© jürg christandl

Rotlichtprozess
06/16/2013

"Meine Frau sucht Auto nach Bomben ab"

Belastungszeuge Helmuth Sch. lebt noch immer in Angst vor dem ehemaligen Bordellkönig

Am Montag geht der Marathon-Prozess (39 Zeugen, 41 Verhandlungstage) gegen Rotlicht-König Richard Steiner und fünf Mitangeklagte in die vierte Woche (verhandelt wird die Schlägerei rund um eine FPÖ-Party im Pour Platin Club). Und so wie Steiners Leben zwischen Häfen, Huren und Buddhismus, hat auch der Prozessverlauf das Zeug für ein Drehbuch. Zeugen werden eingeschüchtert, müssen mit Polizeischutz zu Gericht erscheinen.

Der Musikproduzent Helmuth Sch., einer der wichtigsten Belastungszeugen der Staatsanwaltschaft, packt für den KURIER aus. „Vor Gericht versuchte die Verteidigung mich zu diskreditieren und behauptete, dass ich selbst Schutzgeld kassiert habe. Auch meine Ängste seien erfunden, weil ich Steiners Freund war. Das ist unwahr“, sagt Helmuth Sch.

Im Interview erzählt er über Morddrohungen, Polizeikorruption und das Geschäftsmodell des Rotlicht-Königs.

KURIER: Herr Sch., Sie sind erfolgreicher Musikproduzent, haben nicht wenig Geld verdient. Wie schlittert man in die Geschäfte mit dem Rotlicht­könig Richard Steiner?
Helmuth Sch.: Ganz ehrlich, darüber habe ich lange nachgedacht. War ich zu blöd? Aber ich bin nicht der Einzige, der den Nötigungen des Richard Steiner nicht entkommen ist. Begonnen hat alles mit dem Kauf einer gigantischen Liegenschaft in Schärding.

Und es störte Sie nicht, dass sich auf diesem Grundstück ein Bordell befand?
Das war ohne Bedeutung für mich, denn der Plan war, die Immobilie nach sechs Monaten mit Gewinn zu verkaufen. Drei Monate nach dem Kauf erhielt ich einen Anruf von einem Herrn Z. Er teilte mir mit, dass er der Mieter des Bordells ist und 300.000 Schilling Ablöse an den Vorbesitzer gezahlt hat. Der Vorbesitzer war abgetaucht. Also einigte ich mich mit Herrn Z., dass er Pächter bleibt und das Lokal saniert. Während der Sanierung erschien auch zum ersten Mal Richard Steiner. Es dauerte nur wenige Monate, bis Steiner das Lokal komplett übernommen hatte. Ab diesem Tag gaben Steiner und sein Ziehvater Eduard H. die Spielregeln vor. Sie überredeten mich auch noch, die Go-Go-Bar „Oase“ in Traiskirchen zu finanzieren.

Und wie trat der Rotlicht-König auf?
Steiner galt als Guru, der vom wilden Fremdenlegionär zum Veganer „konvertierte“. Er hatte ein Talent, Menschen zu manipulieren. Wer allerdings Probleme machte, bekam von Steiners „Bugln“ eine brutale Abreibung. Heute weiß ich, dass Steiner kein Mensch, sondern ein Tier ist.

Wo lag der Gewinn für Steiner?
Die „Hazienda“ war ein offiziell konzessioniertes Bordell, das Genehmigungen für die Prostituierten von der Behörde erhielt. Das ist in der Branche viel wert. Ein Mädchen mit Visum war bis zu 10.000 Schilling wert. Oft hatten wir 23 Mädchen angemeldet, aber nur drei waren in der „Hazienda“. Also fragte ich mich, wo sind die Mädchen? Steiner verteilte die Mädchen in seine Bordelle.

Und da kam es zu keinem Streit?
Der kam erst später, als der versprochene monatliche Profit von 100.000 Schilling für die „Hazienda“ und die „Oase“ ausblieb. Ich warf Steiner und seinen Ziehvater Edi H. aus der Geschäftsführung. Ein paar Tage später bekam ich die erste Morddrohung. Die Einschüchterungsmethode wirkte. Seither bin ich in der Fleischmaschine des Herrn Steiner.

Warum sind Sie nie zur Polizei gegangen, um eine Anzeige zu machen?
Es muss 2004 gewesen sein. Da explodierte ich, weil Steiners „Kampfhunde“ einen Mitarbeiter von mir zusammenschlugen. Damals war ich fest entschlossen, Steiner anzuzeigen. Als Steiner merkte, dass ich nicht davon abzuhalten war, organisierte er den Termin. Als Kontakt nannte er mir Oberst F. Er empfing mich in einem Art Vorraum, es war auch kein zweiter Beamter dabei. Und der Oberst meinte: „Was wollen Sie eigentlich hier? Der Steiner ist ein Barbesitzer wie jeder andere auch.“ Nach fünf Minuten war ich wieder draußen. Und ich dachte mir „Jetzt sitze ich noch tiefer in der Scheiße.“

Wie schaute der Deal zwischen Steiner und den Polizisten aus?
Es war ein Gegengeschäft. Die Chefinspektoren verrieten Steiner, wann die Kontrollen in seinen Lokalen stattfanden und Steiner verriet dafür die Drogendealer. Als ich sah, wie Steiner auf Du und Du mit der Polizei war, wusste ich, wie chancenlos ich gegen diesen Mann war.

Wie leben Sie heute?
Noch immer in ständiger Bedrohung. Meine Frau sucht das Auto stets nach Bomben ab. Die Polizei bot mir ein Zeugenschutz-Programm an, denn vor einigen Jahren wurde ein Pole auf mich angesetzt, um mich zu töten.

Bisher blieben die Zeugen vage

Der Start verlief turbulent: Zu Ostern 2012 musste Ex-Rotlichtboss Richard Steiner aus der U-Haft entlassen werden. Die maximal zulässige Haftdauer von zwei Jahren war verstrichen, ohne dass Anklage erhoben worden war.

Und dies, obwohl der Dutzende Ordner umfassende Ermittlungsakt imposant ist. Vier Jahre lang wurde gegen den sogenannten Nokia-Club, der das Wiener Rotlicht beherrscht haben soll, ermittelt. Nicht alle Verdachtsmomente erhärteten sich.

Der Hauptbeschuldigte ist Steiner, neben ihm sitzen fünf weitere „Club-Mitglieder“ auf der Anklagebank. Die Wienear Staatsanwaltschaft wirft ihnen Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation, Sachbeschädigung, schwere Erpressung, schwere Körperverletzung und betrügerische Krida vor.

Steiner soll eine Truppe aus Boxern und Ringern befehligt haben. Wer Schutz brauchte, zahlte in einen Fonds. Laut Steiner „freiwillig“. Die Staatsanwältin spricht von Schutzgelderpressung. Zeugen konnten den Vorwurf noch nicht ausreichend stützen. Überdies sollen in Lokalen Gewinne und Abgaben abgezweigt worden sein.

Kronzeuge Sch. blieb in Sachen Schutzgelderpressung vage. Er konnte nicht klar abgrenzen, ob Steiner Geschäftspartner oder ein Erpresser war. Telefonprotokolle legen nahe, dass er selbst einen Ex-Mieter verprügeln ließ. Ein zweiter Belastungszeuge, „Versace“, belastete niemanden. Andere Zeugen kamen erst gar nicht – „wegen Krankheit“.

Zu zwei „kleinen“ Anklagepunkten ist Steiner geständig. Urteil im August.

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