Chronik | Österreich
27.10.2017

Gesundheitsakte wird international

In vielen Ländern wird eine Art ELGA-System aufgebaut, vor 2020 soll der Daten-Austausch starten

Bei der Einführung der elektronischen Gesundheitsakte ELGA vor drei Jahren war die Aufregung groß. Die Ärztekammer wetterte gegen den "Gläsernen Patienten", mehr als 100.000 Patienten verweigerten den Zugriff auf ihre Daten. Die Aufregung hat sich gelegt, und in ganz Europa befinden sich derartige Systeme im Aufbau. Der KURIER sprach mit Martin Tiani, einem der Köpfe hinter dem Netzwerk ELGA , über das Projekt Europa.

KURIER: Ihre Firma lieferte die Software für die elektronische Gesundheitsakte. Wo wird gerade das Netzwerk, wie wir es in Österreich kennen, installiert?

Martin Tiani: Wir wurden jetzt beauftragt, die Zentralkomponenten für die Vernetzung in London zu liefern. Dort geht es um 2000 Organisationen, Krankenanstalten, den Pflegebereich und Ärzte. Und dort soll genau das, was in Österreich passiert ist, aufgebaut werden.

AOK-Deutschland ist mit 26 Millionen Kunden der größte Krankenversicherer. Auch die setzen auf ein ELGA-System.

In Deutschland wurden Milliarden für die Vernetzung aufgewendet, ohne dass was herausgekommen ist. Daraufhin hat die AOK gesagt, sie setzen das nach internationalen Standards selbst auf. Wir unterstützen sie dabei.

Was war Ihre Rolle bei ELGA?

Egal ob Patient oder Gesundheitsdienstanbieter – jeder Zugriff auf ELGA läuft über unsere Komponenten, wie das zentrale Berechtigungssystem. Das ist ein Herzstück der elektronischen Gesundheitsakte.

Also checkt die Software, ob der Arzt Zugriff auf die Patientenakte hat. Wo kann der Patient eingreifen?

Der kann bestimmte Gutachten ausblenden, zum Beispiel psychiatrische. Weil wenn es um eine Wadenbeinbruchbehandlung geht, muss der Arzt ja nicht wissen, wenn ich eine psychiatrische Behandlung gehabt habe. Dieses Ausfiltern ist eine Technologie von uns.

Die größte Angst der Patienten besteht vor dem Missbrauch. Wie ist das System geschützt?

Alle Zugriffe werden protokolliert, damit der Patient die Möglichkeit hat, zu prüfen, wer auf seine Daten zugegriffen hat.

Die ELGA-Zentrale befindet sich im Bundesrechenzentrum. Wie sicher sind Gesundheitsdaten, wenn dort Hacker eindringen?

Da gibt es die höchsten Sicherheitsauflagen. Und wenn jemand eindringt, dann würde er dort nicht viel sehen. Viele Leute glauben, dass die Megadaten irgendwo im Bundesrechenzentrum schlummern, aber das ist nicht der Fall. Die liegen in kleinen Datentöpfen verteilt in unterschiedlichen Rechenzentren. Nur das Zugriffssystem, sprich die Steuerung, ist dort und schaut nach, wo die Daten liegen.

Die standardisierte elektronische Gesundheitsakte befindet sich in Europa überall im Aufbau. Wann erfolgt der Datenaustausch zwischen Ländern?

Da funktioniert noch gar nichts, wir beschäftigen uns aber mit einem Projekt, das England, Deutschland und Österreich verknüpfen soll. Wir haben aber auch Projekte in Albanien, Slowenien und der Schweiz. Wir rechnen damit, dass das es ab 2018 oder 2019 los geht.

Das Netzwerk Europa?

Das ist keine Utopie. 2020 wird schon sehr, sehr viel vernetzt sein.