Kinder wollen Vater im Gefängnis sehen

PROZESS WEGEN QUÄLENS UND VERNACHLÄSSIGENS VON MIN
Foto: APA/ERWIN SCHERIAU Für Freitag ist das Urteil über den Arzt geplant

Kriminalfall Dr. Eduard L.: Arzt soll drei Töchter und einen Sohn gequält haben. Weitere Vorwürfe unter Verschluss.

Heute, Freitag, geht im Landesgericht Graz der Strafprozess gegen den steirischen Arzt Dr. Eduard L. ins Finale, der seine vier (inzwischen erwachsenen) Kinder jahrelang gequält haben soll. Er ist angeklagt (und gibt zum Teil auch zu), sich vor den Minderjährigen selbst verstümmelt, mit Waffen hantiert, ihnen starke Medikamente verabreicht und zwei Töchter in die Drogenabhängigkeit getrieben zu haben.

Geht es nach den Kindern, die als Zeugen aussagen, dann sollte ihr Vater im Gefängnis landen. Bis zu fünf Jahren Haft stehen auf dem Spiel. "Ich hoffe, dass er ein Urteil bekommt, mit dem er nicht mehr in der Lage ist, andere zu schädigen. Die Menschen gehören vor ihm geschützt. So lange er lebt, wird er Menschen zerstören", sagt die 27-jährige Medizinstudentin Madlen L. zum KURIER. Und ihre 29-jährige Schwester Stephanie, die Jus studiert, würde eine Haftstrafe für "gerecht" finden (siehe Interview unten.)

Wobei: "Auch wenn er im Gefängnis sitzt, wird die Angst vor Eduard (so nennen die Kinder ihren Vater, Anm.) nicht weggehen", sagt Madlen L. Die Kinder fordern vom Vater vorerst je 17.500 Euro Schmerzensgeld.

Eigenmächtig

Wie gefährlich ist der 56-Jährige, der seit fünf Jahren von seiner Familie getrennt lebt? Glaubt man der renommierten Gerichtspsychiaterin Adelheid Kastner, die im Auftrag des Richters Andreas Rom ("Ganz gesund kann das nicht sein") über L. ein Gutachten verfasst hat, liegt keine "spezifische Gefährlichkeit" vor. Das Land Steiermark hat zwar – Monate nach Bekanntwerden der Auffälligkeiten des Arztes – ein vorläufiges Ordinationsverbot wegen "Gefahr im Verzug" erlassen. Aber laut Kastner neigte L. offenbar nur dazu, "seine beruflichen Möglichkeiten sehr eigenmächtig zu nutzen." Es würden sich auch "problematische bzw. dysfunktionale Verhaltensmuster in den häuslichen Verhältnissen, aber keine Hinweise auf eine Beeinträchtigung der beruflichen Leistungsfähigkeit oder des Umgangs mit Patienten" finden.

Die Gutachterin attestiert Eduard L. lediglich "Persönlichkeitsakzentuierungen", was sie unter anderem daraus ableitet, dass er sich vor den Augen der Kinder einen Schraubenzieher in den Bauch rammte. Sie geht aber nicht von einer Persönlichkeitsstörung aus. Wobei dieser Begriff "zunehmend inflationär verwendet" werde, wie Kastner anmerkt.

Allerdings verfügte die Psychiaterin weder über sämtliche (außerfamiliären) Zeugenaussagen, noch wurde sie entgegen der üblichen Praxis zur Verhandlung geladen, um Nachfragen zu beantworten. Zum Beispiel zu ihrer Einschätzung einer "beruflichen Funktionsfähigkeit" des Mediziners trotz seiner "gelegentlichen Rauschzustände", die einer "tiefgreifenden Bewusstseinstörung" (Kastner) entsprechen würden.

Wie passt die "Funktionsfähigkeit" zu dem, was ehemalige Mitarbeiterinnen des Arztes in einem "Verschlussakt" zu Protokoll gaben? Der Arzt sei unter Medikamenteneinfluss bei der Behandlung von Patienten unberechenbar geworden, habe Patienten durch exzessive Medikamenten-Verordnung abhängig gemacht und Ordinationsgehilfinnen anstiften wollen, das Suchtgiftbuch zu fälschen.

Parlamentsanfrage

SPÖ-Justizsprecher Hannes Jarolim wundert sich in einer parlamentarischen Anfrage an ÖVP-Justizminister Wolfgang Brandstetter, warum diese Aspekte "ausgelagert" und nicht mitverhandelt werden. Und er vermutet, dass es damit zusammenhängt, dass der Bruder des Arztes Politiker ist.

Nachgefragt

Der KURIER sprach mit den beiden ältesten Töchter über ihre Angst und den Prozess.

KURIER: Was erwarten Sie sich vom Finale im Prozess gegen Ihren Vater am Freitag?
Stephanie L. (Bild): Ich hoffe, dass ich ihn nicht sehen muss, dass er vor unserer Aussage hinaus gehen muss. Und ich wünsche mir ein gerechtes Urteil, dass er eine Strafe kriegt.
Madlen L.: Ich will in einem anderen Raum aussagen und auf keinen Fall eine Begegnung mit ihm.

Es stehen bis zu fünf Jahre Haft auf dem Spiel. Erschreckt Sie der Gedanke, dass der Vater vielleicht ins Gefängnis muss?
Stephanie L.: Ich würde eine Haftstrafe gerecht finden. Aber bei unserem humanen Strafrecht gegenüber Gewaltverbrechern mache ich mir da nicht viel Hoffnung. Ich habe kein Mitleid mit ihm. Mich würde eher ein Freispruch erschrecken.
Madlen L.: Die Menschen gehören geschützt vor ihm.

Fürchten Sie sich vor Ihrem Vater?
Madlen L.: So lange er lebt, wird die Angst nicht weggehen.
Stephanie L.: Wenn ich die Tür aufmache, schau ich immer zuerst, ob er draußen steht.

Glauben Sie, dass er Ihnen etwas antun könnte?
Stephanie L: Er selbst nicht, aber dass er jemanden anheuert.

Erwarten Sie eine Wiedergutmachung?
Stephanie L.: Das kann er nicht mehr gutmachen, aber zumindest könnte er es materiell ausgleichen, was er uns angetan hat. Aber am liebsten will ich ihn vergessen.

Was ist die schlimmste Erinnerung an Ihren Vater?
Stephanie L.: Dass er mich gedemütigt und meinen Selbstwert verletzt hat. Er sagte immer, ich bin hässlich und zu blöd für alles, als Teenager nimmt man sich das sehr zu Herzen. Ich wollte daheim oft nicht zum Essen herunter kommen, weil ich mich geschämt hab, dass ich zu hässlich für die Familie bin.
Madlen L.: Er hat mich isoliert und von Medikamenten abhängig gemacht. Und er sagte: „Sag es ja nicht Mama, sonst bist du schuld, dass sie sich scheiden lässt“.

(kurier) Erstellt am
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