Ex-Botschafter Aliyev saß unter Mordverdacht in U-Haft

© APA/HBF/DRAGAN TATIC

Tod in der Zelle
01/22/2017

Kein Ende der Pannen im Fall Aliyev

Eine Schere, ein Messer, ein nicht abgesicherter Tatort mit vielen Besuchern und fehlende Fotos.

von Ricardo Peyerl

Fast zwei Jahre nach dem Tod des kasachischen Ex-Botschafters Rakhat Aliyev in seiner Zelle sind noch immer nicht alle Rätsel gelöst. War es wirklich Suizid? Bis heute steht nicht einmal der genaue Todeszeitpunkt fest, aber dafür die Feststellung eines deutschen Rechtsmediziners im Raum, Aliyev sei durch fremde Hand getötet worden.

Inzwischen schieben sich die Staatsanwaltschaft Wien und zwei gerichtsmedizinische Institute gegenseitig den Schwarzen Peter zu, was die schleppende Übermittlung einer Fotodokumentation betrifft. Dadurch verzögert sich die Klärung weiter.

Am 24. Februar 2015 um 7.26 Uhr wurde der unter Mordverdacht einsitzende Aliyev tot in seiner Einzelzelle aufgefunden. Er hatte sich offenbar mit einer Mullbinde am Kleiderhaken im Nassraum erhängt – oder war dort so drapiert worden, wie Aliyevs Anwälte Manfred und Klaus Ainedter vermuten.

Ein Justizwachebeamter schnitt die Binde durch und ließ die Leiche zu Boden gleiten. Womit schnitt er? Auf dem Video aus der vor der Zelle installierten Überwachungskamera ist zu sehen, wie der Beamte mit einer Schere die Zelle verlässt und später eine Beamtin ein Messer wegbringt. Woher kam es?

Der Beamte fertigte keine Fotos von der Leiche vor und nach dem Abschneiden an. Es wurden nur Fotos vom Haftraum gemacht, später aber gelöscht. Im Nassraum befand sich ein Fußabdruck, der nicht untersucht wurde. Er muss frisch gewesen sein, weil man von Aliyev weiß, dass er aus Angst vor Infektion seine Zelle täglich penibel säuberte. Es gab keine Tatrekonstruktion und keine Überprüfung der Tragfähigkeit des Kleiderhakens.

Verletzungsspuren

Bei der Obduktion durch den Wiener Gerichtsmediziner Daniele Risser (der Fremdverschulden ausschloss) wurde eine "verfärbte Hautvertrocknung in der Stirnregion" festgestellt, ohne auf die Ursache einzugehen. Bei der zweiten Obduktion durch die Rechtsmedizin in St. Gallen (die ebenfalls Suizid annahm) wurden zwei weitere Verletzungsspuren im Gesicht bemerkt, die bei Risser "keine Erwähnung finden".

Der Tatort glich einem Taubenschlag: Die von der Polizei angebrachte Versiegelung der Zellentür löste sich von selbst und fiel auf den Boden. Es wurde keine neue angebracht. Der Abteilungskommandant klebte einen Zettel mit dem Hinweis an die Tür, dass die Zelle (von Unbefugten) nicht geöffnet werden darf. Ein katholischer Priester besprengte den Leichnam mit Weihrauch und legte einen Rosenkranz in die Hand Aliyevs (der muslimischen Glaubens war), ein TV-Filmteam bekam Zutritt. Fünf Tage nach Auffinden der Leiche zogen Kriminalbeamte noch Proben im Haftraum, durch den davor ein Dutzend Leute getrampelt war.
Das Justizministerium hat "keine Anhaltspunkte für ein Fehlverhalten von Beamten gefunden" (Pressesprecherin Britta Tichy-Martin).

Hauptargument der Staatsanwaltschaft und einer Kommission – welche die Ermittlungen überprüft hat – für die Annahme eines Suizids war die nächtliche Videoaufzeichnung vor der Zelle: Niemand hatte sich zu Aliyev Zutritt verschafft. Ein technischer Privatgutachter kritisiert allerdings, dass der Code für die Videoanlage jahrelang nicht geändert wurde.

Abwarten

Der deutsche Rechtsmediziner Bernd Brinkmann leitet aus den bei der Obduktion gemachten Fotos ab, Aliyev sei ermordet worden. Gerichtsmediziner Risser ging davon aus, die Fotos würden von der Anklagebehörde nach St. Gallen geschickt. Diese verließ sich darauf, der Schweizer Gutachter würde sie anfordern und fragte dort nach, weshalb die Dokumente in St. Gallen "entbehrlich erschienen". Nun wurden sie endlich versandt, und man wartet weiter auf Aufklärung.

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