Chronik | Österreich
26.10.2017

Markus Inama: Von einem, der auszog, um zu helfen

Der Jesuitenpater Markus Inama baute in Bulgarien für den Verein Concordia ein Sozialzentrum auf.

Als Markus Inama in Sofia den kleinen Zvetan kennenlernte, verbrachte der Bub noch den Großteil seiner Zeit auf der Straße. Zvetan war Altwarensammler. Er durchforstete Müllcontainern nach Altmetall, Plastik und Kartons und brachte sie zur Abgabestelle. Von dem Geld lebte er. Sein Zuhause war eine unbewohnte Garage ohne Tür. Seine Eltern hatte er nie kennengelernt.

Heute arbeitet Zvetan im Concordia-Sozialzentrum "Sveti Konstantin" als Rezeptionist und seine Hasenscharte wurde vor einigen Jahren operativ entfernt.

Zvetan ist eines von vielen Straßenkindern, das Markus Inama in Bulgarien ein Stück des Weges begleitet hat, dem er nach zu vielen Enttäuschungen im Leben wieder ein wenig Zuversicht geben konnte.

In Europas ärmstem Land

2008 trat derSozialverein Concordia an den Jesuitenpater heran. Ob er Interesse hätte, die Dependance in Bulgarien mit aufzubauen? Für Inama kam das Angebot genau zur rechten Zeit. Nach zwölf Jahren Jugendarbeit in Österreich reizte es ihn, an einen richtigen Brennpunkt zu gehen, an einen Ort, an dem seine Hilfe am dringendsten benötigt werde. Und dorthin ging er auch .

Vier Jahre lang wurde Europas ärmstes Land sein Zuhause. Er organisierte den Aufbau eines Sozialzentrums in Sofia, Aufenthaltsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche, die auf der Straße oder in einem der Armenviertel lebten. Er lernte Ivan, den Zielstrebigen kennen, Rusjana, die Einzelgängerin oder Luba, die Robuste. Er verhandelte mit den bulgarischen Behörden, musste Rückschläge einstecken, wieder von vorne beginnen. Mittlerweile ist das "Sveti Konstantin" der Dreh- und Angelpunkt von Concordia in Bulgarien. Es ist Tageszentrum, Kinder- Wohngruppe und Notschlafstelle.

Offenbarung in San Francisco

Heute lebt Markus Inama wieder in Österreich und leitet das Jesuitenkolleg in Innsbruck. Seine Gedanken aus dieser Zeit hat er nun in Buchform gebracht: "Der Hoffnung ein Zuhause geben" heißt das im Styria-Verlag erschienene Buch.

"Natürlich hat es immer wieder Momente gegeben, an denen ich gedacht habe: Was mache ich hier eigentlich?", räumt er im Gespräch mit dem KURIER ein. Aber aufgeben war nicht einmal eine Option. "Hier hat mein Glaube schon viel geholfen."

Wenn ihm als Kind jemand gesagt hätte, dass er einmal in einem Orden arbeiten würde, er hätte wahrscheinlich gelacht. Ein Thema war der Glaube in seiner Familie zwar schon. Er hat als Bursch ministriert und später eine Jungschargruppe geleitet. Aber je älter er wurde, desto mehr entfernte er sich von diesem Thema. Er besuchte die HTL und wollte einige Zeit lang Flugzeugpilot werden.

Bis er nach der Matura ein halbes Jahr auf Weltreise ging. Dort lernte er Kirchen als kühle Orte der Ruhe kennen, als Kontrastprogramm zur hektischen Großstadt, in denen man durchatmen und Energie tanken konnte. Eine Pfarre in San Francisco sagte ihm besonders zu und so suchte er sie immer wieder auf. Dem dortigen Pfarrer fiel das auf. Er schenkte ihm zum Abschied ein Neues Testament, in dem Markus Inama noch am selben Tag zu lesen begann. Und auf unbeschreibliche Weise fesselte ihn diese Welt, diese Einstellung zur Gerechtigkeit, dieser Glaube an das Gute im Menschen. Und er beschloss, in diese Welt einzutauchen.

In Zeiten von steigenden Kirchenaustritten ist das recht ungewöhnlich. "Ich finde es schade, dass die Religion von so vielen als Belastung oder Einschränkung gesehen wird", sagt Inama. "Ich verstehe auch eigentlich gar nicht, warum. Für mich ist das Gegenteil der Fall. Mir hilft der Glaube dabei, offen zu sein, die Welt zu entdecken."

Und das will er weiterhin tun.

„Der Hoffnung ein Zuhause geben“

Der Jesuitenpater Markus Inama schreibt über seine Erfahrungen und Gedanken während seiner Zeit in Bulgarien, als er für den Sozialverein Concordia ein Sozialzentrum in Sofia errichtete. Styria-Verlag, 208 Seiten, 22,90 Euro.

Concordia Sozialprojekte

Der 1991 gegründete Sozialverein unterstützt Straßenkinder in Rumänien, Bulgarien und der Republik Moldau. Um den Menschen helfen zu können, ist der Verein auf Spenden angewiesen.
Spendenkonto: AT66 3200 0000 0703 4499, Raiffeisen Landesbank NÖ/Wien