250 Menschen wurden von der Bürgerinformationsveranstaltung in Klein St. Paul ausgesperrt und harrten in der „Public Viewing Area“ aus.

© APA/GERT EGGENBERGER

Umweltskandal in Kärnten
12/05/2014

Gift in Milch aus Handel entdeckt

Zwei Proben aus Geschäft in Friesach positiv / Land plant Blutuntersuchungen.

von Thomas Martinz

Was bisher aus dem Kärntner Umweltskandal um mit Hexachlorbenzol verseuchte Milch und Futtermittel bekannt wurde, war offenbar nur die Spitze des Eisberges. Seit zehn Tagen versuchen die Behörden die Bevölkerung mit dem Argument zu beruhigen, dass keine HCB-hältige Milch in den Handel gekommen sei. Das Gegenteil ist der Fall.

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace erhielt am Freitag von der LVA (Lebensmittel, Vertrauen, Analysen) GmbH in Klosterneuburg Testergebnisse von drei Milch- und Topfenproben.

Das Unternehmen war mit der Prüfung von Lebensmitteln beauftragt worden, die am 29. November – also nach Bekanntwerden des Skandals – in einem Geschäft in Friesach (Kärnten) gekauft wurden.

„Konkret wurde HCB in einer Frischmilch der Marke Sonnenalm und in einer Topfenprobe desselben Herstellers nachgewiesen. Der Wert in der Milchprobe lag bei 0,021 mg/kg. Das ist das Doppelte des Grenzwertes von 0,01 mg/kg. In der Topfenprobe lag der Wert bei 0,023 mg/kg. Frischmilch wurde erst nach Bekanntwerden des HCB-Skandals abgefüllt“, sagt Herwig Schuster, Chemiker von Greenpeace.

HCB ist hochgiftig und krebserregend. Umweltmediziner versuchen stets zu beruhigen, dass es sich bei den Grenzwerten um äußerst geringe und relativ ungefährliche Dosen handelt. Das Land hat am Abend eine Krisensitzung einberufen. Landeshauptmann Peter Kaiser rief die Bevölkerung aus Sicherheitsgründen dazu auf, bis auf weiteres keine Lebensmittel aus der Region zu konsumieren, bis sämtliche Ergebnisse der amtlichen Probeziehung vorlegen würden.

Bitte an Regierung

Außerdem erklärte Kaiser, dass er die Bundesregierung offiziell um Hilfe bitten werde. „Wir brauchen zusätzliche Infrastrukturen, beispielsweise Messgeräte und mehr Personal.“ Außerdem sollen Untersuchungskonzepte für die verunsicherte Bevölkerung erarbeitet werden. „Das umfasst Blut- und Muttermilchtests, aber auch Beratungsgespräche.“ Dazu kommt, dass die Betriebsbücher der Donau-Chemie und der Wietersdorfer Zementfabrik untersucht werden. Damit wollen die Prüfer ergründen, seit wann wie viel Blaukalk abgeliefert und verbrannt wurde.

Die Greenpeace-Enthüllung ist ein weiterer Beweis, dass die Bevölkerung eigentlich im Regen stehen gelassen wird – wie schon am Donnerstagabend bei der „Bürgerinformation“, die in Klein St. Paul stattfand.

Die Menschen erwarteten sich Antworten auf ihre Fragen. Bekamen sie jedoch nicht, ja mehr als die Hälfte der wurde sogar ausgesperrt. Es war massenhaft Security vor Ort. Die gewährte aus „Brandschutzgründen“ nur 200 Bürgern den Zutritt zum Kultursaal. Vor den Türen kam es zu tumultartigen Szenen und „Wir wollen rein“-Sprechchören. Erfolglos: 250 Menschen mussten sich die Diskussion im Regen auf einer Leinwand ansehen. „Public-Viewing-Area“ nennt man das. Dort harrte auch Wilhelm Korak aus. Dass der BZÖ-Landtagsabgeordnete Leiter des HCB-U-Ausschusses ist, spielte keine Rolle. Allerdings wurde am Rande der Veranstaltung bekannt, dass Korak auf der Liste des Zentralbetriebsrats der Donau-Chemie steht, wo der Blaukalk deponiert wird.

