Chronik | Österreich
21.02.2013

50 Millionen Euro für Schlepper

Verbrechersyndikat brachte 5000 Afghanen nach Österreich.

Es ist ein besonders schmutziges, aber ein sehr lukratives Geschäft: Gut 5000 Afghanen brachte ein Schleppersyndikat in den vergangenen Jahren illegal nach Österreich – und machte damit einen sagenhaften Umsatz von 50 Millionen Euro. Dem Landeskriminalamt Niederösterreich gelang es, die gesamte Organisation mit ihren Niederlassungen im Iran, der Türkei und in Griechenland zu zerschlagen. Am Donnerstag präsentierte Innenministerin Johanna Mikl-Leitner den Fahndungserfolg als „Schlag gegen einen der größten Schlepperringe der vergangenen Jahre“.

Das illegale Geschäft war hochprofessionell aufgezogen: Im Iran befand sich die „Rekrutierungsstelle“. Rekrutiert wurden hauptsächlich Afghanen. Die Geschleppten wurden zu Fuß über die Grenze in die Türkei gebracht. Pro Woche wurden durchschnittlich 15 derartige Transporte abgewickelt. Aus der Türkei ging es weiter nach Griechenland, wo sich die Zentrale der Organisation befand. Dort hatten die Schlepper Häuser und Wohnungen angemietet. Die Organisation verfügte sogar über ein eigenes „Bankensystem“, das dafür sorgte, dass die eingenommenen Beträge auch zuverlässig zu den bezugsberechtigten Bandenmitgliedern kommen. Filialen gab es in allen betroffenen Ländern.

Ab 8000 Euro pro Person

Die Geschleppten mussten pro Person zwar zwischen 8000 und 12.000 Euro zahlen, doch in Griechenland wurden sie zwischenzeitlich auch in die Zwangsarbeit gepresst. Beispielsweise wurden sie an Restaurantbesitzer „vermietet“. „Da wird schon ganz klar die Grenze zum Menschenhandel überschritten“, sagt Mikl-Leitner.

Eine der weiteren Transportrouten nach Österreich führte mit der Fähre nach Italien. Die zweite Route ging über Mazedonien, Serbien und Ungarn. Auch der Luftweg nach Wien-Schwechat wurde genutzt.

Im Dezember 2011 wurde das erste Bandenmitglied verhaftet. Das war für die nö. Kriminalisten der Beginn von „Strukturermittlungen“, die 17 Monate dauerten und – koordiniert durch das Bundeskriminalamt – auch in Griechenland und der Türkei geführt wurden. Im Laufe der Monate gingen neun Verdächtige aus dem engeren Kreis der Bande ins Netz. Darunter auch Sayed Esagh H. und Ali Aqah H., die beiden Chefs der Österreich-Filiale. Sie alle kamen als angebliche Flüchtlinge ins Land. Sieben Täter wurden im Landesgericht Korneuburg bereits zu mehrjährigen Freiheitsstrafen verurteilt.

Jetzt gelang es den Kriminalisten, auch die mutmaßlichen Haupttäter Said Razek M. und Said Abbas M. zu identifizieren. Der nö. Landespolizeidirektor, Franz Prucher, ist zuversichtlich, auch diese beiden bald hinter Gittern zu haben: „Wir wissen, wie sie heißen, und wir haben alle Personaldaten.“

200 Schlepperbanden alleine in Griechenland

Man könne nicht von einer Schleppermafia sprechen. Es handle sich vielmehr um ein international verknüpftes Konglomerat verschiedenster Gruppen und Organisationen. Oberst Gerald Tatzgern weiß, wovon er spricht. Er ist Leiter der Zentralstelle im Bundeskriminalamt zur Bekämpfung der Schlepperkriminalität und des Menschenhandels. Nach Tatzgerns Erkenntnissen sind Istanbul und Ankara die Drehscheiben. Das benachbarte Griechenland mit seinen schlecht gesicherten Grenzen bietet sich als Einfallstor nach Europa an. Dort sind laut Tatzgern etwa 200 Schlepperorganisationen aktiv. Diese Gruppen und Splittergruppen umfassen jeweils 30 bis 50 Personen, aber auch Einzeltäter mischen mit. Sie bilden weitere Zellen in Serbien und Ungarn – insbesondere aber auch in Bosnien-Herzegowina.

Seit 1. Jänner sind in Österreich zwei Sonderkommissionen auf die Schlepperorganisationen angesetzt. Die Soko-Süd in der Landespolizeidirektion Burgenland konzentriert sich auf die Routen über Serbien, Ungarn und die Ausweichroute Slowenien. Die Soko Nord beim Landeskriminalamt Niederösterreich bekämpft die Routen aus der russischen Föderation über Polen und Tschechien sowie die Ausweichroute in der Slowakei.