent schlägt. Ist das nur ein guter Verkaufstitel oder ist an der These wirklich etwas dran?

Matthias Sutter: Alle langfristigen Studien zeigen, dass Persönlichkeitseigenschaften wie Geduld, Selbstkontrolle oder Zielorientierung für alle Dimensionen von Erfolg , etwa im Beruf, im Privatleben oder bei der Gesundheit gleich wichtig, wenn nicht sogar wichtiger sind, als der Intelligenzquotient. Ausdauer ist daher in einigen Fällen um einen Tick wichtiger als Intelligenz. Und deswegen ist der Titel durchaus gerechtfertigt.

In welchen Bereichen sind geduldige Menschen erfolgreicher als Menschen ohne Ausdauer?

Es ist wissenschaftlich bewiesen: Menschen, die im Kindheitsalter schon fähig sind auf eine größere Belohnung einige Minuten zu warten, als eine kleine sofort zu konsumieren, haben es im späteren Leben leichter: Sie sind in der Regel im Erwachsenenalter besser ausgebildet, haben dadurch ein höheres Einkommen. Sie sind auch weniger häufig krank, sind seltener Alleinerzieher und werden weniger häufig kriminell oder spielsüchtig. Ungeduldige Menschen brechen öfters die Schulausbildung ab, haben eine höhere Scheidungsrate oder arbeiten in schlechter bezahlten Jobs und sind auch öfters Rauchers. Bei einer Langzeitstudie, die in Neuseeland durchgeführt wurde, rauchten 47 Prozent der Jugendlichen, die als Kind in der Kategorie "sehr geringe Selbstkontrolle" eingestuft waren. Zum Vergleich: Nur 20 Prozent der Jugendlichen rauchten, die als Kind in der Kategorie "sehr hohe Selbstkontrolle" ein gestuft waren.

Warum ist Geduld ein Erfolgsgeheimnis?

Der Grund dafür ist, dass Menschen mit Geduld die Entscheidung zwischen "weniger heute" aber dafür "mehr morgen" besser abwägen können. Wer heute weniger raucht, ist morgen gesünder. Wer heute weniger auf Partys geht, aber dafür mehr lernt, hat eine bessere Ausbildung.

Wenn diese Fähigkeit schon im Kindesalter eine Rolle spielt, kann man Kindern Geduld auch anerziehen?

Das Elternhaus hat sicherlich einen sehr starken Einfluss. Wichtig ist, dass man Kindern beibringt, auf längerfristige Ziele hinzuarbeiten. Aber eines ist entscheidend: Gibt man Kindern ein Versprechen, etwa eine Belohnung für eine gute Note, dann müssen diese Abmachungen verlässlich sein. Denn sonst gibt es keinen Grund mehr für ein Kind Pläne für die Zukunft zu machen, weil sie aus der Sicht des Kindes nie eintreffen. Wichtig ist auch, dass den Kindern nicht sofort jeder Wunsch erfüllt wird, damit das Warten wieder eine wichtige Dimension bekommt.

Wir leben in einer Sofort-Gesellschaft. Wie kann man der Gesellschaft die Geduld beziehungsweise die Fähigkeit, auf etwas zu warten, wieder schmackhaft machen?

Es stimmt: Warten ist heute nicht mehr gefragt. Wir leben nach dem Motto: Sofort raus mit allem – der schnelle Erfolg zählt. Aber alle Studien zeigen, dass es günstig ist, wenn man zuwarten kann. Diese Entwicklung führt dazu, dass Sparen für die heutigen Jugendlichen einen geringen Stellenwert hat. Kürzlich gab es eine Befragung unter Jugendlichen und für 40 Prozent der Befragten war es ganz normal, dass man Schulden hat. Das ist ein Alarm- und Rufzeichen für unsere Gesellschaft. Denn das heißt, dass Investitionen in die Zukunft unwichtig werden. Unser gesamter Wohlstand baut aufs Sparen. Denn was wir sparen, können andere verwenden, um in produktive Möglichkeiten zu investieren. Das halte ich langfristig betrachtet für den Untergang unseres Wohlstands. Mit dieser Einstellung des Schuldenmachens werden wir den Wohlstand, den wir uns über Jahrzehnte erarbeitet haben, definitiv nicht halten können. Und das halte ich für verrückt.

