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KURIER-Test
12/26/2016

Leih-Ski: Borgen erspart Schleppen und Sorgen

Griff zum Leih-Ski macht für Touristen Sinn: Man erhält Top-Modelle und ist auf der sicheren Seite.

von Thomas Martinz

"Skier leihen? Das ist etwas für arme Leute!" Dieses Vorurteil mag für andere Generationen gültig gewesen sein. Vermehrt sieht man jedoch in Österreichs Wintersportzentren Touristen zu den Liften eilen, deren Brettln mit Aufklebern von Verleihfirmen versehen sind. Aber macht das Sinn? Taugen Skiverleih und Material? Der KURIER hat am Kärntner Nassfeld die Probe aufs Exempel gemacht.

4000 Paar Skier lagern hier in den vier Verleihstationen von Sport Sölle direkt an den Pisten, 60 Angestellte werden in der Hochsaison benötigt. "Der Trend zum Leihski nimmt zu, es gibt Tage, da gehen fast alle 4000 raus", berichtet Servicemann Herbert Mösslacher.

Beim KURIER-Test dauert der Leihvorgang sieben Minuten. Über einen Computer werden Daten und Wünsche abgefragt, schon zaubert Herr Mösslacher nagelneue "Fischer The Curv Ti AR" aus dem Regal. "Pures Adrenalin für kompromisslose Fahrer, extrem nah dran am Profil-Material aus dem Worldcup, trotzdem pistentauglich", weiß Google.

Jungfräulich

Und den Preis: 500 Euro kosten die Raketen, die das Auge begeistern: Neongelbes Logo auf schwarzem Grund, kein Kratzer, auch nicht am Belag. "Sechsstern-Skier, ein aktuelles Modell. Jungfräulich", unterstreicht Mösslacher. Dazu gesellen sich Skischuhe und Stöcke, insgesamt werden 33 Euro für den Tag berechnet. Der Angestellte verabschiedet sich mit dem Hinweis, dass man das Material in jeder Sölle-Station tauschen könne.

Rasch wird klar, dass dieses Zusatzservice nicht benötigt wird. Wie auch immer der Computer dies ermittelt haben mag, aber die Skier scheinen perfekt auf die Fahrgewohnheiten und -Bedürfnisse zugeschnitten, lassen sich leicht drehen, vermitteln Stabilität. Was bei den derzeit herrschenden Kunstschnee-Pistenbedingungen samt Eisplatten auffällt: der Ski hält, da gibt es kein Rutschen, schneiden sich die Kanten ins blanke Eis.

Erinnerungen an die Latten daheim im Keller werden wach, die seit fünf Jahren kein Service mehr erfahren haben und sich auf glattem Untergrund ganz anders verhalten. Und natürlich an die Bindung, die längst nicht mehr auf das wahre Gewicht des Benutzers eingestellt ist...

"Unsere Familie verwendet daher seit Jahren Leihskier", berichtet der Wiener Henrik Mosser, der mit seinen Liebsten die vorweihnachtliche Urlaubswoche am Nassfeld verbracht hat. "Wir brauchen keine Skier schleppen und haben Top-Material", erzählt er. 500 Euro Leihgebühr für die vierköpfige Familie pro Woche sei ihm dieses Service wert.

Antje Westermann ist aus Abu Dhabi angereist. "Ein Mal pro Jahr gehe ich in den Schnee, Ausborgen ist viel effizienter", sagt auch sie.

Zurück beim Skiverleih Sölle, taucht Vasilij Radevic, ein Ukrainer, auf. Er testet die Brettln ebenfalls, aber aus einem anderen Grund. "Ich kaufe jedes Jahr nach der Saison 1000 Leihskier am Nassfeld auf und verkaufe sie in der Ukraine. Die Kunden reißen sie mir regelrecht aus den Händen", behauptet er.

Herr Mösslacher wundert sich indes nicht, dass der KURIER-Test erfolgreich war. "Die Kunden sind stets zufrieden, höchstens ein Prozent wünscht einen Schuh- oder Ski-Tausch", erzählt er.

Immer neue Ware

Das deckt sich mit den Erfahrungen, die Yannick Ster von Intersport in Kitzbühel macht. "Man vergreift sich selten bei der Wahl des Leih-Materials", meint er. Im Gegensatz zu Einheimischen würden fast alle Touristen Skier ausborgen. Und es schätzen, dass sie neue Modelle erhalten. 95 Prozent des Bestandes werde bei ihm jährlich ausgetauscht.

Auch beim Sporthaus Jennewein am Arlberg heißt es: "Wir schleifen die Brettln drei, vier Mal pro Woche, daher bleibt ein Ski höchstens zwei Jahre im Sortiment."

Bei Gregor Royer von Intersport Planai/Schladming werden dann doch noch zahlreiche Skier pro Saison verkauft. "Die Kunden sind oft so zufrieden mit dem Material, das sie eine Woche lang nutzen, dass sie die Skier vor der Abreise erwerben", lacht er.

Zwei von drei Kunden leihen ihre Skier aus

Leihskier überflügeln Kaufskier – Prognosen zufolge werden in diesem Winter bereits zwei von drei Skifahrern auf Leihmaterial setzen.

"Der Trend zum Leihski begann vor rund zehn Jahren. Damals gingen zehn Prozent der erzeugten Skier in den Verleih. Aber inzwischen gab es beim Verleih jährliche Zuwachsraten von fünf bis zehn Prozent", klärt Michael Nendwich, Sportartikel-Spartenobmann in der Wirtschaftskammer. "Im letzten Winter wurden noch 50 Prozent der 340.000 in Österreich produzierten Skiern verkauft, diese Saison werden bereits zwei von drei Kunden Skier ausleihen. Und das macht nicht nur aus ökonomischer Sicht Sinn", glaubt Nendwich.

Die Kunden würden die breite Palette an Vorteilen schätzen, die weiters seien: Die An- und Abreise zum Urlaubsort seien unproblematisch; die Skier könne man meist im Depot der Anbieter lagern, müsse sie folglich nicht zum Hotel schleppen; das Material sei sicher, weil von Fachleuten täglich serviciert und auf die Bedürfnisse der Fahrer angestimmt; und man könne auf neue Produkte zählen. Nendwich: "Die Verleihfirmen tauschen jährlich den Großteil ihres Bestandes aus."

Die Preise würden sich zwischen 20 und 35 Euro pro Paar Ski und Tag bewegen. Stark im Trend sei heuer das Ski-Ausborgen für die gesamte Saison.

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