Chronik | Österreich
15.06.2014

Jack Unterwegers Vertraute: "Habe einen Mörder geliebt"

Was die Anwältin Astrid Wagner an dem zu Lebenslang Verurteilten faszinierte.

Vor 20 Jahren wurde der Mädchenmörder und Häfenliterat Jack Unterweger wegen neunfachen Prostituiertenmordes ein zweites Mal zu lebenslanger Haft verurteilt. Wenige Stunden danach erhängte er sich in seiner Zelle. Die Rechtsanwältin und Autorin Astrid Wagner (ihr Buch "Unfassbar" beschreibt die Schattenseiten der Justiz) war als junge Juristin Unterwegers Vertraute. Eine Liebe, die sich auf Berührungen der Fingerspitzen, durchgedrückt durch ein Fliegengitter im Gefängnis, beschränken musste; auf schmachtende Briefe aus der Haft ("... sonst brennt da was unten – lass Dich umarmen, kuscheln"); und darauf, seine Wäsche waschen zu dürfen: "Dabei befällt mich ein zärtliches Gefühl." Am 24. Juni erscheint Astrid Wagners neues Buch "Verblendet" (Seifert Verlag) über ihre Beziehung zu Jack Unterweger.

KURIER: Wie verlief das erste Treffen mit ihm?

Astrid Wagner: Es war ein Kontrast zu dem Bild, das man sich von ihm über die Medien gemacht hatte: sehr blass, schäbig, armselig, ärmlich. Wir hatten vorher Briefverkehr. "Halten Sie durch", habe ich ihm geschrieben, und ihm ein Hölzel gelegt, dass ich im Gericht in Graz Rechtspraktikantin war und um die Ecke wohne. Er war gleich per Du, das war typisch für ihn.

Haben Sie sich gleich verliebt?

Zuerst war da noch die Bianca ( Unterweger war mit der 18-Jährigen während der Fahndung auf der Flucht, Anm.), aber der U-Richter hat die Briefe verwechselt und mir Jacks Brief an sie und ihr seinen Brief an mich geschickt. Ihr hat’s dann gereicht und ich habe das Wäschekommando von ihr übernommen. Das war ein Gefühl der Verbundenheit, seine Wäsche zu waschen und ihm ins Gefängnis zu bringen. Er hat dann kleine Aufmerksamkeiten darin versteckt, und ich ihm..., eine Haarlocke...

Hätte es damals schon die so genannte Kuschelzelle gegeben...

Die hätten wir schon genutzt. Wir konnten uns ja nur durch ein Fliegengitter im Besuchstrakt berühren, von einer Hand zur anderen. Das war der einzig mögliche Kontakt. Es war wie bei einem Kochtopf, wenn der Deckel drauf ist. Ich hab’ ein tolles Kleid angezogen, und er hat gesagt, wie toll ich ausschau. Es war halt eine Liebe, wie sagt man? Platonisch? Nur im Kopf. Wenn ich im Bett gelegen bin, habe ich schon an den Jack gedacht, ich war ein romantisches Ding, aber kein Dummchen. Er hat viele Jahre im Knast verbracht und konnte besser damit umgehen. Er hat nie so plump über Sex geredet, letztlich war er ja ein Feingeist.

Feingeist? Er hat ein Mädchen umgebracht und danach sehr wahrscheinlich noch mindestens neun Frauen.

Ja, ich habe einen Mörder geliebt. Ich war schwer verblendet. Dass er ziemlich brutal eine 18-Jährige umgebracht hat, habe ich ausgeblendet und mir schöngeredet. Aber ich war auch fasziniert von ihm, er hatte eine maskuline Ausstrahlung, hat schon auf der Reeperbahn sein Unwesen getrieben, ich fand das toll. Ich bin in einem Vorort von Paris aufgewachsen, in Hietzing zur Schule gegangen, die Berührung mit Underdogs stand nicht auf dem Programm.

Auch andere Frauen sind ihm erlegen, wie man so sagt. War das kein Problem für Sie?

Ich habe mich mit einigen von ihnen getroffen: Eine Schauspielerin, eine Professorin, eine Bergbäuerin, eine Klosterschwester aus einem strengen Orden. Er war ja ein Flirter. Eine Domina sagte zu mir: Er war ja so putzig, hat das Frühstück geholt. Er hat Frauen aber auch ausgenutzt. Es gibt auch Menschen, die seine andere Seite kennengelernt haben, mit Handschellen an den Heizkörper fesseln... Es gibt Opfertypen, vielleicht hat er es gerochen. Wenn das dem Kind von jemandem passiert, so was kann man nicht verzeihen. Mir gegenüber war er korrekt.

Zweifeln Sie immer noch an seiner Schuld?

Ich weiß es nicht, aber fairer Prozess war es keiner. Und an elf Tatorten keine biologische Spur zu hinterlassen, ist schon eine Leistung. Aber ich habe ihn ad acta gelegt. Und heute hätte er keine Chance mehr bei mir. Ich habe als Anwältin mit schweren Jungs zu tun. Zerstörte Kindheit und so, das zieht jetzt nicht mehr bei mir.

Hätten Sie ihn damals geheiratet?

Eine gemeinsame Freundin hat uns das geraten, damit sich die Geschworenen vielleicht erweichen lassen. Aber er hat gesagt, nicht unter den Umständen, nur als freier Mann. Meine Mutter wollte ihn kennenlernen und hat ihn mit mir im Gefängnis besucht. Und ich habe seine Mutter besucht. Es war schon in Richtung Eheanbahnung. Es wurde dann eine tragische Geschichte daraus.

Was blieb Ihnen von ihm?

Seine goldene Füllfeder. Und seine Swatch-Uhr, am Uhrband hat er mit Filzstift seinen Todestag hingeschrieben, den 29. Juni 1994. Ich habe mir den Obduktionsakt besorgt, auf den Bildern liegt er ganz friedlich da, wie arrangiert. Nicht mit heraushängender Zunge, wie man sich das so vorstellt.

Der uneheliche Sohn eines US-Soldaten und einer Wienerin wurde 1976 wegen Mordes an einer 18-jährigen Deutschen zu lebenslanger Haft verurteilt. Im Gefängnis begann er zu schreiben, dichtete Liedtexte („Kennt ihr mein kaputtes Leben? Liebe hat es nie gegeben“) und veröffentlichte Bücher, z. B. „Fegefeuer oder die Reise ins Zuchthaus“. Künstler machten sich für die Entlassung des als Paradebeispiel für Resozialisierung gefeierten Häfenpoeten stark, 1990 kam Unterweger aus Stein frei und wurde in Talkshows eingeladen. Bald darauf begann die Serie von Morden an Prostituierten in Prag, Graz, Bregenz, Wien und Los Angeles, alle nach dem gleichen Muster. Die Frauen wurden mit ihrer Unterwäsche erdrosselt. Unterweger hatte sich bei Lesungen aus seinen Büchern jeweils in Tatortnähe aufgehalten. Dann fand man ein Haar einer Toten in seinem Ford Mustang, er wurde gejagt, floh nach Miami, wurde 1992 festgenommen und am 28. Juni 1994 in Graz wegen neunfachen Mordes ein zweites Mal zu Lebenslang verurteilt. In der Nacht darauf erhängte er sich.