Im Wilderermuseum Molln werden die Szenen von vor hundert Jahren nachgestellt

© Josef Leitner

Chronik | Österreich
05/04/2019

Gendarmerie erschoss vier Wilderer

Wer heute in die friedliche Nationalparkgemeinde Molln kommt, ahnt nichts von dem dramatischen Geschehen, das vor 100 Jahren hier stattgefunden hat.

Diesem dunklen Kapitel in der lokalen Geschichte widmet sich ein neu geschaffener Bereich des Mollner „Museums im Dorf“. Hier werden die Ereignisse dokumentiert, bei denen vier Wilderer den Tod fanden.

Ende des Ersten Weltkriegs

1919 war gerade der Erste Weltkrieg zu Ende und es herrschten Armut und politische Unsicherheit. Bernhard Werner, Bauamtsleiter und Mitautor eines Monumentalwerks über Molln, kennt die Details: „Viele Burschen aus Molln waren als Wildschützen in den Wäldern unterwegs, die dem Grafen Lamberg aus Steyr gehörten. Die Gendarmerie nahm exemplarisch fünf Wilderer fest.

Befreit

Beim Abtransport wurden sie von ihren Kumpanen am Bahnhof Grünburg befreit und in einem Siegeszug nach Molln zurückbegleitet. Im Gasthof Dolleschall wurde der Erfolg gefeiert. Als die inzwischen auf 30 Mann verstärkte Gendarmerie wieder im Gasthof ihres Amtes walten wollte, flogen Bierkrüge und schließlich fielen auch Schüsse und mehrere Wilderer wurden getötet.“

3000 Personen aus der ‚Gegend sollen am Begräbnis teilgenommen haben.

Zeitreise

Fritz Kammerhuber ist der Obmann des Museumsvereins und lässt bei einem Rundgang durch das Museum in die damalige Zeit eintauchen. Recht lebendig wirkt eine Szene, bei der zwei lebensnah gestaltete Gendarmen in Originaluniform einen Wilderer verhören. Kammerhuber verweist auf das robuste Schuhwerk des Wilderers: „Die Wilderer mussten gute Bergsteiger sein, um im steilen Gelände eine Gams erlegen zu können und dem verfolgenden Jäger zu entkommen.“

Jagen ist nobel

Noch tiefere Einblicke in die Welt der Wilderer vermittelt das europaweit einzigartige Wilderer-Museum im nahen St. Pankraz. Der Kulturwissenschaftler Roland Girtler hat es konzipiert und betont, dass damit weder Wildschützen verherrlicht noch gesetzloses Handeln gerechtfertigt werden soll. „Bereits in der Antike wurde Jagd als noble Angelegenheit geschildert, wie der römische Schriftsteller Horaz berichtet. Nach altem deutschen Recht hatte jedoch jeder freie Bauer das Recht zur Jagd.

Bauern arm gemacht

Erst nach dem Jahr 1000 wurde es ihm von Adel und Klerus genommen. Der gedemütigte Bauer wehrte sich, zumal seine Äcker durch die noble Jagd und durch den Wildschaden zu leiden hatten. Nach der Bauernbefreiung 1848 erhielten die Bauern zwar ein Drittel des adeligen Grundbesitzes übertragen, mussten jedoch eine Art Ablöse bezahlen, was häufig nicht leistbar war. In dieser Zeit haben deutsche Adelige wie der Herzog von Württemberg oder Schaumburg-Lippe große Waldgebiete in Oberösterreich von verschuldeten Bauern erworben.“

Wilderersprache

Girtler kennt zahlreiche Wörter aus der Wilderersprache wie „Lauf putzen“, was „lustvolle Betätigung“ bedeutet oder „Abschrauber“, womit ein Gewehr mit abschraubbarem Lauf bezeichnet wird. Genau eine solche Abschraubbüchse zeigt uns der ehrenamtlich tätige Museumsführer Leopold Geiblinger bei einem Rundgang durch die Ausstellung.

Verbannung

Ebenso ein als Gehstock getarntes Gewehr. Ausführlich geschildert wird die Bestrafung der Wilderer. Geiblinger weiß: „Eine Form der Bestrafung war, dass Wilderer ein Hirschgeweih am Kopf tragen mussten. Im 17. und 18. Jahrhundert wurden Wilderer zum Schanzenbau an die Grenzen des Reiches, zum Beispiel im Banat, verbannt.“

Mannbarkeitsritual

Ein eigener Bereich ist dem Wildschütz als Liebhaber gewidmet. Geiblinger: „Das Wildern wurde gerade in Gebirgsgegenden zum Mannbarkeitsritual. Erst durch verwegenes Wildern erwarb der Bursch im Dorf Anerkennung. Die Fenster der Sennerinnen in den Almhütten standen ihm offen.“ Ein Versreim aus früherer Zeit drückt das treffend aus: „Was hat denn a Wildschütz? Ein Wildschütz hat nix. Wia a schwarzaugats Dirndl. Und a Abschrauberbüchs.“

Autor Josef Leitner ist Unversitätslektor und besucht interessante Plätze der Natur und Kultur