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Chronik Österreich
09/30/2016

Muslima: "Habe Angst, Kopftuch zu tragen"

Eine Muslima erzählt, warum sie sich ihr Kopftuch aus Angst vor körperlichen Übergriffen nicht mehr tragen getraut.

von Stefan Kaltenbrunner

Amina P. (Name geändert) ist mit neun Jahren mit ihrer Familie aus Pakistan nach Österreich gekommen; sie hat hier die Schule besucht, maturiert, studiert und arbeitet heute als Pädagogin. Amina stammt aus einem konservativen, aber nicht streng islamischen Elternhaus. Der Vater hätte zwar gerne gesehen, dass die heute 40-Jährige ein Kopftuch trägt, aber für sie kam das nie in Frage, erzählt sie. Erst mit 18 Jahren hat sie sich freiwillig dazu entschieden, „weil ich mich zu meiner Religion und Identität bekennen wollte.“ Vor ein paar Monaten hat sie das Kopftuch wieder abgelegt und gegen eine Kappe getauscht ­- aus Angst gegenüber verbalen aber auch körperlichen Übergriffen, die in Österreich immer mehr zunehmen.

Kurier.at: Haben Sie schon als Jugendliche ein Kopftuch getragen?

Amina: Nein, erst so mit 17 oder 18 Jahren, vorher habe ich nie eines getragen, obwohl mein Vater das gerne wollte.

Warum dann später?

Ich war erst dann bereit dazu, einfach aus religiöser Überzeugung.

Sie haben ein herkömmliches Kopftuch, keinen Niqab getragen?

Nein, einfach ein Kopftuch, das die Haare bedeckt.

Jetzt bedecken Sie ihr Haar mit einer Kappe. Warum?

Ich habe das Kopftuch abgelegt, aber diese Lösung gefunden, um weiterhin mein Haar bedecken zu können.

Warum?

Aus Selbstschutz.

Das heißt jetzt genau?

Ich wurde zwar selbst nie körperlich angegriffen, aber ich weiß von immer mehr Fällen von muslimischen Frauen mit Kopftuch, die verbal und auch körperlich attackiert wurden, und das machte mir mehr und mehr Angst.

Was haben Sie erlebt, wenn Sie mit dem Kopftuch öffentlich unterwegs waren?

Die Leute haben mich angestarrt, haben getuschelt, wildfremde Menschen haben mich auf der Straße oder im Supermarkt angesprochen und sich abwertend über mich geäußert. Auch Freundinnen und Bekannte von mir berichten immer wieder von Vorfällen, das wird auch mehr.

Was wurde da gesagt?

„Die schon wieder, wieder so ein Kopftüchel, die ist vom IS, die ist eine Terroristin, die sollen wieder heimgehen.“ Das war alles sehr abwertend und verletzend. Manchmal habe ich mich gewehrt und etwas gesagt, aber das macht wenig Sinn.

Was war dann der Auslöser, dass Sie das Tuch abgenommen haben?

Ich arbeite mit Kindern und bin oft mit ihnen unterwegs, auch am Spielplatz. Ich wollte nicht, dass die Kinder so etwas hören von den Leuten auf der Straße. Und ich hatte Angst, dass auch sie angegriffen werden. Ich wollte und will auch meine eigenen Kinder schützen. Wenn ihre Mutter auf der Straße beschimpft wird, das will ich ihnen ersparen.

Also aus reinem Selbstschutz?

Ja, ich glaube das ist nicht gut für ihre Psyche, wenn ihre Mutter angegriffen wird. Sie würden Fragen stellen, ob wir hier nicht willkommen sind, ob sie hier nicht hergehören, obwohl sie hier geboren sind, das möchte ich vermeiden.

Hatten Sie aufgrund ihres Kopftuchs auch Probleme im Job?

