Langes Warten syrischer Flüchtlinge

Millionen Menschen sind auf der Flucht vor dem Krieg in Syrien. Die meisten flüchteten in den Libanon oder nach Jordanien. © Bild: APA/ROBERT JAEGER

1000 weitere Plätze wurden im April angekündigt, nur 191 Menschen sind bisher gekommen.

Bassem Alabbas, seine Frau Sherehan und ihre 15 Monate alte Tochter Christa Maria haben es überstanden. Den Krieg in Syrien, die Flucht aus ihrem Dorf nahe der Golanhöhen, die Monate des Wartens. In einer kleinen Wohnung im Pfarrheim Traiskirchen haben sie ein neues Zuhause.

Im August 2013 hat Österreich angekündigt, 500 syrische Flüchtlinge im Rahmen eines Resettlement-Programms (siehe unten) zu übernehmen. Im April 2014 kündigte Innenministerin Johanna Mikl-Leitner weitere 1000 Plätze an. Ein langwieriger Prozess. Die letzten Flüchtlinge aus dem ersten Kontingent sind erst Ende November in Österreich angekommen, von jenen 1000 Menschen aus dem zweiten waren vergangene Woche gerade einmal 191 im Land – darunter Bassem Alabbas und seine Familie.

Wer kommen soll, steht fest. "Ausgewählt sind alle", bestätigt auch Karl-Heinz Grundböck, Sprecher des Innenministeriums. Dass es dennoch dauert, liegt zum Teil am komplizierten Prozedere. Die Betroffenen kommen als anerkannte Flüchtlinge ins Land, werden nach ihrer Ankunft nur noch kurz in den Erstaufnahmestellen registriert. Zum Teil, aber nicht nur.

"Es ist höchste Zeit"

Im Österreich-Büro des UN Flüchtlingshochkommissariats UNHCR drängt man jetzt zur Eile. "Es ist höchste Zeit. Im Frühjahr sollen die Menschen ins Land kommen", meint Sprecherin Ruth Schöffl – und zeigt sich verwundert: "Es gibt für nötige begleitende Maßnahmen noch nicht einmal einen Projektaufruf, offenbar fehlen noch EU-Gelder." Konkret geht es etwa um Projekte für psychosoziale Betreuung, Integrationsmaßnahmen oder Rechtsberatung.

Von einer Verzögerung will man wiederum im zuständigen Außenministerium nichts wissen: Die Gelder würden Ende März kommen, dann könne man Projekte einreichen. Bis dahin laufen die Regelprogramme für alle anerkannten Flüchtlinge.

"Unglaubliche Not"

Bassem und Sherehan Alabbas und Christa Maria haben die Flucht geschafft
Bassem und Sherehan Alabbas, Pater Jochen-Maria Häusler © Bild: /Peter Gruber
Bassem und Sherehan Alabbas werden im März ihre ersten Deutschstunden absolviert haben. Auch sie mussten zunächst aber warten. Schon im Sommer hatte Pater Jochen Maria Häusler die Wohnung im Pfarrheim angeboten, Mitte Februar kam die Familie an.

Am Küchentisch denken sie jetzt wieder an eine Zukunft – die Vergangenheit lässt sie dennoch nicht los. "Wir dachten, es ginge darum, ob man für oder gegen Assad ist", erzählt Bassem, der in seiner Heimat eine Landwirtschaft gepachtet hatte.

Pater Jochen Maria Häusler nahm die syrische Familie auf
Bassem und Sherehan Alabbas, Pater Jochen-Maria Häusler © Bild: /Peter Gruber
Plötzlich waren sie als Christen das Ziel. Er erzählt vom verwüsteten Olivenhain, von Versuchen islamistischer Milizen, seine damalige Verlobte zu entführen – und von ermordeten Familienmitgliedern. "Angst war der einzige Gedanke. Wann holen sie uns?"

Als er Sherehan die gedruckten Hochzeitseinladungen bringen wollte, wurde er selbst Opfer von Kriegern der Al-Nusra-Front. Sie schlugen ihn halb tot, raubten das Auto mit den Einladungen. Bassem lacht bitter: "So gesehen, haben wir die Al-Nusra-Front zu unserer Hochzeit eingeladen." Wenig später flüchteten sie.

Manuel Baghdi
Manuel Baghdi, Bewegung Mitmensch © Bild: /Peter Gruber
Es sind Geschichten, wie sie Manuel Baghdi von der "Bewegung Mitmensch" zu Hunderten kennt. Selbst gebürtiger Syrer, kümmert er sich im Auftrag der Erzdiözese um Flüchtlinge. "Ob Christ oder nicht spielt dabei keine Rolle. Es geht um Hilfe für Menschen in unglaublicher Not – und in großer Gefahr."

„Österreich hat begrenzte Erfahrung mit Resettlement“

Menschen, die weder in ihre Heimat zurück, noch in ihrem Zufluchtsland bleiben können will die Internationale Organisation für Migration (IOM) mit ihren Resettlement-Programmen helfen. Seit ihrer Gründung 1951 hat sie fast 900.000 Menschen weltweit betreut.

Katerina Kratzmann leitet das Büro der IOM in Wien. „Es ist sehr positiv zu bewerten, dass Österreich hier einen Beitrag zur internationalen Solidarität leistet“, meint sie zu den aktuellen Bemühungen um syrischen Flüchtlinge. „Wir würden in Zukunft ein fixes Resettlement-Programm mit einem fixen Kontingent befürworten“, so Kratzmann.

Die Zusammenarbeit mit Behörden und UNHCR laufe gut. Aber: „Natürlich ist das ein Pilotprojekt und Österreich hat nur sehr begrenzte Erfahrung mit professionellem Resettlement.“

Bis Schutzsuchende von Flüchtlingsunterkünften – im Falle des Syrienkrieges hauptsächlich im Libanon und in Jordanien – in eine neue Heimat aufbrechen können, ist es ein langer Weg: Listen mit infrage kommenden Personen müssen erstellt und geprüft werden – unter Einbindung der Zufluchtsländer. Dokumente und die Reise müssen organisiert werden. Außerdem soll den Flüchtlingen vor Ort eine kulturelle Orientierung für das Zielland zu geben.

Erstellt am 02.03.2015