Die Polizei braucht rasch neues Personal.

© APA/ERWIN SCHERIAU

Asyl
03/06/2016

Im Eiltempo zum Grenzpolizisten

250 junge Einsatzkräfte absolvieren österreichweit Sechs-Monats-Kurse. Ein Lokalaugenschein in Krumpendorf.

von Thomas Martinz

Das Wichtigste in Kürze:

  • In Krumpendorf am Wörthersee werden Polizisten zu Grenzpolizisten ausgebildet
  • Aufgrund des Bedarf dauert die Ausbildung für manche dieser Polizisten nur sechs Monate statt zwei Jahre
  • Das sind 880 statt 2736 Unterrichtseinheiten
  • Im Zuge des Flüchtlingszustroms haben Österreichs Polizisten rund 200.000 Überstunden gemacht

"Scheiß Bullen, schleichts euch!" Ein fluchender Mann wird von zwei Ordnungshütern unsanft zu Boden gedrückt und windet sich unter den kräftigen Armen der Polizisten. Er bekommt Handschellen verpasst, wird abgeführt. "Einsatz beendet", sagt eine tiefe männliche Stimme aus dem Kreis mehrerer Uniformierter, die die Szene beobachten. Die Personen grinsen, klatschen ab. Es handelt sich um eine Übung, Schauspieler und Komparsen sind angehende Polizisten.

Wir befinden uns in der Polizeikaserne Krumpendorf am Wörthersee. Hier werden stets Ausbildungskurse für Polizisten abgehalten; zweijährige Kurse, wohlgemerkt. Heuer gibt es in acht Bundesländern zusätzlich geschrumpfte Sechs-Monats-Kurse, denn Österreich benötigt Grenzpolizisten. Und zwar rasch. Insgesamt 250 Beamte werden auf diese Art laut Auskunft des Innenministeriums mit 1. Juli für den Grenzeinsatz bereitstehen.

"Schnellkurs". "Blitzausbildung". Begriffe, die Oberst Edith Kraus-Schlintl, Leiterin des Bildungszentrums der Sicherheitsakademie in Krumpendorf, nicht gerne hört. "Es handelt sich um eine Basisausbildung, natürlich komprimiert und abgespeckt. Aber alle rechtlichen und praktischen Inhalte werden vermittelt – mit dem Hauptaugenmerk auf grenz- und fremdenpolizeiliche Aufgaben", sagt Kraus-Schlintl. In zwei bis drei Jahren würden die Grenzpolizisten (in Krumpendorf werden derzeit 26 für das Bundesland Kärnten und 25 für Salzburg ausgebildet) Zusatzqualifikationen erhalten, um wie ihre Kollegen in sämtlichen Bereichen einsatzbereit zu sein.

Fokus: Einsatztraining

880 Unterrichtseinheiten zu je 45 Minuten stehen bei der "Lightvariante" statt der üblichen 2736 "Stunden" zur Verfügung. Zwangsläufig liegt somit der Fokus auf Grenzsicherung, Umsetzung von sicherheitspolizeilichen Maßnahmen und Kontrollen. "In Relation zur zweijährigen Ausbildung steht mehr Einsatztraining am Programm. Verhalten im Außendienst, Personenkontrollen, Anlegen von Handfesseln, Schusswaffengebrauch. Die Jungpolizisten benötigen möglichst rasch das Rüstzeug für die Praxis, damit sie selbst und das Gegenüber geschützt sind", sagt Einsatztrainer Mario Proprentner.

Das bedeutet verstärktes Training mit Rollenspielen, die gefilmt werden. Proprentner: "Du lernst ganz anders, wenn dir ständig ein Spiegel vors Gesicht gehalten wird und du dein Verhalten im Einsatz selbst beobachten kannst." Zur sechsmonatigen Ausbildung gehört ab sofort außerdem ein einwöchiger Praxisteil an einer Grenzdienststelle.

