Im Grätzel: Kreative Keimzelle an der Geburtsstätte Innsbrucks

REPORTAGE INNSBRUCKER ORTSTEIL HOETTING GESCHAEFTE
Foto: Bildagentur Mühlanger Das Areal der alten Walde-Seifenfabrik ist der Inbegriff des Wandels

Im ältesten Stadtteil hat sich eine Szene etabliert, die "Anpruggen" Schritt für Schritt hipper macht.


Es ist wie eine unsichtbare Mauer. Magisch zieht es die Touristen aus der Innsbrucker Altstadt auf die für die Stadt namensgebende Brücke. Auf Höhe der Flussmitte werden fleißig Fotos von der pittoresken Häuserzeile und der dahinter imposant aufsteigenden Nordkette auf der anderen Seite des Flusses geschossen. Doch ins dortige Mariahilf/St. Nikolaus, das historische Anpruggen, zieht es die wenigsten.

Dabei taugt der älteste Stadtteil – und somit Geburtsstätte Innsbrucks – zu weit mehr als zum beliebten Foto- motiv. Das hat inzwischen auch die Politik erkannt: 2014 wurde ein Bürgerbeteiligungsprozess gestartet, um Anpruggen attraktiver zu machen. Das Projekt zielt nicht nur auf Touristen ab, sondern auch auf Einheimische und Wirtschaftstreibende.

In einem malerischen Hinterhof, den man hinter den Fassaden der bunten Häuschen nicht vermuten möchte, gärt es seit Jahren. Hier, wo in einer Fabrik seit 1777 bis zur Absiedelung vor wenigen Jahren Seifen produziert wurden, hat die Eigentümerfamilie Walde eine kreative Keimzelle entstehen lassen. Und das, obwohl sich die Räumlichkeiten als in Innsbruck kostbarer Wohnraum leicht zu Gold machen hätten lassen.

"Mein Vater möchte, das so viel wie möglich von der Fabrik erhalten bleibt", erzählt Lisa Walde, Tochter von Firmenchef Peter Walde. Davon profitiert auch sie. Die junge Modedesignerin hat ihr Studio in dem Areal, das nach wie vor auch noch ein Seifengeschäft beherbergt. Die 34-Jährige ist hier aufgewachsen und hat den Wandel des Stadtteils miterlebt: "Es sind heute viel mehr Studenten da, alles wächst zusammen." Für Walde ist Anpruggen auf dem besten Weg, ein "schönes Kreativviertel" zu werden.

Die Seifenfabrik steht dafür als sichtbares Zeichen. Neben einem Studio, in dem Modelle für Architekten gebaut werden, hat hier unter anderem auch Produktdesignerin Nina Mair Raum für ihr Schaffen gefunden. "Von diesem kleinen Hinterhof schicken wir Produkte in die ganze Welt hinaus", sagt die 38-Jährige stolz. Von der Seifenschale bis zur Vollholz-Badewanne reicht das Portfolio. Die meisten Abnehmer kommen aus Großbritannien und den USA.

Multikulti-Flair

Mair sieht das Viertel in ständiger Entwicklung: "Es tut sich immer etwas Neues." Dass Anpruggen seit 2014 nicht über Nacht zum hippen Trendviertel wurde, in dem Touristen in Massen flanieren, stört die 38-Jährige nicht: "Das Flair in unserem Grätzel lebt auch vom türkischen Friseur und dem Kebabladen, bei dem man sich eine Pizzaschnitte holt."

Die Gentrifizierung hat dennoch längst begonnen. Einst ein klassisches Viertel für Gastarbeiter und Ur-Einheimische gilt Anpruggen heute als anziehender Wohnbezirk. Einziges Hemmnis für den ganz großen Boom scheint vorerst der Verkehr zu sein. Der rollt eingezwängt zwischen Fluss und alten Häusern. Die Straße entlang des Inns ist eine der wichtigsten West-Ost-Achsen der Stadt.

Doch Beruhigung ist in Sicht: "Wir denken an Begegnungszonen", sagt Verkehrsstadträtin Sonja Pitscheider (Grüne). Fußgänger sollen dadurch mehr Raum bekommen, die Attraktivität für Geschäfte und Lokale steigen. Mitte Juli startet der Wettbewerb für die Umgestaltung, die zunächst in Mariahilf beginnt.

In St. Nikolaus sorgt derweil der Kulturverein Vogelweide im Waltherpark für Bewegung. Der bespielt seit Kurzem eine von den Mitgliedern der Plattform gebaute Holzbox mit Programm. "Es geht uns darum, die lokale Identität zu stärken", sagt Vereinssprecher Vinzenz Mell. Aber auch für Touristen wird es bald einen Magneten geben: Am Walde-Areal soll 2017 ein Seifenmuseum eröffnen. Die Arbeiten laufen bereits.

(kurier) Erstellt am
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