"Geisterzug": Die Polizei will nicht ermitteln

Zugunglück Wieselburg…
Foto: KURIER/Gilbert Weisbier Frontalcrash in Wieselburg

Gleich vier Bremsen lösten sich, Zug rollte fast 30 Minuten. ÖBB ziehen erste Konsequenzen.


Ein über 1000 Tonnen schwerer, voll beladener Güterzug rollt herrenlos fast eine halbe Stunde von Bad Vöslau bis nach Mödling – und legt die Südbahnstrecke zwei Stunden lang lahm. Hier verkehren internationale Züge wie Railjets, eine Schnellbahn war am Nebengleis unterwegs als der herrenlose Zug vorbeirollte. Die 19 Waggons waren mit gleich vier Handbremsen gesichert, die sich offenbar alle gelöst hatten. Natürlich ist ein Sabotageverdacht nicht von der Hand zu weisen und wurde zunächst auch von den ÖBB nicht ausgeschlossen.

Dennoch wird der brisante Vorfall bisher ausschließlich durch von den ÖBB bezahlte Mitarbeiter untersucht. Weder die erst am Nachmittag kontaktierte Polizei noch die Staatsanwaltschaft zeigen derzeit ein Interesse daran, die genaueren Hintergründe zu untersuchen: "Wir sind in Kenntnis darüber, was passiert ist. Aber derzeit gibt es noch keine konkreten Hinweise auf ein mögliches Fremdverschulden. Sobald es von Seiten der ÖBB einen anderen Verdacht gibt, wird es eine Anzeige geben", erklärt ein zuständiger Beamter.

"Keine konkrete Gemeingefährdung"

Damit die Staatsanwaltschaft von sich aus Ermittlungen starten kann, braucht es den Anfangsverdacht einer Straftat, erklärt der Sprecher der Staatanwaltschaft Wiener Neustadt, Erich Habitzl. Führerlos dahin rollende Eisenbahnwaggons erfüllen nicht von vorne herein den Tatbestand der "Gefährdung der körperlichen Sicherheit", sagt Habitzl: "Wenn der Vorfall rechtzeitig erkannt und Maßnahmen gesetzt wurden, damit niemand zu Schaden kommt, dann liegt keine konkrete Gefährdung vor. Sollte die Unfallkommission der ÖBB ein anderes Ergebnis zu Tage bringen, werde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.

HYPO-U-AUSSCHUSS: HABLE Foto: APA/HERBERT NEUBAUER Neos-Abgeordneter Hable Als erstes prüfte die interne ÖBB-Konzernsicherheit den Vorfall. So wurden auf eigene Faust Videos gesichtet – dabei soll aber nichts auffälliges entdeckt worden sein, erklärt Bahnsprecher Roman Hahslinger. Der Güterzug wurde in eine Halle geschleppt, anschließend wurde die Untersuchungsstelle des Verkehrsministeriums eingeschaltet. Doch: Deren Chef bezieht sein Gehalt von den ÖBB, genauso wie zwei seiner Mitarbeiter, die diese Fälle untersuchen. Bleibt die Frage offen, ob ein mögliches Verschulden der ÖBB hier überhaupt zu Tage treten würde.

Neos fordern Konsequenzen

"Das Wort Interessenskonflikt scheint man in Österreich nicht zu kennnen", kritisiert Neos-Abgeordneter Rainer Hable. Er hat die aufklärungswürdigen Zustände (sowohl bei Schienen- als auch bei Flugunfällen) bereits mehrfach angeprangert und dazu serienweise Anfragen ins Parlament gebracht. Doch Folgen hatte das bisher nicht, die Unfalluntersuchungen geschehen weiterhin so wie bisher, obwohl auch ÖVP und Grüne heftige Kritik daran üben.

… Foto: KURIER/Dominik Schreiber ÖBB-Sprecher Hahslinger Die ÖBB haben jedenfalls noch am Donnerstag die Order ausgegeben, dass künftig jeder stehende Zug mit Hemmschuhen (Keilen) gesichert werden muss. Einen Zusammenhang mit zwei ähnlichen Vorfällen in Wieselburg und Wien schließt man aus – bei diesen beiden Unfällen gab es zuvor Verschubarbeiten. Der aktuelle Zug stand hingegen vier Tage unberührt auf einem so genannten "Ladegleis", einer Art Parkplatz für Züge.

ÖBB: "Keine Erklärung"

Aufgefallen ist das "Entrollen" des Zuges – so der Fachausdruck – laut Hahslinger gleichzeitig in der Betriebsführung am Wiener Hauptbahnhof sowie einem S-Bahn-Fahrer, der am Gegengleis unterwegs war, und per Handy die Leitstelle informierte. Die ÖBB haben derzeit "keine Erklärung", wie es zu dem Vorfall gekommen ist. Um die Bremsen zu lösen sei jedenfalls "Fachwissen" notwendig, wird betont. Was Donnerstag in der Früh genau auf Gleis sieben des Bahnhof Bad Vöslau passiert ist, bleibt vorerst ein Rätsel.

(kurier) Erstellt am
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