NS-Lager in Graz: "Könnte Problemfall werden"

Murkraftwerk…
Foto: /Energie Steiermark Eingang zum Bunker

Bombentrichter beim Baugelände des Murkraftwerks sind noch nicht erforscht.

Eines deponiert Archäologin Eva Steigberger von Bundesdenkmalamt mit Bestimmtheit: Die Knochen, die bis jetzt auf dem Baugelände des Murkraftwerkes in Graz gefunden wurden, waren keine menschlichen.

Entdeckt wurden aber Reste des NS-Zwangsarbeiterlagers. Bekannt ist, dass zumindest 35 Menschen dort erschossen wurden. Doch 5000 bis 6000 wurden durchgetrieben, unter ihnen ungarische Juden auf dem Todesmarsch nach Mauthausen.

Die Archäologen legten unter anderem den Eingang zu jenem Bunker frei, in den Wachleute, aber vermutlich auch Anrainer während der Luftangriffe flüchteten. "Es ist alles ganz genau dokumentiert worden und digital erfasst", beschreibt Steigberger. "Das ist alles händisch gemacht worden. Da ist nicht mit dem Bagger drüber gefahren worden."

Interessensabwägung

Allerdings wurden tatsächlich Teile der Mauern abgetragen, auch ein Stück der Stiege. Eine Gasleitung wird dort verlegt. "Das sind nur minimale Teile. Da muss man eine Interessensabwägung vornehmen, Gasversorgung gegen archäologische Erhaltung." Darüber hinaus sei die gesamte Bunkeranlage noch da, wenn auch wieder mit Erde bedeckt. "Wir haben erstmals Pläne, wo sie liegt. Sie ist jederzeit lokalisierbar", versichert Steigberger. "Das ist nicht nie so genau erfasst worden."

Damit ist die Arbeit der Archäologen aber noch lange nicht vorbei, sie begleiten den Bau des Kraftwerks. "Es ist ein sensibles Gebiet", betont Steigberger. Denn da gibt es unter anderem die noch nicht erforschten Bombentrichter: Aus Luftaufnahmen der Alliierten Anfang April 1945 wissen die Experten, dass diese Krater in den letzten Kriegstagen offen lagen, aber dann plötzlich zugeschüttet wurden.

So etwas kennt man von der heutigen Belgierkaserne in Graz. 219 Menschen - Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene - haben SS und Gestapo zwischen 2. April und 2. Mai 1945 dort erschossen und in diesen Kratern verscharrt. Die Gebeine von 77 Opfern liegen noch heute dort, sie wurden nicht exhumiert. Ein Gedenkstein erinnert seit 2005 an sie.

Einstellen

Ob so etwas auch im NS-Lager passiert sein könnte, ist unklar. "Wir wissen es jetzt einfach nicht. Man kann das nicht ausschließen", überlegt Steigberger. "Es könnte zum Problemfall werden." Die weitere Vorgangsweise in dem Extremfall sei aber rechtlich klar: "Es hieße, Bauarbeiten einstelle. Die Kompetenz ginge dann an das Innenministerium." Eine Umplanung könnte nötig sein. "Aber das wussten alle Behörden und die Entscheidungsträger seit langem."

(kurier) Erstellt am
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