Sie appellieren in Ihrem Buch dafür, den Jugendlichen schnell das Sparen beizubringen?

Natürlich. Heute ist es völlig unmodern auf ein Auto, eine Wohnung oder eine Jeans zu warten. Es ist uncool, mit 18 Jahren noch kein eigenes Auto zu haben. Aber da muss man den Kindern das Selbstbewusstsein einimpfen, dass sie sich nicht über Statussymbole definieren.

Warum haben wir das Warten verlernt?

Ich fürchte, das ist ein sozialer Normenwandel.

Matthias Sutter – top Wirtschaftsforscher

Matthias Sutter ist unbestritten einer der führenden Wirtschaftsforscher im deutschsprachigen Raum. Der gebürtige Vorarlberger und zweifache Vater ist Professor für Angewandte Ökonomie am European University Institute in Florenz und Professor für Experimentelle Wirtschaftsforschung an der Universität Innsbruck. Der 46-Jährige gilt als einer der produktivsten Experimental- Ökonomen und forschte nach seiner Habilitation am Max-Planck-Institut.

Häufiger kriminell und spielsüchtig

Schlägt Ausdauer wirklich Talent? Ist Geduld tatsächlich das Geheimnis von erfolgreichen Menschen? In Neuseeland wurde die mit 125.000 Einwohner zweitgrößte Stadt, Dunedin, für die Erhebung der Ausdauer ausgesucht. Die Langzeitstudie startete 1972. 1.037 Neugeborene wurden, beginnend ab dem dritten Lebensjahr und alle zwei bis drei Jahre, zur Erhebungen über ihre Entwicklung eingeladen. Die Kindern wurden anhand von Tests in fünf Kategorien eingeteilt, die von "sehr hohe Selbstkontrolle" bis zu "sehr geringe Selbstkontrolle" reichten. Erstaunlich war bei den Ergebnissen, dass sich die Kinder bereits im Jugendalter in drei wichtigen Aspekten unterschieden: 42 Prozent der Kinder aus der Kategorie "sehr geringe Selbstkontrolle" hatten die Schule im Teenageralter abgebrochen und keinen formalen Schulabschluss geschafft. Bei den Kindern mit "sehr hoher Selbstkontrolle" hatten nur vier Prozent die Ausbildung abgebrochen. Bei der mittleren Kategorie waren es 19 Prozent.

Selbst bei ungeplanten Schwangerschaften zeigte sich ein ähnliches Muster. 13 Prozent der Kinder mit "sehr geringer Selbstkontrolle" bekamen im Alter von 20 ungewollt ein Kind. In dieser Zahl waren nicht nur Mädchen, sondern auch Burschen erfasst. Bei Kindern mit "sehr hoher Selbstkontrolle" waren es drei Prozent.

Nicht viel anders fiel das Testergebnis beim Rauchen aus. 20 Prozent der Kinder, die eine "sehr hohe Selbstkontrolle" besaßen, rauchten. Aber fast jeder zweite Jugendliche aus der Gruppe mit "sehr geringer Selbstkontrolle" griffen zum Glimmstängel. Viele Jahre später untersuchten die Psychologen auch die finanzielle Situation der Studienteilnehmer, die dann schon 32 Jahre alt waren.

Auch hier manifestierte sich das Muster: Teilnehmer, die schon als Kind eine sehr hohe Selbstkontrolle hatten, hatte höhere Ersparnisse und höheres Vermögen.

Und auch bei der Spielsucht zeigten sich große Unterschiede. So zockten 30 Prozent der Personen mit geringer Selbstkontrolle regelmäßig. Ein Auszug aus dem Strafregister zeigte, dass 24 Prozent der Testpersonen mit "sehr geringer Selbstkontrolle" wegen mindestens einer Straftat für schuldig befunden worden waren.

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