Chronik | Österreich
04.01.2018

Mobilität in der Zukunft: Fahrerlos gegen das Verkehrschaos

Auf Österreichs Straßen ist immer mehr los. Eine Antwort darauf bietet automatisiertes Fahren.

Es ist eine paradoxe Situation: Das öffentliche Verkehrsnetz wird stetig ausgebaut und häufiger genutzt. Auch werden immer mehr Wege mit dem Rad oder zu Fuß zurückgelegt. Und dennoch steigt die Zahl der Pkw pro Einwohner sowie die Zahl der zurückgelegten Autokilometer weiter an. Neben den privaten Fahrten sorgt auch der Boom im Onlinehandel für stärkeres Verkehrsaufkommen – durch Kleinlaster, die Millionen Packerl in die Haushalte liefern. Die motorisierten Fahrten produzieren außerdem immer mehr Abgase. Dabei wurde im UN-Klimaabkommen 2015 ein Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen beschlossen.

Wie wird die Zukunft auf Österreichs Straßen also aussehen? Der KURIER hat sich umgehört.

Zum einen, ist mit einem starken Anstieg von Elektroautos zu rechen, meint etwa Christian Gratzer vom Verkehrsclub Österreich (VCÖ). Greenmove, einer der neuesten Carsharing-Anbieter in Wien, möchte in drei Jahren nur mehr mit Elektroautos unterwegs sein. Auch die Firma Greenride scharrt mit einer E-Carsharing-Flotte in den Startlöchern.

Doch dafür braucht es die notwendige Infrastruktur. Beide warten auf den Ausbau der E-Tankstellen.

Gemeinsames Bremsen

Zum anderen wird Verkehr vernetzter und automatisierter. Damit setzt sich unter anderem Martin Russ auseinander. Russ ist Geschäftsführer bei "Austria Tech", einer Agentur, die sich überlegt, wie Mobilität in der Zukunft stattfinden kann. Eine der brennendsten Fragen: Wie können die vielen Autos auf dem begrenzten Platz untergebracht werden? "

Eine Möglichkeit ist, die Grundgeschwindigkeit zu erhöhen und die Abstände zwischen den Pkw zu verringern", sagt Russ. "Dafür müssen die Autos aber vernetzt sein. Wenn das Auto drei vor mir bremst, muss meines auch bremsen." Die Technologie sollte in fünf bis zehn Jahren so weit sein.

Und komplett selbstfahrende Autos? Die sieht Russ in 50 bis 70 Jahren auf Österreichs Straßen.

Dass der Lenker dabei Verantwortung abgeben muss, sieht Russ nicht problematisch. "Wenn ich richtig krank bin, google ich ja auch nicht nach einer Lösung, dann gehe ich zum Arzt. Das gleiche gilt es für den Verkehr: Am effizientesten ist es nicht, wenn jeder einzeln sein Navi konsultiert, sondern wenn der Verkehr von einem System gesteuert wird, das alle Szenarien bedenkt."

In dem System sehen sich Carsharing-Anbieter Car2Go und DriveNow als wichtige Akteure. "Wer autonome Flotten optimal steuern will, muss die Autos managen wie die Software – also über lernende Algorithmen, Big Data und Apps. Wir tun bereits beides", sagte Car2Go-CEO Olivier Reppert bei der Präsentation seines Zukunfts-Papiers.

Selbstfahrende Busse

Automatisierung betrifft aber auch den öffentlichen Verkehr.

In Wien wird 2018 ein autonom fahrender Kleinbus getestet und weiterentwickelt. Ab Sommer nächsten Jahres soll das Elektrofahrzeug dann ein Jahr lang auf einer Pilotlinien in der Seestadt Aspern als U-Bahn-Zubringer unterwegs sein.

Ein ähnliches Projekt läuft in Koppl, Salzburg, das 2017 auch mit VCÖ-Mobilitätspreis ausgezeichnet wurde. Hier soll der Bus Fahrgäste vom Bahnhof an ihr Ziel bringen.

Abgesehen von der Technologie gilt es auch ganz andere Fragen zu klären. "Es muss sichergestellt sein, dass das System sicher und geschützt ist", stellt Russ klar. "Und es geht stark um Fragen der Ethik. Inwiefern darf in die Autonomie des Menschen eingegriffen werden? Darf eine Maschine einen Menschen (nach dem Vertrauensgrundsatz, Anm.) qualifizieren. All das wird uns noch viel beschäftigen."

Event-Tipp

Am 9.1. gibt es einen KURIER-Talk zu " Mobilität der Zukunft" um 17h in der Messe Wien.

Anmeldung: events@kurier.at