Zwei Schlachttiere mussten vorsorglich "entsorgt" werden.

© APA/dpa/Carsten Rehder

Kärnten
12/06/2014

HCB: Auch Fleisch ist verseucht

Die Molkerei stoppt die Milchproduktion. Minister Rupprechter kritisiert das mangelhafte Krisenmanagement.

von Michael Berger

Mit einem Ultimatum an die Kärntner Landesregierung schaltete sich am Samstag Umweltminister Andrä Rupprechter Samstag in den Lebensmittelskandal um die Görtschitztaler Sonnenalm-Molkerei ein. „Bis Dienstag, acht Uhr, hat Landeshauptmann Peter Kaiser Zeit, einen umfassenden Bericht zu den offenen Fragen der Umwelt-und Futtermittel-Belastung sowie der Lebensmittelsicherheit vorzulegen. Das ist als weisungsgemäße Aufforderung zu verstehen“, sprach Rupprechter gegenüber dem KURIER Klartext. Unterstützt wird er dabei von Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser.

Zugleich kritisierte Rupprechter das Krisenmanagement der Kärntner Politiker und Behörden: „Kommunikation und Koordination waren extrem mangelhaft. Ich erwarte mir eine exakte Darstellung der Maßnahmen.“

Belastetes Fleisch

Minuten nach dem Minister-Statement gab Kärntens Agrarlandesrat Christian Benger (ÖVP) bekannt, dass auch mit Hexachlorbenzol (HCB) belastetes Rindfleisch gefunden wurde: „Die Grenzwerte wurden massiv überschritten.“ Spuren konnten auch in einem Schwein und bei einem Rotwild festgestellt werden.

Bereits seit elf Tagen regiert in Kärnten Ärger und Angst. Damals wurde bekannt, dass HCB im Viehfutter im Görtschitztal lokalisiert wurde. Die Grenzwerte wurden um bis zu 400 Prozent überschritten.

HCB ist hochgiftig und krebserregend. Das Gift stammt aus einem Zementwerk des Unternehmens Wietersdorfer & Peggauer. Bei einer Deponiesanierung dürfte Blaukalk schlampig verarbeitet worden sein.

Nun hat sich der Umweltskandal ausgeweitet. Ende November hieß es noch, dass keine mit HCB belastete Milch im Handel gelandet sei. Landeshauptmann Peter Kaiser (SPÖ) und Umweltlandesrat Rolf Holub (Grüne) beruhigten die Bevölkerung. Doch am Freitag meldete Greenpeace, dass sehr wohl belastete Milchprodukte im Handel gefunden wurden.

Ein Geschäft in Friesach (Kärnten) verkaufte belastete Milch und Topfen der Marke Sonnenalm. Die von der LVA GmbH (Privatlabor) im Auftrag von Greenpeace getesteten Proben wurden bereits am 29. November gekauft. Zu diesem Zeitpunkt war aber die Hexachlorbenzol-Verseuchung im Görtschitztal bereits bekannt.

Politik und Behörden setzten aber weiterhin auf Beruhigung, anstatt die Produkte aus den Regalen zu nehmen. Rupprechter: „Dieses Vorgehen ist mehr als befremdlich.“

Erst Samstagfrüh reagierte das Management der Sonnenalm-Molkerei in Klein St. Paul von sich aus. Denn Aufforderung der Behörden gab es zu diesem Zeitpunkt noch immer nicht. Sonnenalm-Geschäftsführer Hannes Zechner: „Wir stellen die Produktion bis zur Freigabe der Behörden ein und holen alle Sonnenalm-Kuhmilchprodukte zurück. Wir entschuldigen uns aufrichtig bei den Kunden.“

Späte Reaktion

Die Aufarbeitung vor Ort geht weiter schleppend voran. Erst am Freitag stellte Landeschef Kaiser ein Hilfeansuchen an den Bund. Rupprechter garantierte daraufhin die Unterstützung vom Umweltbundesamt und der AGES (Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit).

Kaiser kündigte am Samstag eine Sonderregierungssitzung für Montag an. Außerdem gab er weitere Maßnahmen bekannt. So sollen die Kontrollen auch auf Buschenschenken und Ab-Hof-Verkäufer ausgeweitet werden. Außerdem kündigte er für die Görschitzer Bevölkerung Gesundheitsuntersuchungen an – ab Mitte der Woche sollen Blutabnahmestellen in den Gemeinden eingerichtet sein. Kinderfachärzte sollen Blutabnahmen bei Säuglingen und Kleinkindern durchführen. Stillende Mütter können Muttermilchproben bei der Lebensmitteluntersuchungsanstalt des Landes untersuchen lassen.

„Bis wir nicht endgültige Ergebnisse haben und nicht absolut sicher sind, dass keine Gefahr besteht, raten wir vor dem Verzehr von Lebensmitteln aus der Region dringend ab“, sagte Kaiser.

Das Protokoll des Umweltgiftskandals

März 2014: Die Firma „Sonnenalm“ wird mit dem Auftreten von HCB in geringsten Spuren im Kärntner Görtschitztal konfrontiert. Nachgewiesen wird der Stoff bei Rückstandsproben, die auf diverse Pestizid- und Arzneimittelrückstände untersucht werden. Daraufhin werden die Behörden informiert und sämtliche Milchlieferanten untersucht.

