Chronik | Österreich
30.09.2017

Baubetrug: Ermittlungen auf 70 Beschuldigte ausgeweitet

Vier Verdächtige mit Balkan-Wurzeln bleiben wegen Flucht- und Tatbegehungsgefahr in Haft, ein verdächtiger Fassadenbauer nimmt erstmals Stellung.

Das am vergangenen Dienstag aufgeflogene Netzwerk mutmaßlicher Bau-Betrüger hat eine größere Dimension, als bisher bekannt. So sind zwar sechs Verdächtige festgenommen worden, aber nur vier Personen blieben am Freitag wegen Flucht- und Tatbegehungsgefahr auch in U-Haft. Das bestätigte Christina Salzborn vom Landesgericht Wien dem KURIER.

Das inhaftierte Quartett mit Balkan-Wurzeln soll Drahtzieher eines kriminellen Systems sein, das zumindest seit 2014 mit der illegalen Beschäftigung hunderter ausländischer Arbeiter– vorbei an Finanz und Sozialversicherung – fette Gewinne machte. Mit Scheinfirmen fungierten sie als Subunternehmer für drei namhafte Fassadenbaufirmen (Namen d. Red. bek.) aus Wien, Niederösterreich und Oberösterreich.

12 Millionen Euro

"Wir führen ein Ermittlungsverfahren gegen zirka 70 Beschuldigte", bestätigt Oberstaatsanwältin Alexandra Baumann von Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft ( WKStA) dem KURIER. "Wir prüfen den Vorwurf, ob es im Zuge der Anmeldung der in Österreich tätigen Mitarbeiter zur Sozialversicherung bzw. zur Bauarbeiter-Urlaubs- und Abfertigungskasse BUAK zu Ungereimtheiten gekommen ist. Die in Österreich zur Sozialversicherung angemeldeten Dienstnehmer sollen nicht bei den in der Anmeldung genannten Unternehmen beschäftigt gewesen sein."

So stehen die einzelnen Personen im Verdacht, schon längere Zeit Mitglied einer kriminellen Vereinigung zu sein sowie schwere und gewerbsmäßige Betrügereien begangen zu haben. Dazu kommt laut WKStA noch der Vorwurf des Vorenthaltens von Dienstgeberbeiträgen zur Sozialversicherung, des betrügerischen Anmeldens bei der Sozialversicherung und der organisierten Schwarzarbeit. Unterm Strich geht die WKStA von einem mutmaßlichen Schaden in Höhe von rund zwölf Millionen Euro aus. Doch dabei sind die Finanzdelikte, wie die gewerbsmäßige Lohn- und Umsatzsteuer-Hinterziehung, noch nicht eingerechnet. So schätzt die Finanzpolizei, die den Fall aufrollte, den Schaden sogar auf 55 Millionen Euro.

Verdächtiger spricht

Indes sind zwei einheimische Fassadenbauer am Freitag aus der Haft freigekommen. Einer der beiden sagt, sein Betrieb sei selbst Opfer dieser illegalen Machenschaften geworden.

"Wir wurden getäuscht, weil man uns gefälschte Anmeldungen von Arbeitern vorlegte", sagt der Bauunternehmer zum KURIER. "In Österreich finden Sie keine Facharbeiter für Fassenbau, der Bereich ist fest in ex-jugoslawischer Hand. So ist man diesen Subunternehmern ausgeliefert, die ein Netzwerk mit Hunderten Arbeitern unterhalten." Er sei bereits vor vier Jahren von der Finanzpolizei zu diesen dubiosen Personen einvernommen worden und sei von der Razzia am Dienstag völlig überrascht worden.