Chronik | Österreich
10.12.2017

Im Visier eines flüchtigen Mörders

Ein Mord in Liechtenstein weist erstaunliche Parallelen zur Bluttat in Stiwoll auf.

Am 7. April 2014 ist Jürgen Frick auf dem Weg in das von ihm geführte Geldinstitut. In der Garage des Unternehmens in Liechtenstein lauert dem 48-jährigen Banker an diesem Montagmorgen Jürgen Hermann auf: Der gescheiterte Fondsmanager richtet Frick mit einer Pistole regelrecht hin.

Videoaufnahmen führen rasch auf die Spur des Mörders, der Richtung Vorarlberg flieht und auch dort für einen Großalarm sorgt. Am Rhein verliert sich die Spur des 58-Jährigen. Die Polizei geht von einem Suizid aus. Doch die Ungewissheit bleibt: Hat sich der Flüchtige, der sich selbst als "Robin Hood von Liechtenstein und Staatsfeind Nr. 1" bezeichnete, vielleicht doch abgesetzt und schmiedet weitere Rachepläne? Banker, Politiker, Richter und das Fürstenhaus zählten zu seinen erklärten Feinden.

"Ähnliches Muster"

In Feldkirch musste Finanzberater Daniel Wiesner als Ex-Geschäftspartner von Hermann ebenfalls bangen. "Das war eine furchtbare Zeit", erinnert sich der 57-Jährige. Nach dem Doppelmord im steirischen Stiwoll kann er nachvollziehen, wie es jenen geht, die möglicherweise im Visier von Friedrich Felzmann sein könnten – sofern er noch lebt. "Das hat ein ähnliches Muster", glaubt Wiesner. "Es war furchtbar und extrem belastend. Das nagt am Gerüst", erzählt der Vorarlberger über die damalige quälende Unsicherheit. "Man ist sich nie hundertprozentig sicher. Denn auch wenn die Wahrscheinlichkeit extrem gering ist, dass einem was passiert: Sie ist gegeben."

Vier Monate war der selbst ernannte "Staatsfeind Nr. 1", vor dem die gesamte Elite Liechtensteins zitterte, verschollen. Dann tauchte seine Leiche im Bodensee auf: Der Mann hatte sich erschossen. "Dass die Leiche überhaupt gefunden wurde, war ein großer Zufall. Das war natürlich sehr erleichternd", erinnert sich Wiesner.

In Stiwoll bangen manche Bewohner noch. Seit er am 29. Oktober zwei Nachbarn erschossen haben soll, fehlt jede Spur von Felzmann: Lebt er noch? Und falls ja, wo ist er? Die Parallelen zum Fall Hermann sind auffallend.

"Opfer" und Querulanten: Für Jürgen Hermann war die Sache klar. Er war nach erfolgreichen Jahren in Übersee nach Liechtenstein zurückgekehrt als Millionär. Doch der "Verbrecherstaat mit der Mafia an der Spitze" habe ihn in den Ruin getrieben. Diese Opferrolle lebte er in TV-Interviews und auf seiner Internetseite aus, auf der er sich als "Robin Hood" inszenierte. Er versandte Drohbriefe, provozierte Prozesse.

Diese Beschreibung könnte auch eine von Friedrich Felzmann sein. Er prozessierte gegen viele Nachbarn, weil er sich übervorteilt fühlte. 14 Verfahren gab es allein gegen einen Ex-Bürgermeister von Stiwoll. Weil aber Richter, Staatsanwälte und auch Politik nicht so handelten, wie er forderte, sah sich Felzmann als Justizopfer: Als Autodidakt lernte er, Videos hochzuladen "ich bin’s, der Bösewicht!", grüßte er.

Zahlreiche "Feinde": Nach der Flucht des "Staatsfeindes Nr. 1" stand der Liechtensteiner Landtag unter Polizeischutz. Neben Politikern galten auch Richter, Banker und Ex-Geschäftspartner als gefährdet. Ähnlich war das nach dem Doppelmord von Stiwoll: Da der Verdächtige in seinen Videos Richter und Staatsanwälte sowie Landespolitiker angegriffen hatte, wurden auch deren Amtssitze bewacht.

Körperliche Fitness:Jürgen Hermann galt als sportlich mit langer Taucherfahrung. Deshalb wurde ihm auch zugetraut, dass er sich über den Rhein abgesetzt haben könnte. Felzmann wiederum wird im unwegsamen Wald rund um Stiwoll vermutet. Dort kennt er sich aus, dort zu übernachten und karges Leben sind für ihn normal: Als Naturfotograf hielt er sich sehr gerne im Freien auf.

Spekulationen:Die Gerichtspsychiater waren im Fall Hermann gespalten. Die Einschätzung reichte vom ziemlich sicheren Suizid des Mörders bis hin zur Überzeugung, dass der Flüchtige diesen nur inszeniert hat. Ähnlich bei Felzmann: Aus 2016 gibt es ein Gutachten, das ihn als nicht zurechnungsfähig ansieht, aber auch als "nicht gefährlich". Suizid passe nicht zu seiner Persönlichkeit, heiß es direkt nach dem Doppelmord. Je mehr Zeit verstreicht, desto mehr rücken die Profiler aber von dieser These ab.