18. April: Die Umweltabteilung wird kontaktiert mit der Bitte um Informationen bezüglich bestehender Messwerte von HCB im Görtschitztal.

April bis Oktober: Proben werden analysiert. Es wird immer unwahrscheinlicher, dass Altlasten im Boden für die erhöhten Werte verantwortlich sind. Industriestandorte werden verdächtigt.

10. Oktober: Das Zementwerk in Wietersdorf erhält aus der Bevölkerung Informationen zu HCB-Vorkommen und nimmt Kontakt mit den Behörden auf.

7. November: Die Einbringung von Blaukalk wird gestoppt.

26. November: Agrarlandesrat Christian Benger informiert die Bevölkerung über die überschrittenen Grenzwerte bei vier Milchbauern.

27. November: Wietersdorfer gibt bekannt, dass das Umweltgift vermutlich aus dem Zementwerk stammt. Die Justiz wird eingeschalten.

29. November: Futtermittel in acht Betrieben sind kontaminiert. 35 Milchbauern und 260 Fleischbauern dürfen ihre Produkte nicht mehr verkaufen.

2. Dezember: Die Zahl der unter Beobachtung stehenden Höfe erhöht sich auf 47. Der Landtag bestimmt die Einsetzung eines U-Ausschusses.

5. Dezember: HCB-Grenzwertüberschreitungen in Milch aus dem Handel wird nachgewiesen.

Eine der gefährlichsten Substanzen

Dr. Thomas Jakl, Leiter der Chemikalienabteilung im Umweltministerium, beantwortet fünf Fragen zum Thema Hexachlorbenzol. Das Umweltgift ist in Milch und Viehfutter im Kärntner Görschitztal gefunden worden. In Umlauf gebracht wurde die kontaminierte Milch aber nicht.

Was ist Hexachlorbenzol?

Hexachlorbenzol ist eine langlebige, krebserregende und auch einen Embryo schädigende Chlorvervbindung. "Es ist eine der gefährlichsten Substanzen die wir kennen", sagt Jakl. Chemiker sprechen von einer "persistierenden Verbindung": Sie wird nur sehr langsam abgebaut.

Darf Hexachlorbenzol noch in der Industrie verwendet werden?

"Hexachlorbenzol ist in Österreich seit 1992 verboten", sagt Jakl. "Es gilt ein Totalverbot". Die Substanz fällt unter das Stockholmer Übereinkommen, das 2001 von damals 122 Staaten unterzeichnet wurde. Damit wurden die Herstellung und der Gebrauch von zwölf Pestiziden (Schädlingsbekämpfungsmitteln) und Industriechemikalien ("Dreckiges Dutzend") eingeschränkt bzw. verboten. Bis 1992 durfte Hexachlorbenzol in Österreich als Pestizid und Fungizid (Anti-Pilz-Mittel) verwendet werden. Die Substanz wurde auch als Weichmacher und Flammschutz für Kunststoffe und Schmiermittel sowie in der Aluminiumherstellung eingesetzt.

Woher kann generell heute eine Hexachlorbelastung stammen?

Aus Rückständen, die noch in den Böden vorhanden sind oder aus legalen Verbrennungsprozessen. Letzteres dürfte auch in Kärnten die Ursache gewesen sein. So dürfen in Zementwerken mit speziellen Genehmigungen unter bestimmten Auflagen auch Rückstände aus Deponien und Sondermüll verbrannt und entsorgt werden. "Damit es dabei aber zu keiner Belastung mit Hexachlorbenzol über einem Grenzwert kommt, ist es entscheidend, dass die Sauerstoffzufuhr und die Temperatur beim Verbrennungsprozess ausreichend hoch sind", sagt Jakl. "Wenn es zu Belastungen über den Grenzwerten kommt, dann ist etwas bei der Verbrennung schief gelaufen. Der Verbrennungsprozess muss für die Vernichtung von Hexachlorbenzol sorgen." Theoretisch könne es aber auch sein, dass der zu verbrennende Deponie-Rückstand bereits mit Hexachlorbenzol belastet war. Generell seien die Emissionen (der Ausstoß) der Substanz in die Luft stark rückläufig.

2011 wurde die Substanz in Silvesterraketen nachgewiesen. Hatte das Konsequenzen?

"Ja", sagt Jakl. "In den Silvesterraketen sollte Hexachlorbenzol für einen besonderen Farbeffekt sorgen. Nach dem die illegale Verwendung bekannt wurde, haben wir die Kontrollen von Raketen verschärft. Das hat gewirkt: Mittlerweile ist kein Hexachlorbenzol mehr nachweisbar."

Wie kann es sein, dass 2009 in Diskont-Kürbisöl Hexachlorbenzol gefunden wurde?

"Wenn es irgendwo noch eine Belastung des Bodens durch den früheren Einsatz von Pflanzenschutzmitteln mit Hexachlorbenzol gibt, dann ist diese Belastung nur sehr langsam rückläufig", sagt Jakl "Und gerade in Öl reichert sich diese Substanz sehr leicht an. Ein solcher Fall ist aber die absolute Ausnahme. Lebensmittel werden aber regelmäßig auf Hexachlorbenzol kontrolliert, es sind in der Regel keine Belastungen nachweisbar."

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.