Aufgebrachte Bürger

Im Kulturhaus zumindest vermisste man auch andere Volksvertreter sowie Umweltmediziner. Sie bleiben der Veranstaltung fern. Es würden noch zu wenig Daten vorliegen, lautete das Argument. Zementwerk-Geschäftsführer Wolfgang Mayr-Koch, sagte auch, man wisse nicht, wo der Fehler passiert sei. „Und ihr habt bisher 11 Millionen mit der Kalk-Verbrennung kassiert“, sagte Landwirt Hans Erlacher.

Bernadette Liegl-Atzwanger, Medizinerin an der Uni Graz: „Mein elterlicher Hof liegt im Görtschitztal, mein Sohn hat diese Milch täglich getrunken. Jetzt wissen wir, dass sie verseucht war.“

Eine der gefährlichsten Substanzen

Dr. Thomas Jakl, Leiter der Chemikalienabteilung im Umweltministerium, beantwortet fünf Fragen zum Thema Hexachlorbenzol. Das Umweltgift ist in Milch und Viehfutter im Kärntner Görschitztal gefunden worden. In Umlauf gebracht wurde die kontaminierte Milch aber nicht.

Was ist Hexachlorbenzol?

Hexachlorbenzol ist eine langlebige, krebserregende und auch einen Embryo schädigende Chlorvervbindung. "Es ist eine der gefährlichsten Substanzen die wir kennen", sagt Jakl. Chemiker sprechen von einer "persistierenden Verbindung": Sie wird nur sehr langsam abgebaut.

Darf Hexachlorbenzol noch in der Industrie verwendet werden?

"Hexachlorbenzol ist in Österreich seit 1992 verboten", sagt Jakl. "Es gilt ein Totalverbot". Die Substanz fällt unter das Stockholmer Übereinkommen, das 2001 von damals 122 Staaten unterzeichnet wurde. Damit wurden die Herstellung und der Gebrauch von zwölf Pestiziden (Schädlingsbekämpfungsmitteln) und Industriechemikalien ("Dreckiges Dutzend") eingeschränkt bzw. verboten. Bis 1992 durfte Hexachlorbenzol in Österreich als Pestizid und Fungizid (Anti-Pilz-Mittel) verwendet werden. Die Substanz wurde auch als Weichmacher und Flammschutz für Kunststoffe und Schmiermittel sowie in der Aluminiumherstellung eingesetzt.

Woher kann generell heute eine Hexachlorbelastung stammen?

Aus Rückständen, die noch in den Böden vorhanden sind oder aus legalen Verbrennungsprozessen. Letzteres dürfte auch in Kärnten die Ursache gewesen sein. So dürfen in Zementwerken mit speziellen Genehmigungen unter bestimmten Auflagen auch Rückstände aus Deponien und Sondermüll verbrannt und entsorgt werden. "Damit es dabei aber zu keiner Belastung mit Hexachlorbenzol über einem Grenzwert kommt, ist es entscheidend, dass die Sauerstoffzufuhr und die Temperatur beim Verbrennungsprozess ausreichend hoch sind", sagt Jakl. "Wenn es zu Belastungen über den Grenzwerten kommt, dann ist etwas bei der Verbrennung schief gelaufen. Der Verbrennungsprozess muss für die Vernichtung von Hexachlorbenzol sorgen." Theoretisch könne es aber auch sein, dass der zu verbrennende Deponie-Rückstand bereits mit Hexachlorbenzol belastet war. Generell seien die Emissionen (der Ausstoß) der Substanz in die Luft stark rückläufig.

2011 wurde die Substanz in Silvesterraketen nachgewiesen. Hatte das Konsequenzen?

"Ja", sagt Jakl. "In den Silvesterraketen sollte Hexachlorbenzol für einen besonderen Farbeffekt sorgen. Nach dem die illegale Verwendung bekannt wurde, haben wir die Kontrollen von Raketen verschärft. Das hat gewirkt: Mittlerweile ist kein Hexachlorbenzol mehr nachweisbar."

Wie kann es sein, dass 2009 in Diskont-Kürbisöl Hexachlorbenzol gefunden wurde?

"Wenn es irgendwo noch eine Belastung des Bodens durch den früheren Einsatz von Pflanzenschutzmitteln mit Hexachlorbenzol gibt, dann ist diese Belastung nur sehr langsam rückläufig", sagt Jakl "Und gerade in Öl reichert sich diese Substanz sehr leicht an. Ein solcher Fall ist aber die absolute Ausnahme. Lebensmittel werden aber regelmäßig auf Hexachlorbenzol kontrolliert, es sind in der Regel keine Belastungen nachweisbar."

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