Chronik | Österreich
19.10.2012

Heimkinder setzen Politik unter Druck

Ein deutscher Anwalt will für Betroffene der österreichischen Fürsorge-Erziehung das Verbrechensopfergesetz ändern lassen.

Kaum gestartet, ist ihr bereits ein Erfolg beschieden: Die Petition zur "Wiedergutmachung des Unrechts in der Fürsorge- und Heimerziehung" wurde Montagnachmittag an die Parlamentsdirektion übergeben. Der deutsche Anwalt Christian Sailer und das Tiroler Heimkind Claudia K. konnten die ersten 600 Unterschriften überreichen. Sailer strebt mit der Petition – einer "parlamentarischen Bürgerinitiative" – eine Änderung des Verbrechensopfergesetzes an. "Der Verdienstentgang durch die Folgen der Heimerziehung muss in vollem Umfang ersetzt werden", fordert der Jurist. Weiters soll die Verjährungsfrist für Kinder und Jugendliche in Heimen fallen und auch unbezahlte Arbeitseinsätze in den Heimen angerechnet werden.

In wenigen Tagen wird man die Bürgerinitiative im Internet (www.parlament.gv.at) unterstützen können. Sailer rechnet mit "Tausenden, wenn nicht sogar Zehntausenden Unterschriften".

 

Podiumsdiskussion

Anschließend wurde im nahen Palais Epstein über "Die Gewalt an den Heimkindern" und natürlich auch über die angestrebte Gesetzesänderung diskutiert. "Endlich muss der Staat seine enorme Verantwortung übernehmen", fordert Peter Bringmann-Henselder, Heim-Experte aus Deutschland. Der Grüne Justizsprecher Albert Steinhauser kritisiert, dass "die Politik die Verantwortung für die Vorfälle in Heimen nicht übernommen" habe. Statt des Wildwuchses an kirchlichen und öffentlichen Entschädigungskommissionen sollte eine einzige Anlaufstelle geschaffen werden. Jurist Sailer übt Kritik an der oft "willkürlichen Auszahlung" von Opfer-Entschädigungen: "Die Maßstäbe, die hier angesetzt werden, sind völlig intrans­parent.

Die Psychiaterin Gabriele Wör­götter beklagt die oft mühsame Beschaffung von Akten im Zusammenhang mit der Aufarbeitung der Heimerziehung. Und sie weist auf schwerwiegende psychische Folgen der systematischen Gewalt in Heimen auf die ehemaligen Zöglinge hin. Anwalt Sailer spricht gar von "Seelenmord an Kindern".