Chronik | Österreich
09.06.2016

Identitäre stürmten Vorlesung an der Universität Klagenfurt

Der Rektor forderte die Männer zum Gehen auf, sie verließen den Saal aber erst, nachdem er die Polizei gerufen hatte.

Eine Gruppe von Identitären hat am Donnerstagnachmittag eine Vorlesung an der Universität Klagenfurt gestürmt. Wie Rektor Oliver Vitouch am Abend gegenüber der APA erklärte, war eine Gruppe von zehn teils verkleideten Männern mit Kamera und Megafon in den Hörsaal gekommen. Der Rektor forderte die Männer zum Gehen auf, sie verließen den Saal aber erst, nachdem er die Polizei gerufen hatte.

Vitouch wollte einen der Männer festhalten, wurde daraufhin bedroht und erhielt einen "leicht verschmerzbaren Schlag in die Magengrube", wie er erklärte. Seine Motivation, den Mann mit Lederjacke aufzuhalten, umschrieb er so: "Ich wollte die Identität des Identitären feststellen, das war ihm aber offenbar nicht so recht."

Auf ihrer Facebook-Seite prahlte die rechtsextreme Gruppierung, dass man während Ringvorlesung zum Thema Flucht und Asyl den Hörsaal betreten hat und dabei ein großes Transparent mit der Aufschrift "Integration ist eine Lüge" empor hielt.

Im Hörsaal Steinigung inszeniert

Die Identitären waren auf unterschiedliche Weise verkleidet. Einer hatte sich laut Rektor Vitouch ein mittelalterliches Holzjoch umgeschnallt, ein anderer trug eine Burka. Nach Angaben der Polizei inszenierte die Gruppe in dem Hörsaal mit Steinen aus Styropor eine Steinigung. Das Landesamt für Verfassungsschutz hat die Ermittlungen übernommen.

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Peter Kaiser (@PeterKaiserSP

"Ich bin gegen 17.30 Uhr über die Störaktion informiert worden und sofort vom Rektorat in den Hörsaal gelaufen, wo gerade eine Ringvorlesung gehalten wurde", erzählte Vitouch. Er habe die Gruppe aufgefordert, den Hörsaal zu verlassen und versucht, ein angebrachtes Transparent zu entfernen. Das habe die rund zehn Personen aber nicht beeindruckt. Die ganze Aktion sei offenbar genau geplant gewesen, die Teilnehmer durchwegs junge Männer, sagte der Rektor, der kürzlich zum Präsidenten der Universitätenkonferenz (uniko) gewählt wurde.

Genug Zeugen, um Leute zu identifizieren

Der Zwischenfall sei von mehreren Studierenden mittels Handyvideo festgehalten worden, so Vitouch. "Es dürfte also genug Zeugen geben, um die Leute identifizieren zu können." Seiner Einschätzung nach handle es sich um Identitäre, die Polizei konnte diesbezüglich am Abend noch keine genaueren Angaben machen.

Während des ganzen Zwischenfalls befanden sich an die 70 Studierende im Hörsaal. Verletzt wurde niemand. Vitouch betonte, man werde sich auf keinen Fall einschüchtern lassen. Dass sich die mutmaßlichen Identitären die Universität Klagenfurt ausgesucht haben, dürfte wohl mit der Uni-Abteilung für Sozial- und Integrationspädagogik zusammenhängen. Dieses bietet einen Studiengang an, der mit einem Master of Art abgeschlossen wird.

Kärntens Landeshauptmann Peter Kaiser (SPÖ) zeigte sich in einer ersten Reaktion entsetzt über die Aktion: "Ich verurteile solche aggressiven Angriffe auf das Schärfste." Man werde alle demokratischen Maßnahmen ergreifen, um solche Dinge zu verhindern. "Derartiges hat weder in Kärnten noch sonst wo das Geringste verloren und erfordert das Zusammenrücken aller demokratischen Kräfte", betonte Kaiser.

Identitäre stürmten Bühne im Audimax

Vor zwei Monaten haben 30 bis 40 Identitäre eine Aufführung des Elfriede-Jelinek-Stücks "Die Schutzbefohlenen" im Audimax der Wiener Universität gestört. Sie stürmten die Bühne, entrollten Transparente und Fahnen. Außerdem seien Flugblätter mit dem Text "Multikulti tötet" in das etwa 700 Personen umfassende Publikum geschmissen und Kunstblut verspritzt worden.

Der deutsche Verfassungsschutz bezeichnet die Identitären als "rechtsextremistisch". Österreichs Verfassungsschützer beschreiben die Gruppierung so: "Unter dem Deckmantel, das jeweilige Land vor einer 'Islamisierung' und vor Massenzuwanderung schützen zu müssen, wird auf pseudo-intellektueller Grundlage versucht, das eigene rassistisch/nationalistisch geprägte Weltbild zu verschleiern. Die Distanzierung vom Neonazismus in öffentlichen Statements ist als taktisches Manöver zu werten, da sich in den Reihen der Bewegungseliten amtsbekannte Neonazis befinden und Kontakte in andere rechtsextremistische Szenebereiche bestehen."

Das DÖW stuft die Identitären als Neofaschisten mit professioneller Medienarbeit und besten Kontakten zu gleichgesinnten Gruppen im Ausland ein. Doch: "Was sie tun, ist nach dem Verbotsgesetz nicht relevant." Ihr Selbstbild: "Ein heroisches Männerbild. Nach außen wollen sie mehr Stärke vermitteln, als sie tatsächlich haben." Auch die Parolen seien durchaus geschickt gewählt: "Sie sind nicht gegen Ausländer, sondern gegen jene, die Unheil über uns gebracht haben."