Ich habe hier maturiert, und habe mich dann gefragt, wie und was kann ich machen, wenn ich ein Kopftuch trage. Ich habe kurze Zeit Medizin studiert, bin aber dann ins Ausland gegangen. Später wollte ich hier arbeiten und bin zum AMS gegangen, dort hat man mir gesagt, ich solle putzen gehen. Ich habe dann eine Ausbildung als Kinderpädagogin gemacht, aber es ist für muslimische Frauen sehr schwer, hier Jobs zu bekommen. Aber auch in der Arbeit selbst wird man schief angesehen und oftmals abgelehnt. Ich habe eine Bekannte, die nimmt ihr Kopftuch jetzt in der Arbeit ab, sie trägt es nur mehr zuhause und am Wochenende.

Ist die Ablehnung gegen Frauen mit Kopftuch in den vergangenen Jahren mehr geworden?

Es ist mehr und aggressiver geworden, das sagen mir alle. Es wird einfach alles extremer, das hat sich stark verändert.

Das Kopftuch, vor allem der Niqab, wird ja oft mit Unterdrückung und Zwang gleichgesetzt. Das lässt sich ja nicht leugnen, dass viele Frauen dazu gezwungen werden.

Ja, das lehne ich ab. In meinem Fall gehört das Tuch einfach zu mir dazu, das ist meine Identität, meine Religion. Aber bei vielen muslimischen Frauen ist es leider so, dass sie dazu gezwungen werden, das darf man nicht leugnen und man muss da auch mit viel Aufklärung entgegen arbeiten. Auch was die Schulbildung betrifft. Viele muslimische Mädchen absolvieren nur die Pflichtschule und müssen dann zu Hause bleiben, das geht nicht.

Tragen wieder mehr muslimische Frauen Kopftuch?

Ja, das wird auf alle Fälle mehr. Wissen Sie, warum? Diese Generation wird hier vielfach nicht akzeptiert. Sie hören oft, „ihr gehört nicht hierher, ihr gehört nicht zu uns“. Deswegen fragen sich viele, wohin sie wirklich gehören, was ihre Identität ist? Und immer mehr finden sich in der Religion wieder, das ist etwas Gemeinschaftliches. Sie gehören dann wo dazu, und das ist halt vielfach der Islam.

Es fällt auf, dass es immer mehr Frauen mit Niqab im Straßenbild gibt, täuscht der Eindruck?

Nein, das wird leider mehr, das sind Salafisten, vielfach Tschetschenen.

Sollte das verboten werden, also die Burka oder der Niqab?

Ich halte nichts von Verboten, diese Menschen muss man aufklären. Aber ich lehne das ab, und es ist auch keine Pflicht im Islam, Burka oder Niqab zu tragen.

Sollen Ihre Töchter Kopftuch tragen?

Nein, das haben mein Mann und ich besprochen, hier wollen wir das nicht. Weder in der Schule, noch später.

Begegnen Ihnen die Menschen jetzt anders, seit Sie eine Kappe tragen?

Ja, das ist spannend, vorher hatte ich schon im Unterbewusstsein immer Angst, ob mich wer anschaut oder anspricht. Jetzt ist das weg. Die Leute sind jetzt viel freundlicher zu mir. Es ist schon erstaunlich, was ein kleines Stück Stoff verändern kann.

Sind Sie sehr religiös?

Ich faste, ich bete täglich und bezeichne mich als normal religiös. Ich sage immer, ich trage den richtigen Islam in mir. Ich bin weltoffen, liberal, meine Kinder wachsen mehrsprachig auf, sprechen Deutsch, Urdu, Englisch und Arabisch.

Was halten Sie von der Burkini-Debatte?

Schwieriges Thema, ich halte wie gesagt nichts von Verboten. Ich gehe nur zum Frauen-Schwimmen. Aber das ist auch ein Thema, das zeigt, wie schwer es für muslimische Frauen ist.

Was meinen Sie konkret?

Wie schon gesagt, es ist schwer, einen Job zu bekommen und überhaupt Karriere zu machen. Die meisten Frauen bleiben zuhause, das ist einfach nicht gut.

Was würden Sie sich wünschen, das anders wird?

Wir brauchen mehr Aufklärung, und zwar für Österreich und Muslime, sie müssen sich besser verstehen und kennen lernen. Das wäre mein Wunsch, dass jeder seine Religion ausleben darf und das auch akzeptiert wird.

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