Justizanstalt Stein Besucherwohnungen Kuschelzelle

© Weisbier Gilbert

Strafvollzug
06/10/2013

Großer Andrang auf "Kuschelzelle"

Beim Langzeitbesuch geht es nicht nur um Sex. Flüchtige Bekanntschaften bleiben ausgesperrt.

von Ricardo Peyerl

Die erste Nacht mit der Freundin war „ein bissl unangenehm“. Man sei ängstlich gewesen, erzählt der 22-jährige K. dem KURIER: „Kommt wer oder nicht?“ Dabei hängt draußen an der Tür zur sogenannten „Kuschelzelle“ ohnehin eine Tafel mit der Aufschrift: „Besetzt“.

18 Monate saß K. wegen Einbruchsdiebstahls in der Justizanstalt Leoben ein. Der erste Langzeitbesuch der Freundin dauerte von acht Uhr früh bis 14 Uhr, ab dann durfte sie ein Mal im Monat eine ganze Nacht bleiben. Man wird nicht überwacht, hat Dusche, WC, kleine Küche, Fernseher. „Alles tipptopp, wie daheim ist es trotzdem nicht“, sagt K.

Die Volksanwaltschaft hat bei ihren Häfenreports beanstandet, dass Häftlingen der Langzeitbesuch von Partnern nur dann zugestanden wird, wenn die Beziehung bereits sechs Monate vor der Inhaftierung bestanden hat. Mit dieser restriktiven Filterung konnte die Justiz den Andrang auf die „Kuschelzellen“ in Schach halten. Denn solche Einrichtungen – die in Ländern wie der Ukraine schon lange Standard sind – waren in Österreichs Gefängnissen bisher Mangelware.

Das ändert sich jetzt. In zehn von 27 Anstalten gibt es diese Räumlichkeiten, sieben weitere können die Einrichtungen in nahen Anstalten mitbenützen, und es wird laufend gebaut.

Die Räume für den Langzeitbesuch müssen abgesondert sein. „Damit man die Besucher nicht durch die Untiefen des Gefängnisses führen muss, wo sie begafft werden“, sagt Christian Timm, stellvertretender Leiter der Vollzugsdirektion. Es ist auch nicht jedermanns Sache, übers Wochenende eingesperrt zu werden. Deshalb gibt es auf den Besuch tagsüber mehr Run. In Stein an der Donau, wo Timm früher Gefängnischef war, gab es binnen fünf Jahren 500 Langzeitbesuche. Ohne einen einzigen Missbrauch, nur ein Insasse hat verbotener Weise im Besuchsraum geraucht.

Legespiel

Die „Kuschelzelle“ in Stein ist auf Monate ausgebucht. Der sexuelle Kontakt (prinzipiell auch unter gleichgeschlechtlichen Partnern gestattet) steht aber nicht im Vordergrund. Es kommen Eltern, Großeltern und Kinder, die sollen den eingesperrten Elternteil auch einmal „anfassen“, mit ihm „kuscheln“ dürfen. Für die Kleinen liegt Spielzeug bereit, darunter ein Haft-Legespiel. „Es ist keine Sozialromantik“, sagt Timm, „sondern es geht um die Aufrechterhaltung der sozialen Kontakte für die Zeit nach der Entlassung.“

„Die Häftlinge haben auch ganz andere Sorgen als Sex“, sagt Andrea Moser-Riebniger von der Betreuungsabteilung: „Was mach’ ich mit den Schulden? Werden meine Eltern noch leben, wenn ich rauskomme?“

Auch Sexualstraftäter sind von den Langzeitbesuchen nicht ausgenommen. Freilich kommen nicht die Opfer und keine Kinder, „aber warum soll ihn die Oma nicht besuchen dürfen?“ (Timm). „Diese Besuche fördern auch die psychische Stabilität der Insassen“, sagt Marit Weihen vom sozialpädagogischen Dienst.

Eintagsfliegen

Wer den Langzeitbesuch beantragt, wird – wie auch sein Wunsch-Besucher – durchleuchtet: Passiert alles freiwillig? Ist das ein sozialer Kontakt, der aufrechterhalten werden soll? Der Häftling muss einen Striptease über sich ergehen lassen. Seine für den Besuch ausgewählte Kleidung wird gescannt, damit nichts in die Anstalt geschmuggelt werden kann. Eine erforderliche Mindestzeit der Beziehungsdauer vor der Inhaftierung gibt es übrigens nicht mehr. „Mit Eintagsfliegen wird aus dem Langzeitbesuch aber nichts“, sagt Timm.

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