Chronik | Österreich
30.01.2018

Mehr Übergriffe im Gefängnis

Justizwache: 200 Planstellen sind unbesetzt. Kampf um besseres Image, die Gewerkschaft will Aufnahmetest erleichtern.

In der Justizanstalt Graz-Karlau randaliert ein Häftling und verletzt dabei fünf Wachebeamte, wobei er einen beißt. Ein anderer Häftling zündet seine Zelle an, sechs Beamte erleiden Rauchgasvergiftungen.

Auch in Wien hatte ein Häftling seine Zelle in Brand gesteckt, um seine Verlegung in einen anderen Haftraum zu erzwingen. Löschversuche wurden von ihm vereitelt, Mitinsassen und Beamte mussten ins Spital. Für Donnerstag ist im bereits zum zweiten Mal durchexerzierten Geschworenenprozess um mehrfachen Mordversuch das Urteil geplant.

Die Anzahl der Übergriffe auf Wachbeamte steigt jedenfalls: 2016 gab es 96, im Vorjahr 110.

Die Justizwachebeamten orten erhöhte Aggression unter den Gefangenen. Gewerkschaftsvorsitzender Albin Simma (FCG) führt das darauf zurück, dass immer mehr Tschetschenen, Afghanen und Nordafrikaner in österreichischen Gefängnissen einsitzen: "Die kommen aus einer anderen Kultur. Die sind nicht resozialisierbar oder überhaupt erst einmal sozialisierbar, die kann man nur verwahren."

Freilich sei auch der Personalmangel mitverantwortlich. In der Justizanstalt Graz-Karlau etwa müssten laut Gewerkschafter Stefan Jud in einem Jahr bis zu 14.000 Überstunden geleistet werden. Anstaltsleiter Josef Mock rechnet allerdings vor, dass die Karlau nahezu einen vollen Belegstand habe. "Wir haben 202 Planstellen in der Karlau, nur vier sind offen, und da laufen Aufnahmeverfahren." Aber natürlich sei die Forderung nach mehr Personal "legitim".

Damit trifft er sich mit Albin Simma: "Je mehr Bedienstete es gibt, desto mehr kann man sich um die Insassen kümmern", betont der Gewerkschafter im Gespräch mit dem KURIER. 200 Planstellen seien aber österreichweit nach wie vor unbesetzt, weil sich zu wenige Kandidaten für den Job als Justizwachebeamter bewerben bzw. zu viele im Auswahlverfahren scheitern.

Quote steigt

Die Quote jener, die durchkommen, ist infolge der Anpassung der Prüfungsfragen immerhin von 15 auf 25 Prozent gestiegen. "Man könnte aber auf 30 Prozent kommen", meint Simma, wenn man – wie die Polizei oder das Bundesheer – mit der erforderlichen Punkteanzahl ein wenig hinunter geht.

Auch der psychologische Auswahltest der Bewerber sei zu hinterfragen. Er werde von justizinternen Psychologen durchgeführt, was Simma wegen der "Betriebsblindheit" für nicht optimal hält. Zu viele Kandidaten würden hier ausgesiebt. Nun wird überlegt, diese Testverfahren auszulagern und durch externe Psychologen an der Universität Graz durchführen zu lassen.

Starke Nerven

Allerdings gibt Karlau-Leiter Mock eines zu bedenken: Wer in einem Gefängnis arbeiten will, braucht starke Nerven und einen hohen Reizlevel. "Für diesen Beruf muss man eine stabile Persönlichkeit sein. Unsere Leute müssen sich hier auch viel gefallen lassen", betont Mock – speziell in einer Anstalt wie Graz-Karlau, einem Hochsicherheitsgefängnis. "Hier sitzen Schwerstkriminelle. Hier die passenden Leute für diesen Beruf zu bekommen, ist schwer."

Dazu komme, dass im Gegensatz zu Polizei und Bundesheer die Arbeit der Justizwache in der öffentlichen Wahrnehmung nicht so positiv besetzt sei. "Wir sind nicht so sichtbar und treten auch nicht mit heldenhaften Aktionen in Erscheinung", sagt Mock. "Wir treten öffentlich nur in Erscheinung, wenn’s Stress gibt, wenn jemand einen Haftraum anzündet. Dabei leisten wir so viel Arbeit, die man nicht sieht." Das Justizministerium versucht, mit Hilfe einer Kampagne mehr Bewerber zu gewinnen. "In einer Justizanstalt geht es um mehr als nur auf- und zusperren. Das ist eine spannende Arbeit mit Menschen", betont Ministeriums-Sprecherin Britta Tichy-Martin. Die Imagekampagne dürfte auch schon gewirkt haben: Für 30 offene Posten in Kärnten und der Steiermark haben sich 150 Interessenten gemeldet.