Ausbilderin Kerstin Roy sieht in der abgespeckten Variante "eine Umstellung und eine Herausforderung. Es gelingt, die wichtigsten Punkte in komprimierter Form zu vermitteln, auf die Bedürfnisse der einzelnen Schüler kann man natürlich nur im reduzierten Maß eingehen."

Mehr Bewerber

Fühlt man sich als "halber" Polizist, wenn man vorerst nur ein Viertel der Schulungen absolviert? "Keineswegs. Wir werden Dienst verrichten wie jeder andere Polizist auch und den Rest der Ausbildung nachholen", sagt Polizeischüler Gernot Dörflinger. "Wir haben für den Sechs-Monats-Kurs sogar mehr Bewerbungen als für bisherige Lehrgänge erhalten", offenbart Kärntens Polizeisprecher Rainer Dionisio, dass der Job eines Grenzpolizisten ein begehrter ist. Jennifer Isop beispielsweise hat sich stets für die Polizeiarbeit interessiert, aber "erst jetzt getraut, zur Aufnahmsprüfung anzutreten." Bisher arbeitete sie als Rechtsanwaltsassistentin. Schon im Juli wird die 25-Jährige im Grenzeinsatz stehen.

Polizei erzielt Überstunden-Rekord wegen der Asylkrise

Die neue Eingreiftruppe der Polizei, die ab Sommer an den Grenzen eingesetzt werden soll, wird von vielen Beamten schon hoffnungsvoll erwartet. Denn die Mehrbelastung für die Exekutive aufgrund der Flüchtlingskrise war in den vergangenen Monaten nur schwer zu bewältigen. So wurden von den Beamten bundesweit im vergangenen September 440.000 Einsatzstunden geleistet, davon waren 200.000 Überstunden. Besserung ist seither keine eingetreten. „Die Polizisten sind an ihren Belastungsgrenzen angelangt“, sagt der rote Polizeigewerkschafter, Hermann Wally.

Durch das Flüchtlingslager in Traiskirchen und die Nähe zum Grenzort Nickelsdorf waren besonders die Beamten aus Niederösterreich gefordert. Die Folge war ein Überstunden-Rekord. Mehr als 80.000 Stunden an Mehraufwand waren nötig, um die Flüchtlingssituation halbwegs in den Griff zu bekommen.
Da es ein Sicherheitsvakuum geben würde, wenn die Beamten für ihren Einsatz Zeitausgleich nehmen und zu Hause bleiben, müssen die Überstunden ausbezahlt werden. Dies wiederum bringt die Budgets der Landespolizeidirektionen ins Wanken. „Wir hoffen, dass wir vom Bund in dieser Phase finanziell verstärkt unterstützt werden“, heißt es dazu beispielsweise aus Niederösterreich.

Spielfeld

Scharfe Kritik äußert die Gewerkschaft vor allem am Grenzeinsatz in Spielfeld. 600 Beamte sind dafür insgesamt abgestellt. „Es herrscht ein organisatorisches Desaster, das unnötig Kräfte bindet. Die Kollegen haben zwei Tagdienste und einen Nachtdienst, müssen aber 96 Stunden lang in Spielfeld bleiben. Sie haben zwei Tage frei und schlagen die Zeit tot, weil sie durch die Distanz nicht nach Hause zu ihren Familien fahren können“, sagt FSG-Vertreter Martin Noschiel.
Die Stimmung bei den Beamten sei auch deswegen schlecht, weil es kaum einen finanziellen Anreiz für den zweieinhalb Monate andauernden Sondereinsatz gibt. Im ersten Monat bekommen die Polizisten noch einen Zuschlag von 26,40 Euro pro Tag. Im zweiten Monat nur noch die Hälfte (13,20 Euro). Da für das Frühstück allerdings fünfzehn Prozent abgezogen werden und die Beamten um ihre üblichen Zulagen wie Pendlerpauschale, Fahrtkostenzuschuss oder Journaldienstgebühr umfallen, bleibe unter dem Strich weniger übrig als sonst. „Wer soll sich dafür freiwillig melden?“, sagt Noschiel.

Von Johannes Weichhart, Patrick Wammerl

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