Tausende folgten vom Griesplatz aus dem Weg durch Graz, den der Amokfahrer am 20. Juni gewählt hatte und gedachten still der drei Todesopfer. Nach einer Stunde erreichte der Trauerzug den Hauptplatz.

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Nach Amokfahrt
06/28/2015

Zusammenrücken in stiller Trauer

Rund 12.000 Menschen bei Gedenkmarsch in Graz. Der Weg wurde schweigend zurückgelegt.

Hilflos und ratlos stehen wir diesen Anschlägen auf das Leben und die Menschlichkeit gegenüber. Mögen wir zusammenrücken im gemeinsamen Gedenken, in Trauer vereint, ohne Hass. Als Gemeinschaft sind wir aufgerufen, zusammenzustehen."

Es handelt sich um Passagen aus der gemeinsamen Rede verschiedener Religionsgemeinschaften, die in Graz im Rahmen des Trauermarsches verlesen werden. Zusammenrücken und Zusammenstehen – als Gemeinschaft versucht man am Sonntagabend die Amokfahrt des Alen R. vom 20. Juni 2015 zu verarbeiten. Gemeinsam trauern rund 12.000 Menschen um die drei Opfer, die in der Fußgängerzone ihr Leben lassen mussten und sind in Gedanken bei jenen 36 Passanten, die die Schreckenstat teilweise schwer verletzt überlebten.

Tausende Menschen folgen der Einladung des Landes sowie der Stadt und strömen zum Griesplatz, wo sich der Trauerzug um 17 Uhr in Bewegung setzt. Allen voran die Politspitze rund um Bundespräsident Heinz Fischer und seine Frau Margit, Bundeskanzler Werner Faymann, Vizekanzler Reinhold Mitterlehner, Nationalratspräsidentin Doris Bures, Minister Gerald Klug, Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer und Vize Michael Schickhofer sowie Bürgermeister Siegfried Nagl.

Die Trauergemeinde schlängelt sich durch Graz, jenem Weg folgend, den auch der Amokfahrer am vergangenen Samstag wählte. Schaulustige blicken aus den Fenstern hinab auf die Menschenmassen, Fotos werden angefertigt. Es herrscht gespenstische Stille. Hin und wieder ein Flüstern, ein leiser Wortwechsel. Manchmal stört der über der Stadt kreisende Polizeihubschrauber die Grabesstimmung.

Langsam und zäh geht es durch die Zweiglgasse, wo der 28-jährige Adis Dolic starb und seine 25-jährige Ehefrau schwer verletzt wurde. Hier hatte der Amokfahrer auch Bürgermeister Nagl mit seinem Wagen anvisiert, dieser und ein weiterer Passant konnten sich retten.

Das Blätter-Rauschen

Weiter geht es in die Grazbachgasse, dann in die Wienlandgasse zum Joanneumring.

Die Teilnehmer wundern sich ob der dort herrschenden Stille. Noch nie habe man hier das Rauschen der Blätter auf den Bäumen gehört, heißt es. Die Stimmung ist bedrückt, Menschen weinen und umarmen sich. Kerzen werden aus Sicherheitsgründen keine angezündet.

Der Marsch setzt sich über das Eiserne Tor in die Herrengasse fort. Dort starben der vierjährige Valentin und eine unbekannte Frau. Nach etwa einer Stunde ist der Hauptplatz erreicht, wo die Spitzen von Bund, Land und Stadt zu den Menschen sprechen.

"In den Augen des Amokfahrers habe ich ein Stück der Hölle gesehen, in den Augen der Helfer das, was wir mit Himmel meinen", sagt Nagl. Wie viele andere Volksvertreter vor Ort würdigt er den selbstlosen Einsatz der Helfer und spricht aus, was sich viele Anwesende dachten: Als Gemeinschaft werde man das Erlebte überwinden können.

Wenn User und Userinnen das KURIER-Forum als Plattform abfälliger Bemerkungen nutzen, ist das nicht nur äußerst bedauerlich, sondern auch rücksichtslos gegenüber den Angehörigen der Opfer. Das Diskussionsforum ist geschlossen.

"In den Augen des Amokfahrers habe ich ein Stück der Hölle gesehen."

(Siegfried Nagl, Grazer Bürgermeister)

"Graz hat zusammengehalten. Vernunft, Menschlichkeit und Solidarität sind stärker als Hass und Zwietracht."

(Werner Faymann, Bundeskanzler)

"Die Narben dieser Schreckenstat werden bleiben und wir werden sie immer wieder spüren. Wir sind zwar nicht unverwundbar, aber wir geben einander Halt."

(Hermann Schützenhöfer, Landeshauptmann Steiermark)

"Heute ist unser Schweigen nicht stumm: eine Tragödie darf nie das letzte Wort bekommen."

(Claudia Unger, Leiterin afro-asiatisches Institut)

"Graz trauert. Wir hören und spüren es. Nächstenliebe und Zuwendung sind stärker als Hass. Wir können nicht jede Schreckenstat verhindern. Aber wenn etwas passiert, dann gibt es eine Welle der Hilfsbereitschaft."

(Heinz Fischer, Bundespräsident)

"Wir sind betroffen darüber, wozu ein Mensch fähig sein kann und beten auch für ihn und seine Familie."

(Aus der Rede der Religionsgemeinschaften)