Monatelange Wartezeit auf MR-Untersuchungen oder Strahlentherapie: Spitalserhalter verweisen Krebspatienten oft an niedergelassene Fachärzte, die Wartezeit bleibt dennoch.

© dpa/Andreas Gebert

Tödliche Wartezeiten
04/12/2014

Lauter Hilferuf der Krebspatienten

Geräte- und Personalmangel provozieren die langen Wartezeiten für Scans und Bestrahlungen.

von Michael Berger

Österreichs Krebstherapien scheitern oft schon früh – wegen überlanger Wartezeiten. Termine für Magnetresonanz- (MR) und/oder Computertomografie-Scans (CT) sowie lebensnotwendigen Strahlentherapien lassen viel zu lange auf sich warten. So sind zwei Monate Wartezeit auf wichtige Untersuchungen oder Therapien mittlerweile fast die Regel: Im Wiener AKH etwa warten Patientinnen mit Brustkrebs durchschnittlich knapp 70 Tage auf die Therapie.

"Die Patienten verlieren Zeit. Durch die Wartezeiten wird die Früherkennung konterkariert." Dietmar Erlacher

Der Tiroler Dietmar Erlacher, Obmann des Vereines Krebspatienten für Krebspatienten ( mit 16.000 erkrankten Mitgliedern), nimmt sich kein Blatt vor dem Mund: "Wir wollen nicht mehr still dahinleiden. In Österreich gibt es mittlerweile keine Zweiklassen-, sondern eine Dreiklassen-Medizin. Die dritte Klasse sind wir Krebspatienten." Zurzeit müssen etwa 310.000 Menschen mit der Diagnose Krebs leben. 2020 werden es 390.000 sein.

Depression

Erlacher präsentiert erschütternde Beispiele aus den Krebs-Selbsthilfegruppen: "Wenn eine 35-jährige Mutter eines zehnjährigen Buben die Diagnose Brustkrebs bekommt, dann ist das die Hölle. Anstatt ihr sofort eine Behandlung zu ermöglichen, wird sie auf Monate vertröstet. Sie stürzt dadurch in tiefste Depressionen." Tatsächlich empfehlen Wiens Schwerpunktkrankenhäuser (SMZ-Ost, AKH) Krebspatienten immer häufiger, in den niedergelassenen Facharzt-Bereich zu wechseln. Dort aber wartet man ebenso lange auf einen Termin.

Monika Sperber, Sprecherin des Krankenanstaltenverbundes (KAV), bestätigt indirekt den Geräte- und Personalmangel: "Gemäß dem gesetzlichen Auftrag werden in unseren Krankenhäusern all jene Patienten betreut, bei denen ein stationärer Aufenthalt erforderlich ist. CT, MR und Strahlenbehandlungen sind im Spital daher zuerst für akut zu versorgende Patienten vorgesehen. Und sie werden nach medizinischer Dringlichkeit gereiht."

Genau diese Argumentation stürzt Erlacher und Tausende Krebspatienten in tiefste Verzweiflung: "Ein Tumor muss in der Regel bestrahlt werden, um ihn zu verkleinern und operabel zu machen. Patienten, die aber keine Behandlungen bekommen, verlieren wertvolle Zeit. Früherkennung wird so konterkariert. Ein Bestrahlungstermin kann bis zu drei Monate dauern. Da kommt verständlicherweise Todesangst auf." Nachsatz: "Die Onkologie braucht ein Drittel mehr Bestrahlungsgeräte. Diese Misere ist der Politik und den Krankenhaus-Chefs seit Jahren bekannt."

Erlacher kritisiert auch den radikalen Sparkurs der Gesundheitspolitik unter Minister Alois Stöger: "Im AKH etwa fehlt es eklatant an Fachpersonal. Ab 16 Uhr gibt es keine CT- und MR-Termine mehr. Und das Donauspital informiert zwar Patienten via SMS, wenn ein Behandlungstermin ausfällt. Das aber passiert bereits, wenn nur ein einziger Facharzt der Abteilung erkrankt. Dann warten die Patienten wieder wochenlang auf einen Termin."

Personalmangel?

Der Krankenanstaltenverbund dementiert den Personalmangel. Sperber: "Es gibt keinen Mangel an internistischen Onkologen. Die Ausbildung erfreut sich hoher Nachfrage. Durch Erkrankungen kann es natürlich zu Verschiebungen kommen."

Karin Knapp, Leiterin der Grazer Uni-Klinik für Strahlentherapie-Radioonkologie bestätigt den Hilferuf der Krebspatienten: "Wir kämpfen täglich mit der Bewältigung der Routineaufgaben."

Der Obmann des Vereines Krebspatienten für Krebspatienten, Dietmar Erlacher, bittet Patienten mit langen Wartezeiten, sich bei der Krebshotline zu melden: 0650/577 23 95

Stöger sieht Handlungsbedarf, Landespolitiker protestieren

Der Versorgungsengpass bei heimischen Krebspatienten ankert in einem Finanzstreit zwischen Bund und Ländern (der KURIER berichtete): Der österreichische Strukturplan Gesundheit (ÖSG) spricht von 60 Strahlentherapie-Geräten, verteilt über das Bundesgebiet. Aktuell gibt es 43.

Auch Gesundheitsminister Alois Stöger zeigt sich mit der Situation nicht zufrieden: "Diese Wartezeiten sind nicht akzeptabel, es besteht Handlungsbedarf." Doch Alois Stöger bietet weder Alternativen noch Finanzierungsmodelle an, sondern mahnt die Aufstockung der Therapiegeräte in den Ländern ein.

Das sorgte unter den Landespolitikern – in denen der Strukturplan eingehalten wurde – für deftige Proteste. So meinte etwa Wiens Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely im KURIER: "Wenn der Bundesminister glaubt, er kann mit dem Finger auf die Länder zeigen, haben wir ein Problem." Auch NÖ-Vize Wolfgang Sobotka "wusste von übermäßigen Wartezeiten in Niederösterreichs Spitälern nichts" und betonte, dass in NÖ mit September die geforderten Strahlen-Geräte aufgestellt sein werden. Dass jedoch Tausende Krebspatienten aus NÖ in Wiens Krankenhäusern behandelt werden, erwähnte der Landes-Vize nicht. Auch die Steiermark konnte die Forderung des Gesundheitsministers "nicht nachvollziehen".

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