Historiker Leljak fand Fall in Akten

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Aufgedeckt
11/22/2013

In Salzburg entführt, in Slowenien liquidiert

Mord aus dem Archiv: Ein slowenischer Historiker enthüllte einen Geheimdienstmord aus dem Jahr 1972.

von Michaela Reibenwein

Es war in den Morgenstunden des 3. Juli 1972, als drei Männer vor der Haustür von Stjepan Crnogorac in Salzburg standen. Sie gaben sich als Polizisten aus, wollten Crnogorac angeblich zur Polizeiinspektion bringen. Doch dort kam der jugoslawische Regime-Kritiker nie an. „Er wurde von den Männern gefesselt, betäubt und mit gefälschten Dokumenten als Marko Golac über die Grenze nach Jugoslawien gebracht“, sagt Roman Leljak. „Dort wurde Crnogorac vom jugoslawischen Geheimdienst UDBA mehrere Tage lang verhört. Und liquidiert.“ Wo genau, ist ungewiss. Ebenso, wo seine sterblichen Überreste geblieben sind.

Ungewissheit

„Wir haben uns immer gefragt, wie unser Bruder verschwunden ist und ob er noch am Leben ist“, sagt Bernardina Crnogorac, die Schwester des Opfers. Historiker Leljak brachte Licht ins Dunkel. Er fand im slowenischen Staatsarchiv ein Sparbuch von Crnogorac, Briefe, Fotos, Dokumente, Tonaufnahmen von seinen Verhören und eine 200 Seiten umfassende Aussage. Und er fand auch den Reisepass, lautend auf den Namen Marko Golac – mit dem Foto des Verschollenen.

Außerdem entdeckte er ein Schreiben eines hochrangigen Geheimdienst-Mitarbeiters, der eine finanzielle Belohnung für die Entführer anordnete. Insgesamt neun Männer sollen dafür verantwortlich gewesen sein. Neben den drei angeblichen Polizisten sollen sechs weitere die Entführung aus der Ferne beobachtet haben, um im Notfall einzuschreiten.

Der slowenische Historiker hat nun in Österreich – wegen Entführung und Mordes – Anzeige erstattet und den Behörden auch seine gefundenen Unterlagen zukommen lassen. Die Informationslage in Österreich zu dem Fall ist äußerst dünn. Zwar soll es laut Innenministerium „gerichtliche Ermittlungen“ gegeben haben. Doch beim Landesgericht Salzburg und auch im Landesarchiv taucht der Name Crnogorac nicht auf.

Weiterer Fall

Es handelt sich nicht um den einzigen jugoslawischen Geheimdienstmord, der auch nach Österreich spielt. Im Februar 1975 wurde Nikola Martinović in Klagenfurt ermordet. Die Ermittlungen wurden eingestellt, nach einem Zeitungsbericht im Jahr 2011 aber wieder neu aufgerollt. Ein Verdächtiger wurde im März 2012 ausgeforscht, das Verfahren gegen ihn aber wegen mangelnder Beweise eingestellt.

Der UDBA wurde 1946 gegründet und löste sich mit der Zerfall Jugoslawiens in den 1990er-Jahren auf. Speziell Emigranten wurden als Bedrohung gesehen und gezielt verfolgt. Als Feinde wurden unter anderem antikommunistische Dissidenten und Rechtskonservative gesehen. 37 Morde sollen allein in Deutschland verübt worden. Zahlen aus Österreich gibt es nicht.