Chronik | Österreich
23.09.2017

Im Inneren des Super-Akkus

Ein KURIER-Lokalaugenschein in Österreichs größtem Energiespeicher.

„Der Winter kann kommen, wir sind bereit zur Stromproduktion. Fast 2000 Milliarden Liter Wasser sind aktuell im Speichersee, damit ist Österreichs größter Akku zu 99 Prozent vollgeladen“, sagt Thomas Jahn. Er steht in einem engen Stollen innerhalb der Kölnbreinsperre im Kärntner Maltatal und zeigt auf die 41 Meter dicke Betonwand der Staumauer, die das Tunnelsystem vom riesigen Stausee trennt.

Jahn ist einer von vier Sperrwärtern in der größten Batterie Österreichs, verbringt seine Tage in den Gängen jenes Betonklotzes, der dem Druck von Millionen Tonnen standhalten muss und als bundesweit best überwachtes Bauwerk gilt. Der KURIER durfte zum Lokalaugenschein in den Super-Akku vordringen.

Die Mauer bewegt sich

Anfang der 1970er-Jahre begannen die Planungen für die Staukraftwerke im Maltatal. 730 Megawatt Leistung gab und gibt es bis dato in keinem anderen Speicherkraftwerk; das überragt jene, die einst für Zwentendorf veranschlagt wurde. „Die Kölnbreinsperre galt als Alternative zum geplanten Atomkraftwerk. Falls dort der Betrieb stillstünde, könne Kärnten auf Knopfdruck einspringen, lautete der Plan“, erzählt Robert Zechner, Pressesprecher der Verbund Hydro Power, die die Energie im Maltatal produziert. Zwentendorf sollte nie in Betrieb gehen, die mit 200 Metern höchste Staumauer Österreichs „arbeitet“ hingegen seit 40 Jahren.

Und das im wahrsten Sinn des Wortes. „Wir registrieren jede Verschiebung im Tausendstel-Millimeter-Bereich“, zeigt Jahn auf Kontrollpunkte, die sich in den Stollen zwischen den Betonblöcken befinden. Im Jahresverlauf bewege sich die Mauer bis zu 14 Zentimeter talwärts, schildert der Techniker. Wie stark die Konstruktion arbeitet, hängt vom Wasserstand im 4,5 Kilometer langen Stausee ab. Momentan ist es wegen der Maximalbefüllung auch der Maximaldruck von 5,4 Millionen Tonnen, der auf dem Stützkörper lastet.

Mexiko-Beben erfasst

Und weil keine andere Staumauer derartigen Kräften ausgesetzt ist, ist die Kölnbreinsperre auch als einzige rund um die Uhr mit zwei Mann personell besetzt. „6800 Messpunkte haben wir insgesamt“, berichtet Jahn. „Wir checken jede Bewegung radial und tangential, messen Lufttemperatur, Betontemperatur, Wassertemperatur, Druck- und Zugkräfte. Unsere Geräte sind so genau, dass wir diese Woche sogar mit einem Hängelot zeitverzögert das Erdbeben in Mexiko registriert haben.“

Bis zu sechs Kilometer spule er täglich in der Mauer herab, erklärt Jahn, während er in engen Gängen von Kontrollstelle zu Kontrollstelle eilt. Ins Schwitzen kommt er dabei nicht, denn in den verwinkelten Stollen hat es konstant acht Grad. Abwechslung bietet die Fahrt mit dem Aufzug zu einer der fünf Ebenen. Dieser ist für einen Mann konzipiert, also nichts für Klaustrophobiker.

Die Terrorgefahr ist bei diesem Bauwerk wohl Thema, wird aber als gering eingestuft. „Hier müssten schon Lastwagen Tonnen von Sprengstoff auf den Berg karren, um der Mauer etwas anhaben zu können. Selbst wenn ein Flugzeug hineinkracht, würde nichts passieren“, ist Jahn überzeugt.

Stützkörper besteht aus zwei Millionen Kubikmetern Beton

Vor 40 Jahren wurde im oberen Maltatal die Kölnbreinsperre errichtet, das Kernstück der Kraftwerkgruppe Malta. Die Kosten betrugen umgerechnet 378 Millionen Euro. Erbaut wurde eine horizontal und vertikal gekrümmte Gewölbestaumauer, die auf 1900 Metern Seehöhe gegen den Fels verspreizt ist. Mit 200 Metern ist sie die höchste Staumauer Österreichs, der Stützkörper besteht aus zwei Millionen Kubikmeter Beton.

Das Maltatal wurde von den Draukraftwerken – heute Verbund Hydro Power – auserkoren, weil es zu den niederschlagsstärksten Gebieten zählt. 2000 Milliarden Liter Wasser fasst der Stausee. Der Speicher ist so dimensioniert, dass er zu 50 Prozent aus natürlichen Zuflüssen gefüllt werden kann, der Rest erfolgt durch Pumpbetrieb. Über eine 20 Kilometer lange Druckrohrleitung wird das Wasser zu den Kraftwerken gepumpt.