Chronik | Österreich
04.10.2017

Nach Freispruch: Arzt-Kinder schildern "die Hölle auf Erden"

Pressekonferenz der mutmaßlichen Opfer zum Fall Dr. L.

Nach dem Freispruch für ihren Vater L., der sie jahrelang psychisch gequält haben soll, gingen die steirischen Arzt-Kinder gestern, Mittwoch, in Wien an die Öffentlichkeit.

Bei einer Pressekonferenz erzählten eine bereits erwachsene Tochter und der erwachsene Sohn, wie sie als Schulkinder vom Vater dazu angehalten worden waren, zu rauchen und Alkohol zu konsumieren.

Der 19-jährige J. schilderte, wie er als Elfjähriger dem Vater intravenöse Injektionen verabreichen musste, weil dieser selbst dazu nicht mehr in der Lage gewesen sei: „Er war schon halb benommen, das Bett und der Boden – alles war voll Blut. Ich habe 15 bis 20 Mal versucht, die Vene zu treffen und hab’ ihn dann mit Morphium und Valium in die Bewusstlosigkeit gespritzt. Das Bild werde ich nie wieder los.“

Solche Szenen hätten sich 15 bis 20 Mal ereignet. Seiner Mutter habe er nichts verraten dürfen, weil er laut Vater sonst daran schuld sei, dass sie sich scheiden lässt und die Familie zerbricht. „Es war die Hölle auf Erden“, sagt der Bursche.

Kalter Entzug

Seine 27-jährige Schwester M. erzählte unter Tränen, dass ihr der Vater als 15-Jährige schwere Medikamente gegen ihre Schlafstörungen verabreicht habe, von denen sie abhängig geworden sei: „Ich brauchte immer mehr.“ Er habe sie dann zu einem kalten Entzug daheim gezwungen und ebenfalls Druck gemacht, nichts der Mutter zu sagen, „sonst lässt sie sich scheiden und er bringt sich um“ (M.). Sie sei dem Vater ständig „nachgelaufen“ und habe „geschaut, dass er sich nichts antut“.

Auch M. – heute Medizinstudentin – sagte, sie habe als Kind dem Vater Injektionen setzen müssen. „Wie willst du einmal Medizin studieren, wennst das nicht schaffst“, habe er sie angefahren.

Die Begründung des Grazer Richters für den Freispruch, die Kinder hätten erst zwei Jahre nach Auszug des Vaters über die Vorkommnisse geredet und es handle sich bloß um einen späten „Rosenkrieg“, ließ der Psychiater Patrick Frottier nicht gelten. Als Leiter einer Kommission zur Aufarbeitung missbrauchter und misshandelter Kinder schätzt er diese zwei Jahre als kurze Zeit ein: „Traumatisierte Kinder brauchen lange, bis sie den Mut aufbringen, sich zu äußern.“

Außerdem würden Arztbriefe über Spitalsbehandlungen der Kinder bereits viel früher einen Zusammenhang zwischen Belastung durch den Vater und psychischen Störungen belegen. Die ersten Vorkommnisse ereigneten sich bereits zwölf Jahre vor der Scheidung der Eltern.

Dass sich ein Gerichtsgutachter vom Auftrag entbinden ließ, weil bei ihm interveniert wurde (der Bruder des Arztes ist Politiker), wertet Justiz-Insider Frottier als Warnruf des Kollegen. Kriminologin Katharina Beclin von der Universität Wien zeigte sich erstaunt, dass das Verfahren deshalb nicht an ein anderes Gericht delegiert wurde: „Wenn so etwas vorkommt, sollten die Alarmglocken läuten. Die Optik ist eine schlechte.“

Zu wenig intensiv

Die Anwältin der Kinder, Andrea Peter, wehrte sich gegen die zweite Begründung des Richters für den Freispruch, das Verhalten des Arztes sei für eine Strafbarkeit nicht intensiv genug gewesen. Ein psychiatrisches Gutachten attestiert den Kindern massive psychische Störungen, es blieb im Prozess jedoch unberücksichtigt. Die Anwältin und der Ankläger haben Berufung beim Oberlandesgericht Graz eingelegt.